50. Die Fähre an der Mündung des Ugen-darja. ([S. 126.])

51. Begrüßung Parpi Bais und Islam Bais. ([S. 126.])

1. Dezember. Der Tarim verändert seinen Charakter nicht. Er fließt in weitem Bogen nach Nordosten, von üppigem Wald begleitet, hinter welchem der gelbe Sand noch mächtiger zu werden scheint. Der Wasserstand ist derselbe geblieben. Wir gingen in einer Biegung an Land und machten von der Höhe des Sandes aus ein paar photographische Aufnahmen, von denen eine hier ([Abb. 49]) beigefügt ist. Der Unterschied zwischen den verschiedenen Teilen des Flusses tritt hier schärfer als je hervor. Das eigentliche Strombett ist grau und reich an weißen Eisringen; die Lagunen an den Seiten und innerhalb der Schlammablagerungen sind klar grünblau und mit 10 Zentimeter dickem, glashellem Eis bedeckt, das knackt und klingt, wenn man darauf geht. Im Südosten verliert sich der Blick in unendlich weite Ferne über unzählige Dünenkämme, und auch im Nordwesten zieht sich ein Sandgürtel hin, der jedoch nicht besonders umfangreich sein kann. Zwischen diesen beiden Gebieten erreicht die Breite des Vegetationsgürtels höchstens zwei Kilometer, obwohl einzelne Tamarisken sich hie und da ein wenig weiter fort vom Ufer verirren. Unmittelbar am Flusse hat das Ufer gewöhnlich einen Schilfrand.

Ich wurde in aller Frühe von einem gewaltigen Knattern gegen den Boden der Fähre geweckt; es war das aufsteigende „Kade“. Es steigt fast gleichzeitig mit der aufgehenden Sonne; nachts ist es nicht zu sehen. Wenn man frühmorgens mit einer Stange auf dem Grunde entlang fährt, ist dieser hart und glatt wie Eis, später am Tage aber fühlt er sich weich und uneben wie gewöhnlicher Sand an. Dann ist das Kade bereits hochgegangen. Wenn das Treibeis an den Seiten der Fähre entlang schrammte, klang es ungefähr, als ob man mit einer Zuckerschneidemaschine Zucker zerkleinerte. Anfangs waren die Hunde auf diese neue, unerklärliche Erscheinung wütend und bellten die unschuldigen Eisschollen ohne Unterschied an, bald aber gewöhnten sie sich daran und liefen, als diese zahlreicher und dichter geworden, sogar auf ihnen an Land.

Oft werden wir von dem Treibeise gewarnt. Es geht ebenso tief wie die Fähre und bleibt selbst stehen, häuft sich an, knattert und kracht, sobald das Wasser nicht tief genug ist. Die Lopmänner behaupteten, das Kade erhöhe die Geschwindigkeit des Wassers, was ich jedoch bezweifle, da diese ewigen Kollisionen eher die entgegengesetzte Wirkung haben müssen.

Am 2. Dezember legten wir bei einer Geschwindigkeit von 66 Zentimeter in der Sekunde 23,17 Kilometer zurück, und die Windungen waren so unbedeutend, daß die Luftlinie nicht viel kürzer sein dürfte. Der Fluß stieg über Nacht ein wenig, aber das Wasser war noch immer ebenso trübe, was wohl zu einem nicht geringen Teile der auf dem Grunde vor sich gehenden Eisbildung zugeschrieben werden muß. Die äußerste Dünenwand des Sandmeeres tritt etwas zurück und ist schließlich nicht mehr zu sehen. Uferlagunen kommen noch immer vor; sie stehen mit dem Flusse durch einen schmalen Kanal in Verbindung, aber die Mündung des Kanals ist jetzt verstopft, so daß die dem Kade entflohenen Fische in einer Falle sitzen. Die kleinen Seen sind beinahe immer nach ihren Besitzern genannt, die hier allein das Fischrecht haben.

Zur Linken war es jetzt nicht weit nach dem früher von mir besuchten Tarimarme Ugen-darja, den mächtige Wälder umgeben. Das nördliche Sandgebiet hat auch aufgehört, und die Waldgebiete beider Flüsse bilden jetzt eine zusammenhängende Waldgegend.

Eine schwache Brise genügte, um die Kälte fühlbar zu machen; die über dem Kohlenbecken erwärmte Luft wurde fortgetragen, und die Tinte gefror unaufhörlich in der Feder. Den Himmel bedeckten dichte Wolken, die wie Tücher über der Erde lagen, ohne eine Schneeflocke von sich zu geben. Abends aber glänzte die Sonne wie eine Kugel von glühendem Golde unter diesem düsteren Thronhimmel hervor, und ihre Strahlen erzeugten großartige Lichtwirkungen. Die ganze Lufthülle schien wie ein brennbares Gas Feuer gefangen zu haben; die Schilffelder leuchteten purpurn, die Pappeln breiteten ihre Zweige wie geöffnete Arme aus und schienen sich an dem Abschiedskusse der untergehenden Sonne zu berauschen, und die untersten Teile des Himmels glänzten in intensiv violetten Schattierungen. Das schöne Schauspiel währte jedoch nur einige Minuten, dann kam die Dämmerung und hüllte alles in ihren gedämpften, eisengrauen Ton ein, und die Schilfstauden, die eben noch ihre langen Speere wie eine Leibgarde zu Fuß bei festlicher Parade geschultert hatten, standen wieder so einförmig und langweilig da wie Gartenzäune bei uns zu Hause.

Wir sehnten uns nach Menschen, denn die Ufer waren so traurig still. Gab es denn keine Hirten in dieser verlassenen Gegend? Das Wissen unserer Wegweiser ging auf die Neige, und wir bedurften neuer Leute, die das Land besser kannten.