Die Flußkrümmung, an welcher der Seit-köll liegt, ist außerordentlich energisch in den Sand eingeschnitten, wo sie gleichsam eine vorgeschobene Bucht des Flusses bildet. Früher hatte das Sandmeer sich weit nach Nordosten erstreckt, war aber nach und nach von dem Flusse, der also auch hier nach rechts zu wandern scheint, zurückgedrängt worden.
Über die Bildung der Wüstenseen gaben mir die Landeskinder ziemlich phantastische Aufklärungen. Sie behaupteten, erst seien die Kanäle gegraben worden, dann habe sich der Fluß während der Hochwasserperiode durch sie neue Bahnen gesucht; große Wassermassen hätten sich in den Sand hineingewälzt, die Dünen verdrängt und jene großen Seen gebildet, die gewöhnlich nach dem Manne heißen, dem sie ihre Entstehung verdanken sollen. Es versteht sich von selbst, daß trotz alles Grabens keine Seen entstehen würden, wenn es in der Plastik des Bodens nicht schon gewisse notwendige Vorbedingungen gäbe. Auch der Dasch-köll ist in hydrographischer Hinsicht sehr eigentümlich. Dieser See liegt ganz dicht am Ufer des Flusses, ist aber noch durch einen bedeutenden Sandwall von ihm getrennt. Neulich hat der Fluß einfach die ganze Düne fortgespült, und seine Wasserfläche hängt jetzt unmittelbar mit dem Spiegel des Sees zusammen. Die Fläche des Sees steigt und senkt sich mit der des Flusses. —
An einem Punkte namens Arelisch begegneten uns Tschernoff und Faisullah und weiter abwärts Nias Hadschi und mehrere der Karawanenleute und begleiteten uns auf dem Ufer mit einer ganzen Reihe neuangeschaffter Hunde. Ihre Freude, uns gesund und munter auf der alten Fähre wiederzusehen, läßt sich nicht beschreiben. Sie hatten es kaum für möglich gehalten, daß mich dieses Ungetüm Hunderte von Meilen würde transportieren können, während sie auf staubigen Wegen so manchen ermüdenden Schritt getan. Jetzt konnten wir bleiben, wo wir wollten, denn wir waren wieder mit der Karawane in Verbindung. Da mir aber Tschernoff sagte, wir hätten nur noch ein paar Stunden bis an einen Punkt, wo das Treibeis sich zusammengepackt habe und zu einer dichten Masse zusammengefroren sei, durch die nicht hindurchzukommen sei, beschloß ich, beim Scheine der Laternen weiterzufahren.
Die letzte Nacht unserer Flußreise war schon einige Stunden unter ihrem schwarzen Schleier dahingeschritten, als ein großes Feuer am linken Ufer aufflammte. Es war von unseren Karawanenleuten an einem geeigneten Landungsplatze gleich oberhalb der Eisbarre angezündet worden. Hier legten wir zum letztenmal an und gingen müde und frierend nach dem Feuer hinauf, wo wir bald in lebhaftem Gespräche mit den Unseren waren.
