Als die Dunkelheit undurchdringlich wurde, kommandierte ich Halt. Die Kähne huschten wie Irrlichter über das Wasser, die Laternen schaukelten auf ihren Stangen hin und her, und ihre Bilder im Wasser beleuchteten die Stromringel auf der Oberfläche des Flusses und glänzten auf den Eisschollen. Man sieht nichts weiter als diese Lichtpunkte vor sich. Sie bleiben stehen und scheinen wie Leuchtkäfer auf das Ufer hinaufzufliegen und dort im Schilfe umherzuhuschen. Wir folgten den Kähnen und wählten einen Lagerplatz aus, der jedoch nicht recht für uns paßte, da es dort an dürrem Holze fehlte. Um die Landschaft zu erhellen und mit besserem Erfolge nach Brennholz suchen zu können, steckten die Männer das ungeheuer dichte Schilf, welches die Uferterrasse bedeckte, in Brand. Wie Bambusrohr knisternd, knallend und pfeifend wurde dieses dürre Kamisch von den entfesselten Flammen verzehrt. Es wurde ein riesenhaftes bengalisches Feuer, und sein wilder, gelbroter Schein fiel auf das dunkle Wasser, wo er die Tausende von Treibeisschollen, die in rastlosem Zuge vorbeitrieben, scharf beleuchtete. Diese schienen auf der Pilgerfahrt nach einem gemeinschaftlichen Wallfahrtsorte begriffen zu sein; sie folgten alle derselben großen Heerstraße, auf der sie geboren werden und sterben, aber sie wetteiferten nicht miteinander, sie gingen in schönster Ordnung, alle in demselben Takte. Sie zogen vorbei wie Wassergeister, welche jeden Abend eine muntere Polonaise tanzten, um die Beendigung der Jahresarbeit des Flusses zu feiern und sich vor dem langen Winterschlafe noch gründlich zu amüsieren. Sie glitten dahin wie eine Prozession friedloser Muselmänner mit weißen Turbanen um die Köpfe, wie Freier, geschmückt mit Kränzen von kleinen weißen Immortellen aus vergänglichem Eise.

Recht eigentümlich wirkte die große Fähre sowohl auf dem Fluß wie auf das Ufer unseres Lagerplatzes Ilek ein. Das Treibeis trieb gerade gegen ihre eine Längsseite und strich so an ihr entlang, daß es nachher eine ganze Strecke flußabwärts eine ganz gerade Richtung beibehielt, die jedoch nach und nach wieder eingebüßt und in der Strömung zerstört wurde. Gegen die 1,35 Meter hohe Uferterrasse erzeugte die Fähre, die wie ein Wellenbrecher dämpfte, einen Stromwirbel, der schon an demselben Abend begann, das lose Erdreich der Terrasse zu unterminieren, so daß es nach und nach ins Wasser plumpste. Ich fürchtete, daß es zu einem verhängnisvollen Rutsche kommen würde, aber die Terrasse hielt.

Am 3. Dezember war der Fluß zu drei Vierteln mit Treibeis bedeckt, welches Verhältnis natürlich im Laufe des Tages unaufhörlich wechselt. Wo der Fluß schmal ist, wird die ganze Masse so zusammengedrängt, daß vom Wasser gar nichts zu sehen ist; dann scheint es, als lägen die Fahrzeuge eingefroren in einem treibenden Eisfelde. Was macht es uns jetzt aus, ob es weht, wir werden von dieser nachdrängenden Schlange, die sich zwischen den Ufern hinwindet, widerstandslos mitgenommen. Dort jedoch, wo der Fluß wieder breiter wird, zerstreuen sich auch die Eisschollen, und offenes Wasser kommt wieder zum Vorschein.

Die Eisschollen klirren munter gegen die gefrorenen Ufer; man wird nicht müde, die streifige Marmorierung, diese glänzenden Eismuster, diese Schlingen, Girlanden und langsamen Karusselle zu betrachten, lauter wechselnde Muster, die von dem gesetzmäßigen Laufe des Stromes vorgeschrieben werden. Die Geschwindigkeit war den ganzen Tag über die beste, und wir schwebten ungehindert an üppigen Wäldern und mächtigen Sandausläufern vorbei, die sich beständig in neuen, wunderbaren Perspektiven zeigten. Doch es war nicht mehr so wie früher auf dem ruhigen, spiegelblanken Jarkent-darja; jetzt erfüllte die Luft ein Sausen, das immer stärker wurde, je mehr sich der Fluß verschmälerte, und das von diesen Massen von Treibeis verursacht wurde. Die Eisränder der Ufer näherten sich einander immer mehr, und es kann nur noch ein paar Tage dauern, bis die Brücke fertig ist. Jetzt liegen sogar die Teile des Flusses, in denen das Wasser langsam fließt, unter einer Eisdecke, die so hell wie Glas schimmert. Der Wald wird wieder dünn, der Fluß breiter, die Landschaft offener; man hat nach allen Seiten hin freie Aussicht. Oft scheint der Fluß vor uns gar kein Ende zu nehmen; er erstreckt sich geradeaus in die weite Ferne wie ein wunderbares, weißes Band, eine wahre Milchstraße.

