56. Zusammentreffen mit dem Franzosen Bonin. ([S. 144.])

57. Bonin im Hauptquartier. ([S. 145.])

58. Parpi, Palta und Islam auf den äußersten Dünen des Sandmeeres am Jangi-köll. ([S. 150.])

Bevor ich endgültig aufbrach, wollte ich eine kürzere Versuchsexkursion machen, um zu rekognoszieren, und berief daher abends alle nach dem „Klub“, wo ich folgenden Tagesbefehl für den 11. Dezember erteilte. Die Kamele, die die Exkursion mitmachen sollten, mußten über den Fluß geführt werden, der notwendige Proviant war zu ordnen, und die Verbindung zwischen beiden Ufern offen zu halten. Während meiner Abwesenheit sollte die Hütte wohnlich eingerichtet werden. Das große, dem Flusse zugekehrte Zimmer sollte in zwei kleine geteilt werden, von denen das innere doppelte Kamischwände erhalten und mit Filz ausgeschlagen werden sollte, um es zugfrei zu machen. Der Fußboden sollte mit Binsen und Teppichen belegt werden, in der Mitte aber eine Feuerstelle und darüber ein Loch im Dache sein. Das neue Haus war bis zu meiner Rückkehr fertigzustellen.

Während ich am 11. meine wissenschaftlichen Beobachtungen machte, wurden Anstalten zum Überführen der Kamele getroffen, was durchaus nicht leicht war. Unsere Annahme, daß das Eis tragen würde, erwies sich als unrichtig. Ein heftiger Wind hatte die gefrorenen Stellen wieder aufgerissen; darauf war der Fluß in der letzten Nacht von neuem zugefroren, aber das Eis war noch nicht genügend tragfähig. Die Kamele hinüberschwimmen zu lassen, wäre ihr Tod gewesen. Der einzige Ausweg war, sie auf der großen Fähre zu transportieren, aber diese lag so fest wie in einem Schraubstock. Die Kosaken wußten aber Rat; sie boten Leute auf, die eine Rinne durch die fußdicke Eisdecke in unserer kleinen runden Bucht schlugen. An einer schmalen Stelle unmittelbar oberhalb des Lagers wurde ein Tau viermal über den Fluß gespannt. Die Strömung betrug hier beinahe einen Meter in der Sekunde, und gerade dieser Punkt war der letzte, der im Winter zufror. Die Stelle war bis auf ein ziemlich breites Eisband an dem niedrigen rechten Ufer noch vollständig offen. Die Fähre wurde an dem Tau hinübergezogen und nahm ein Kamel auf dem Achterdeck mit. Sie landete an der Eisdecke des rechten Ufers, die so fest war, daß sie die Kamele trug.

Gegen Abend besuchte mich ein chinesischer Siah (Schreiber); er war von dem Amban von Kara-schahr hergeschickt, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, eigentlich aber war er ein unschädlicher Spion, der ausfindig machen sollte, was für ein Kunde ich sei. Nasar Bek, mein alter Freund und Wirt von Tikkenlik, kam spät abends und blieb über Nacht, so daß wir lange gemütlich miteinander plaudern konnten. Er teilte mir allerlei Interessantes mit. Zuerst wußte er zu erzählen, daß ein Russe von Dung-chan (Sa-tscheo) nach Tscharchlik gekommen sei und in einer Woche ungefähr hier sein werde; ich ahnte, daß dies kein Russe, sondern der französische Reisende Bonin sei.

Nasar Bek erzählte auch, daß sich in der Nachbarschaft von Jing-pen und Tikkenlik in der letzten Zeit einige Male wilde Kamele gezeigt hätten, und einmal hatte der Bek selbst eine Herde von fünf Tieren in der Nähe der Straße nach Turfan gesehen. Er wußte, daß zu den Zeiten seiner Vorfahren Beke aus Turfan gekommen waren, um von der Lopbevölkerung einen Tribut von Otterfellen für die Chinesen einzufordern. Sie pflegten östlich um den Bagrasch-köll über den Kurruk-tag und den Kum-darja, dann bei Turfan-köbruk über den Ilek zu gehen und am Kara-köll Halt zu machen. Aus chinesischen Quellen wissen wir, daß diese Angabe mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Der Otter (Kama) kommt im Tschiwillik-köll und mehreren andern Seen der Gegend vor, dagegen aber, soviel ich habe erfahren können, im Kara-koschun nicht; man muß sich dies merken, denn es läßt vermuten, daß die nördlichen Seen mit den südlichen, die ein ganz neues Gebilde ausmachen, nicht in Verbindung gestanden haben. Der Otter wird des Felles wegen mit einer Art Fischgabel (Sendschkak) auf dem Eise nach Schneefall gefangen. Man sieht dann in dem Schnee, dessen Menge in diesen Gegenden übrigens sehr unbedeutend ist, wo ein Otter gegangen ist; hat er sich z. B. in eine Wake begeben, um Fische zu fangen, so lauert der Jäger mit der Fischgabel an dem Loche oder er hat rings um das Loch eine Schlinge gelegt, die zugezogen wird, sobald das Tier wieder den Kopf aus dem Wasser steckt. Gibt es mehrere Waken, so werden an allen Schlingen gelegt und Wachen ausgestellt, da man nicht wissen kann, wo sich der Otter zu zeigen gedenkt.

Nasar Bek war vor ein paar Jahren in Tusun-tschappgan gewesen und hatte dort von einem Hügel herab ungefähr einen Tagesritt weit nach Nordosten eine Wolke oder Nebelwand (Bulut) gesehen, die seiner Meinung nach von einem im Norden des Kara-koschun liegenden unbekannten See herrühren mußte. Er glaubte, daß der Kum-darja, das ausgetrocknete Bett am Südfuße des Kurruk-tag, früher in diesen See gemündet habe, welche Vermutung von guter Urteilskraft zeugte und, wie ich später nachweisen konnte, vollkommen richtig war.