So hatte denn diese märchenhafte, friedvolle Reise ihr Ende erreicht! Wie im Traume konnte ich zurückblicken auf alle die verflossenen Tage mit ihren reichen Erfahrungen, auf unser einsames Leben an Bord, unsere Abenteuer und Exkursionen, unsere venezianischen Abende und den endlosen Wald, der unseren Weg mit seinen gelben Blättern bestreute. Nie hat sich eine Reise so glücklich und bequem ausführen lassen; sie bildete in der Tat einen passenden Übergang zwischen dem stillsitzenden Leben in Stockholm und den mühevollen Jahren, die jetzt vor mir lagen. Ich war wie auf einem Triumphwagen mitten in das Herz von Asien geführt worden und nun war ich dort; und wohin ich mich wendete, lockte das Unbekannte mit magischer Anziehungskraft. Es war ein eigentümliches Zusammentreffen, daß uns das Eis gerade an dem Punkte, an dem sich die Karawane befand, den Weg versperrte. Sie war vor drei Tagen hier angekommen und hatte durch ausgesandte Kundschafter Kenntnis vom Herannahen der Fähre erhalten, worauf sie im ersten besten Dorfe geblieben war. Es war durchaus keine Enttäuschung, daß wir den anfangs bestimmten Vereinigungspunkt Argan nicht vor dem Zufrieren des Flusses erreicht hatten, sondern im Gegenteil ein großer Vorteil. Es stellte sich nämlich heraus, daß Jangi-köll der vorzüglichste Ausgangspunkt für die großen, gefährlichen Expeditionen war, die ich nach den Wüsten im Osten und Westen plante, und daß es überdies noch den Vorzug hatte, nicht sehr weit von Korla entfernt zu liegen, der nächsten Stadt, wo wir das, was wir zur Ausrüstung der Karawane brauchten, finden konnten.
Jetzt war keine Eile mehr nötig, und es war zu schön, am Morgen des 8. Dezember ruhig ausschlafen zu dürfen. Die Kosaken suchten einen sehr geeigneten Platz für das Winterquartier aus, der einige hundert Meter oberhalb des Punktes, an dem wir Halt gemacht hatten, ebenfalls auf dem linken Ufer des Flusses lag. Dorthin wurde das ganze Gepäck der Karawane gebracht, und hier schlugen die Leute ihre Zelte auf. Dort war ein vorzüglicher, jetzt fest zugefrorener kleiner Hafen mit steilen Ufern, dessen Eis mit Äxten und Stangen aufgebrochen wurde. Die Fähre, die während der Nacht auch tüchtig festgefroren war, wurde aus ihren Banden befreit und nach dem Hafen gezogen, wo sie am Ufer vertäut wurde, welche Vorsichtsmaßregel jedoch überflüssig war, da sie sehr bald von fußdickem Eise eingeschlossen war. Im Laufe des Winters gefror das Wasser hier zum Teil bis auf den Grund, und unsere weitgereiste Wohnung lag wie auf einem Bette von Granit.
Der erste Abend im Winterlager führte eine jener unangenehmen Entdeckungen herbei, die jedoch etwas ganz Gewöhnliches sind, wenn man so naiv oder gutmütig ist, allzu großes Vertrauen auf die Ehrlichkeit eines Muhammedaners zu setzen. Nias Hadschi hatte in Lailik 4½ Jamben bekommen, mit denen er teils den Lebensunterhalt der Karawane bestreiten, teils allerlei Einkäufe machen sollte. Die Summe war so reich bemessen, daß ein hübsches Stück Geld hätte übrigbleiben müssen. Statt dessen aber hatte mein Karawan-baschi unterwegs noch eine Anleihe von gegen 4 Jamben gemacht. Jetzt wurde am Feuer Gericht abgehalten; ich hatte auf dem Richterstuhle — einem Mehlsacke — Platz genommen, und der angeklagte Sünder, seine Ankläger, die Zeugen und Zuhörer standen um mich herum; es war feierlich und tragisch, und gern hätte ich noch ein paar Jamben dazubezahlt, wenn ich mit meinem Diener nicht hätte ins Gericht zu gehen brauchen. Doch um ein Exempel zu statuieren, den anderen zur Warnung, und die Autorität, die der Führer haben muß, aufrechtzuhalten, nahm ich Nias Hadschi vor und verlangte von ihm Rechenschaft darüber, wie er die ihm anvertrauten Gelder verwaltet habe. Wie er diesem Verlangen nachkam, wird jeder sagen können, der je mit Muhammedanern zu tun gehabt hat; er suchte mir auseinanderzusetzen, daß nicht ein Tenge unnötig ausgegeben sei und daß er ehrlich und treu seinen Auftrag ausgeführt habe — aber er log. Sirkin hatte auf meinen Befehl auf der Reise Buch geführt, und es war leicht, die Ausgaben zu kontrollieren. Außerdem wurde ihm zur Last gelegt, daß er hochmütig und stolz gegen die anderen gewesen sei. In Aksu hatte er seine eigenen, in Korla seines Sohnes Schulden bezahlt, und dieses Herrchen hatte er mir noch obendrein als Geschenk mitgebracht. Ich wollte ihm nicht an diesem Tage, der für mich so glückbringend gewesen, ein zu strenges Urteil sprechen; überdies hatte ich ihn ja selbst in Versuchung geführt, indem ich ihm soviel Geld anvertraut hatte. Das Urteil lautete auf Entlassung; im Laufe des folgenden Tages sollte er das Lager verlassen.