An der Kanalmündung Daschi-köll überraschten uns zwei Reiter am Ufer. Hassan Bek von Teis-köll hatte sie ausgeschickt, um uns ausfindig zu machen. Der Sohn des Beks mit einem Gefolge von zehn anderen Männern erwartete uns eine ziemliche Strecke weiter unten bei Momuni-ottogo. Er hatte mit den beiden Spähern verabredet, daß diese, falls sie uns träfen, ihn durch angezündete Feuer davon benachrichtigen sollten. Sie ritten nun wieder zurück, und wir sahen eine Rauchsäule nach der anderen aufsteigen, und als wir Momuni-ottogo erreichten, brannte dort ein Feuer, und die ganze Gesellschaft erwartete uns mit einem Dastarchan.

Hassan Beks Sohn brachte wichtige Nachrichten. Meine Karawane hatte sich drei Tage in Teis-köll aufgehalten und sollte gestern nach Jangi-köll und von dort weiter nach Argan, dem in Lailik festgesetzten Vereinigungspunkte, ziehen. Da wir aber jeden Augenblick einfrieren konnten und es von Wichtigkeit war, die Kamele nahe zur Hand zu haben, schickte ich an Nias Hadschi und die Kosaken einen reitenden Eilboten mit dem Befehl, sie sollten da, wo sie sich gerade befänden, bleiben. Ferner erfuhr ich, daß sich mein alter Freund Chalmet Aksakal aus Korla bei der Karawane befinde und Parpi Bai mich in Karaul erwarte.

Über die Eigenschaften des Flusses in diesen Gegenden wurde mir mitgeteilt, daß er von Anfang Dezember bis Anfang März zugefroren und dann noch einen halben Monat mit porösem Eise bedeckt sei. Das Hochwasser erreiche diese von den Quellen so weit entfernten Gegenden erst Anfang August und stehe Ende September oder Anfang Oktober am höchsten. Nachher falle der Wasserstand täglich, sei aber einige Zeit vor dem Zufrieren keinen Veränderungen unterworfen. Wenn der Fluß zugefroren sei, steige das Wasser, was seinen Grund darin haben solle, daß das Treibeis sich nach der Mündung hin zusammenpacke und zu einer Art Damm aufstaue. Wenn dieses sich wieder verteilt habe, falle das Wasser von neuem. Während des Juni habe es seinen tiefsten Stand, und man könne dann an mehreren Stellen den Fluß zu Pferd durchwaten.

Es versteht sich von selbst, daß die Unterschiede zwischen dem Hochwasser und dem niedrigsten Wasserstande im unteren Tarim, der so weit vom Gebirge liegt, viel unbedeutender sein müssen als z. B. im Jarkent-darja bei Jarkent oder im Aksu-darja bei Aksu. Je weiter abwärts wir kommen, desto mehr gleichen sich diese Unterschiede aus, und die Wassermenge wird auch in wesentlichem Grade von jenen unzähligen Lagunen und Uferseen reguliert, welche die Ufer des Tarim wie Schmarotzer, die sein Blut aufsaugen, begleiten. Die im Jarkent- und Aksu-darja, im Chotan-darja und Kisil-su so gewaltige Frühlingsflut verliert daher unterwegs nach und nach ihre ungestüme Überschwemmungskraft. Denn erst müssen die Lagunen, die im Sommer ausgetrocknet sind, neu gefüllt werden, wozu ungeheure Wassermengen gehören. Erst nachdem sie den ihnen zukommenden Anteil erhalten haben, macht sich das Hochwasser in den unteren Regionen fühlbar. Wenn der Zufluß von oben sich verringert und aufhört, wirken diese Behälter wieder als Reservoire. Um die Zeit, als wir Lailik verließen, hatte das Hochwasser Momuni-ottogo und Karaul erreicht, jetzt aber, Anfang Dezember, hatte es schon vor ein paar Monaten seine trübe Flut in die äußersten Seen des Tarimsystems ergossen.

Bei Momuni-ottogo waren wir wieder mit freundlichen, dienstwilligen Eingeborenen in Berührung gekommen. Die Nacht war dunkel und bitterkalt, und der eintönige Zug des Treibeises wurde dann und wann von einem eigentümlichen Laute übertönt, der dadurch hervorgebracht wurde, daß unsichtbare Kräfte neue Netze von glashellem Eise über die ruhigen Flächen des Flusses spannten. Der Tag war im ganzen hell und freundlich gewesen; wir hatten eine lange lehrreiche Fahrt gemacht und erfreuliche Nachrichten von den Unseren erhalten. Es war aber auch schon der erste Adventsonntag, und wir standen auf der Schwelle des Grabgewölbes des Tarim, das immer mehr mit Kränzen von weißen Immortellen überhäuft wurde.

Zwölftes Kapitel.
Wir frieren fest und gehen ins Winterquartier.