Trotz dieser großen Verminderung des Karawanenpersonals bot das Lager doch ein außerordentlich lebhaftes Bild dar. Die mir am nächsten im Range Stehenden der Leute waren die Kosaken und Islam Bai als unser Karawan-baschi. Parpi Bai wurde zum Oberaufseher der Pferde ernannt und benutzte seine freie Zeit zur Falkenjagd. In Friedenszeiten wurde der Falke mit lebendigen Hühnern gefüttert, ein greuliches Schauspiel. Turdu Bai und Faisullah waren für die Kamele verantwortlich und hielten abwechselnd an den Weideplätzen derselben Wache. Kurban, ein sechzehnjähriger, hübscher, offener und heiterer Junge aus Aksu, war Laufbursche, führte die Pferde zur Tränke und brachte denen, die draußen die Kamele hüteten, Essen. Ein mit diesen Gegenden außerordentlich gut bekannter Loplik, der treffliche Ördek, wurde für die grobe Arbeit im Lager, wie Wassertragen für die Küche, Holzfällen in dem nächsten dürren Walde und Futterholen für die Pferde, angenommen. Im Hafen wurde eine Wake aufgehauen und ständig offengehalten, das Kochwasser aber wurde stets aus dem Flusse geholt, wo es, weil fließend, frisch und rein war. Die Kamele trugen das Brennholz ins Lager, und unsere nächsten Loplik-Nachbarn verschafften uns auf Veranlassung des Beks der Gegend schon am ersten Tage tausend Bündel Klee und tausend Bündel Heu. Auch ein Schmied wurde für diverse Arbeiten angenommen; er mußte anfangs Sirkin helfen, mir Schlittschuhe zu machen. Ich hatte mir nämlich gedacht, mit diesem Transportmittel über die Seen zu ziehen, doch sie fielen nicht so aus, daß ich sie zu etwas anderem hätte benutzen können, als mir in der Nachbarschaft Bewegung zu machen.
Das Lager bekam Besuch von ganzen Scharen von Lopliks ([Abb. 55]). Sobald unsere Nachbarn gehört, daß wir uns in ihrem Lande niedergelassen und in der Wildnis ein kleines Dorf angelegt hatten, wallfahrteten sie scharenweise dorthin; sie brachten stets Geschenke mit und gaben uns so viele Aufklärungen, wie sie nur konnten. Es war ein fortwährendes Kommen und Gehen, und wenn ich an Bord im Zelte arbeitete, hörte ich ein ununterbrochenes Stimmengewirr wie von einem Marktplatze.
Das Zelt der Leute war unter der einzigen Pappel, die es im Lager gab, aufgeschlagen; dahinter lagen alle Kamellasten auf ihren Saumleitern aufgestapelt. Die Küche der Leute war ein Feuerherd unter freiem Himmel, umgeben von einer hohen Einfriedigung von Brennholz, die mit dem Winterbedarfe an Umfang zunahm. Das Ganze wurde von fünf Hunden bewacht, denn die Karawane hatte fünf Hunde aus Kutschar und Korla mitgebracht. Zwei von diesen waren unübertreffliche, schöne, sympathische Windhunde; sie wurden Maschka und Taigun genannt und waren schon vom ersten Tage an meine erklärten Günstlinge. Sie waren groß, hochgewachsen, weiß und sehr kurzhaarig, so daß sie im Winter beständig das Feuer aufsuchten und nachts bei mir in eigens für sie angefertigten Mänteln aus weißem Filz schliefen. Es war komisch zu sehen, mit welcher Gewandtheit sie ohne Hilfe in die Mäntel kriechen lernten und wie dankbar sie waren und wie wohlgefällig sie stöhnten, wenn man sie zudeckte. Auf dem Kriegspfade aber waren sie unüberwindlich und verbreiteten geradezu Entsetzen unter den Hunden der Umgegend. Ich habe nie Hunde auf so raffinierte Weise Krieg führen sehen wie Maschka und Taigun. Sie umkreisten ihren Gegner, bis sie ihn an einem Hinterbeine packen konnten, drehten ihn daran um sich selbst und ließen ihn erst los, wenn die Geschwindigkeit so groß war, daß der Ärmste kopfüber eine Strecke weit hintaumelte und dann heulend auf drei Beinen davonhinkte. Beim Füttern wagte keiner der anderen Hunde die Fleischstücke auch nur anzusehen, solange die Windhunde sich noch nicht sattgefressen hatten. Mir waren sie Gesellschafter und ein guter Ersatz für den ersten Dowlet, leider waren aber auch ihre Tage gezählt. Nach ihrer Ankunft im Lager fiel Jolldasch zwar nicht in Ungnade, er zog sich aber freiwillig ins Privatleben zurück und wagte mein Zelt nie zu betreten, wenn die Neuen dort waren. Er schlief aber getreulich vor dem Zelte, und wenn ich ihn beim Hinausgehen streichelte, sprang und bellte er vor eitel Dankbarkeit und Entzücken. Jollbars, der „Tiger“, war ein kolossaler schwarzbrauner Hund, ein Sohn des Lopdschungels mit Wolfsblut in den Adern, der immer an einer eisernen Kette bei den Kamellasten lag und so wild war, daß sich niemand in den Radius der Kette hineinwagte. Er war ein Hofhund furchtbarster Art, ein Ritter von den mörderischsten Reißzähnen, aber ich wurde selbst mit ihm bald gut Freund. Er spielte eine gewisse Rolle in der Karawane, begleitete mich auch auf dem Wege nach Lhasa, und als er zwei Jahre später spurlos verschwand, trauerten alle um ihn. Ich liebe die Hunde; sie gehen mit ihrem ganzen Wesen in den Mühen des Karawanenlebens auf und tun stets ihre Pflicht.