Eigentümlich sind diese Muselmänner; man wird nie recht klug aus ihnen. Dieselben Männer, die ihn eben noch angeklagt hatten, legten nun Fürbitte für ihn ein und baten, ich möchte ihn doch nur degradieren und als Koch der Muselmänner behalten. Es nützte ihnen jedoch nichts; das Urteil war gesprochen, und ich wollte meinen Entschluß nicht ändern. Es tat mir freilich leid, den alten Mann, den Mekkapilger, den Freund des Propheten und Prschewalskijs einstigen Diener, allein in den öden Winter hinauszuschicken. Ich versprach, der ganzen Geschichte nicht mehr zu gedenken, und als er abzog, gab ich ihm noch eine halbe Jamba mit auf den Weg, die seine Tränenfluten stillte. Hiermit war seine kurze Geschichte zu Ende, und er war sicher der Ansicht, noch gut davongekommen zu sein. Er hatte bei unserer herumziehenden Theatertruppe von Karawane als ein Schauspieler figuriert, der nur im ersten Akte auftritt. Doch im Laufe des Stückes werden immer neue Schauspieler die alten ablösen und ihre Rollen mit wechselndem Glück spielen. Der Souffleur ist das Gewissen, die Bühne das innerste Asien, und die Zuschauer sind die Sterne des Himmels und die am Tage heulenden Stürme. Wenn man den Himmel als Zuschauer hat, muß man gut spielen und muß mild gegen schlechte Spieler sein. —
Während der drei Tage vom 9. bis zum 11. Dezember wurde das Lager und die Zusammensetzung der Karawane für die nächste Zukunft geordnet. Chalmet Aksakal erhielt den Auftrag, uns von Korla eine Verstärkung einiger unserer Vorräte, zwei mongolische Filzzelte und fünf Maulesel zu besorgen, sowie einige Silberbarren in Kleingeld umzuwechseln, und zwar in Tengestücke aus Jakub Beks Zeit, die zwischen Korla und Tscharchlik noch gangbar sind und von denen 21 auf 1 Sär gehen. Musa Ahun sollte ihn nach Korla begleiten und mit den Sachen zurückkehren. Ferner sollte Chalmet Aksakal meine große Post mitnehmen und nach Kaschgar weiterschicken.
Die vier Männer aus Lailik, unsere guten, prächtigen Fährleute, traten jetzt vom Schauplatze ab und kehrten in ihre ferne Heimat zurück. Ihr vereinbarter Monatslohn wurde verdoppelt, und ich bezahlte ihnen die Heimreise. Ihre Dankbarkeit war groß, und mit Tränen in den Augen beteten sie „Dua“ und „Allahu ekbär“ für mich; mit Bedauern trennte ich mich von diesen Männern, die in jeder Hinsicht ein gutes Andenken hinterließen. Sie wollten zu Fuß nach Korla gehen, wo der Aksakal ihnen beim Einkaufen guter Reitpferde helfen sollte. Ich habe nachher nichts wieder von ihnen gehört, hoffe aber, daß sie glücklich nach Hause gelangt sind.