Während der letzten drei Tagereisen nahm die Strömung an Schnelligkeit zu; am 4. Dezember legten wir im Durchschnitt 1 Meter in der Sekunde zurück, bisweilen aber war die Fahrt beinahe unangenehm stark, und die Fähre strich längs der Ufer hin, daß es in den Eisrändern krachte. Der Pappelwald hört nach und nach auf, und bei Karaul, wo der Ugen-darja mündet ([Abb. 50]), ist das Land entweder ganz kahl oder mit Kamischfeldern, kleinen Sanddünen ([Abb. 52]) und Tamarisken bedeckt.

Wir lagerten bei Karaul, denn dort erwarteten uns Parpi Bai und eine große Zahl anderer Eingeborener. Mein alter, treuer Diener von 1896 eilte an Bord, ergriff meine Hände und führte sie an seine Stirn; er war so gerührt über das Wiedersehen, daß er lange kein Wort hervorbringen konnte. Wie Islam Bai war auch er gealtert und graubärtig geworden, aber er sah ebenso prächtig aus wie früher, um so mehr als er jetzt eine besonders kleidsame Tracht trug, eine mit Pelz verbrämte blaue Mütze und einen dunkelblauen Tschapan ([Abb. 51]).

Den nächsten Tag blieben wir in Karaul. Ich mußte eine astronomische Beobachtung vornehmen und die Wassermenge des Ugen-darja und des Tarim messen. Jener führte gar kein Treibeis, dieser aber war voll davon, und das Messen war schwerer als gewöhnlich. Der Hauptfluß hatte jetzt 55,7 Kubikmeter, der Ugen-darja nur einige wenige. Das Wasser des Ugen ist bis zu 69 Zentimeter Tiefe durchsichtig, das des Tarim bloß bis auf 8 Zentimeter. Noch 300 Meter unterhalb des Zusammenflusses kann man den Unterschied zwischen dem Wasser beider Flüsse deutlich wahrnehmen.

Der Aksakal von Korla kam mir hier auch entgegen und brachte ein paar Kisten mit Birnen und Trauben mit, sowie einige hundert Zigaretten, die der russische Konsul in Urumtschi mir vor vier Jahren geschickt hatte, die aber jetzt erst ihren Bestimmungsort erreichten.

Karaul ist der Punkt, wo der Tarim sein scharfes Knie macht, um nach dem Lop-nor abzubiegen. Die Richtung ist Südost, und zeitraubende Bogen kommen nicht vor. Die Stromgeschwindigkeit war stark, und als wir einmal gegen einen im Grunde steckengebliebenen Pappelstamm stießen, half das nachschiebende Treibeis der Fähre darüber hinweg. Es war aber eine ungemütliche Geschichte; die ganze eine Seite wurde über das Wasser gehoben, schrammte auf der Pappel entlang und knallte dann förmlich auf die Wasserfläche nieder.

Der 7. Dezember war der letzte Tag auf dem Tarim im Schifffahrtsjahre 1899, das wußten wir schon am Morgen, denn die Karawane erwartete uns bei Jangi-köll, wohin wir nur noch eine Tagereise hatten, und kurz unterhalb dieses Punktes war der Fluß seit zwei Tagen in seiner ganzen Breite zugefroren. Wir traten also die Fahrt mit gemischten Gefühlen an; die Lailiker freuten sich, daß die Stunde ihrer Befreiung geschlagen hatte, Islam und Kader sehnten sich nach ihren Kameraden und nach dem Leben auf festem Boden, ich selbst war froh, daß die Reise so gut geglückt war und an einem für meine Pläne so geeigneten Orte endete; andererseits begann ich aber die letzte Tagereise mit wehmütigen Gefühlen, denn ich würde die Fähre, die dritthalb Monate mein friedliches Heim gewesen, mit Bedauern verlassen.

Drei Beke von den nächsten Dörfern und eine unabsehbare Reiterschar begleiteten uns auf dem Ufer, doch an Bord durfte nur der Bek von Jangi-köll, mit dem wir später noch viel zu tun haben werden.

Die letzte Tagesfahrt war eine der interessantesten der ganzen Flußreise, denn sie führte uns in ganz anders geartete Gegenden, als wir bisher passiert hatten. Der Fluß strömt beinahe gerade nach Südosten. Links dehnen sich endlose Gras- und Kamischsteppen aus, auf denen sich sehr selten eine einsame Pappel erhebt, rechts türmt sich ununterbrochen der hohe, unfruchtbare Sand auf, dessen Basis vom Flusse bespült wird. Das Ungewöhnliche ist, daß dieser Sand nichtsdestoweniger einer ganzen Reihe höchst eigentümlicher, von lauter öden Dünen ohne Spur von Vegetation umgebener Seen Raum gewährt. General Pjewzoff hatte auf seiner Reise einige von ihnen bemerkt, aber weder er noch ich hatten geahnt, daß ihre Zahl so groß sei, und es gehörte daher jetzt noch zu meinem Reiseprogramm, sie näher zu untersuchen, eine Karte von ihnen aufzunehmen und sie auszuloten.

Der Fluß war jetzt ganz mit Treibeis erfüllt, und nur ein Drittel der Fläche, wo sich die Stromfurche hinzog, war eisfrei, sonst war alles zugefroren. An einigen Stellen kamen wir nur mit Mühe hindurch auf Kosten der Eisränder, die klirrend wie Glas zersplitterten. Den Eisschollen wurde der Platz knapp; sie prallten aneinander und schoben sich übereinander, wobei sie Miniaturterrassen oder auf dem Eisbande der Ufer weiße Wälle bildeten. Die ganze Masse trieb mit unwiderstehlicher Kraft vorwärts; die Blöcke, die nicht mitkommen konnten, waren auf sich selbst angewiesen, während wir uns mitten in der Bahn hielten und sicher auf das Ziel losgingen.

Tus-algutsch-köll, der „See, wo Salz genommen wird“, ist die erste der langen Reihe von Wüstenlagunen, die gleich Trauben an einem Stengel am rechten Ufer des unteren Tarim hängen. Obgleich ich später reichlich Gelegenheit finden werde, diese seltsamen Gebilde zu besuchen, konnte ich mich nicht enthalten, schon jetzt an Land zu gehen, um wenigstens einen Blick auf den See zu werfen. Der Kanal, der den See mit dem Flusse verbindet, war an der Mündung mit Lehm und Reisig verstopft. Das Wasser wird auf diese Weise 2–3 Jahre lang isoliert, und die darin eingeschlossenen Fische sollen fett und schmackhaft werden, sobald das Wasser einen schwachen Anflug von Salz bekommen hat. Der zweite See ist der Seit-köll; er zieht sich beinahe eine Tagereise weit landeinwärts in den Sand hinein; seine drei Kanäle waren ebenfalls abgesperrt worden, um das nächste Hochwasser zu verhindern, mit dem See in Verbindung zu treten.