Als ich am Morgen des 10. aus dem Zelte trat, das noch immer an Bord stand, fand ich zu meinem Erstaunen das Holzgerüst zu einem ganzen Hause am Ufer aufgeschlagen. Der Bek von Jangi-köll hatte diese vorzügliche Idee gehabt; er hatte seine Leute aufgeboten, Bauholz besorgt und die Arbeit beim Morgengrauen anfangen lassen. Das Gerippe, das aus Pfählen, schmalen Stangen und Latten bestand, wurde im Laufe des Tages mit vertikal gestellten Schilfbündeln ausgefüllt, und sogar die Dachbalken wurden mit Kamischgarben bedeckt. Es wurde eine ideale Hütte von der im Loplande üblichen Bauart; sie enthielt zwei große Zimmer. Die Männer hatten sich das eine als meine Küche und Backstube, das andere als Aufbewahrungsort für mein ganzes Gepäck gedacht. Mir fiel jedoch ein, wie der bekannte Afrikaforscher Schweinfurth einmal Aufzeichnungen und Sammlungen von vielen Jahren dadurch eingebüßt hat, daß er sie in einer sehr feuergefährlichen Hütte aufbewahrte; ich ließ das Gepäck daher den ganzen Winter im Freien, es wurde aber mit Segeltuch und Filzdecken zugedeckt. Hätte es in meiner Absicht gelegen, in Jangi-köll zu überwintern, so hätte ich natürlich ein vollständiges, bequemes Holzhaus, in das die Fenster der Dunkelkammer hätten eingesetzt werden können, bauen lassen, aber ich hatte andere Pläne und sollte bloß einige Tage, zu drei verschiedenen Malen, an diesem schönen Orte Gastfreiheit genießen. Doch während dieser Tage kam mir die Hütte sehr zustatten, und sie erlangte einen gewissen Ruf im ganzen Loplande. Unser Lagerplatz wurde allgemein Tura-sallgan-ui (das von dem Herrn erbaute Haus) genannt ([Abb. 54]), und mir ist von Lopliks versichert worden, daß dieser Name sich für alle Zeiten in der geographischen Nomenklatur der Gegend einbürgern werde, geradeso wie eine Stelle am Kuntschekkisch-Tarim noch heute Urus-sallgan-sal oder „Der Russe baute eine Fähre“ heißt, weil dort einst Kosloff auf einem Floße von dürren Tograkstämmen den Fluß überschritten hat.
Die Hütte sollte jedoch die Vergänglichkeit aller anderen irdischen Dinge teilen. Als die nächste Frühlingsflut das Bett des Tarim füllte, überschwemmte er hier seine Ufer und zerstörte nicht nur den Bootshafen, sondern riß auch unsere Hütten und die Pappel mit fort; da waren wir aber schon abgezogen und hatten unsere Penaten auf festerem Boden aufgestellt. Es war dies jedoch eine schlagende Bekräftigung meiner auf jahrelange Beobachtungen gegründeten Theorien über die hydrographischen Unberechenbarkeiten in den unteren Teilen des Tarimsystems; nicht ein Stück blieb von Tura-sallgan-ui übrig, keine einzige Spur wird in Zukunft von unserem langen Besuche an diesem reizenden, aber trügerischen Ufer Zeugnis ablegen.
Wie friedlich vergingen mir die Tage in Tura-sallgan-ui! Ich hätte als Gast des Schahs von Persien in den Spiegelhallen und Marmorsälen seines Palastes nicht in gehobenerer Stimmung sein können als hier zwischen den Kamischmauern dieser luftigen Wohnung, wo der Wind seine unendlich melancholischen Trauermärsche in den Schilfstengeln pfiff, dem Klagen unzähliger, friedloser Luftgeister vergleichbar.
Für unsere acht Pferde wurde aus demselben Material ein geräumiger Stall erbaut, dessen eine Längsseite nach dem Hofe zu offen blieb. Unsere Hühner erhielten neue Kameraden, und wir kauften auch Schafe und Kühe, die uns mit Milch versahen. Das Ganze wurde schließlich der reine Gutshof, der, wenn er auch gerade nicht als Muster eines solchen gelten konnte, doch der gemütlichste und behaglichste war, mit dem ich je zu tun gehabt habe. Zwischen den Hütten, dem Zelte, den Kamellasten, der Küche und dem Hafen entstand ein freier Platz, der Markt des Dorfes; dort brannte Tag und Nacht ein Feuer, um das herum Matten ausgebreitet waren und Gäste empfangen wurden; dies war der „Klub“. Das Feuer durfte erst im Mai des folgenden Jahres ausgehen; es wurde nicht von jungfräulichen Vestalinnen, sondern von bärtigen Barbaren unterhalten. Die Nachtwachen, die alle zwei Stunden abgelöst und von den Kosaken kontrolliert wurden, speisten die Flammen während der nächtlichen Stunden und wärmten sich dort in den kalten Winternächten.
Schon seit unserer Ankunft hatte ich Erkundigungen über die Wüste im Südwesten eingezogen, aber die Bevölkerung wußte von den Geheimnissen, die sich hinter dem hohen Sande verbargen, herzlich wenig. Längs des rechten Ufers erstreckte sich eine berghohe Wand von unfruchtbaren Dünen und lockte mich mit geradezu unwiderstehlicher Gewalt. Das einzige, was ich gewiß wußte, war, daß ich jetzt einen gefährlichen Streich auf ihre Verschanzungen wagen, einen Kampf auf Leben und Tod mit dem breitesten Gürtel der Wüste Takla-makan beginnen würde. Aber, wie gesagt, irgendwelche Auskunft von Wert konnte ich nicht erhalten. Was mich am meisten in Erstaunen setzte, war das Entsetzen, mit dem das Volk von der Wüste sprach, die gewöhnlich schlechtweg Kum, Tschong-kum oder, nach einer sagenhaften Stadt, die in ihrem Inneren begraben liegen soll, Schahr-i-Kettek-kum genannt wurde. Man hielt es für das Schlimmste, was einem Menschen passieren könne, wenn er sich freiwillig oder unfreiwillig dorthin verirrte; keiner war je dort gewesen; ehemalige Kameljäger und die heutigen Goldsucher hatten sich nur zwei Tagereisen weit vom Flusse zu entfernen gewagt und waren dann stets schleunigst wieder umgekehrt, von Entsetzen über diesen unheimlichen, gar kein Ende nehmenden Sand überwältigt. Wir wurden für Selbstmörder angesehen, als wir dorthin zu wollen erklärten, und man prophezeite uns, daß wir nie mehr zurückkehren würden. Ich beruhigte die Leute jedoch ein wenig, indem ich ihnen erzählte, es sei nicht das erste Mal, daß ich mich erdreiste, den Kampf mit der Sandwüste aufzunehmen.
Von Tura-sallgan-ui sah man im Südwesten eine Unterbrechung in dem Sandwalle. In ihr sollte das Becken des Basch-köll liegen, und am Ufer davor ist ein Dorf Jangi-köll-ui, in dem mehrere unserer Lieferanten und neuen Freunde wohnten. Das Wenige, was mir erzählt wurde, erhöhte nur noch mein Verlangen, die Wüste zu besuchen. In der Verlängerung der Seen in dieselbe hinein sollten sich offene, kahle Bodeneinsenkungen hinziehen, die trockenem Seeboden glichen, nach Ansicht der Eingeborenen aber durch Nordostwinde, die den Sand fortfegen, entstanden waren. Diese Senkungen werden „Bajir“ genannt, doch wie weit sie gehen, wußte niemand. Man hatte nur von früher gehört, daß vor vielen hundert Jahren fern im Südwesten ein heidnisches Volk unter dem Herrscher Atti Kusch Padischah gewohnt habe. Heilige Imame hätten sich zur Verbreitung des Islam dorthin begeben; da das Volk aber die neue Lehre nicht annehmen wollte, hätten die Imame den Fluch und die Rache des Himmels über das ganze Land herabgerufen; dann habe es tagelang Sand geregnet und Land, Volk und Städte seien darunter begraben worden.