Vor 18 Jahren war der Bek in drei Tagen von Argan nach Lop geritten, wobei er das trockene Bett des Ettek-tarim als Straße benutzte. Vor 12 Jahren kamen noch wilde Kamele von Westen her an dieses Bett. Damals gingen öfters Kameljäger von Wasch-schahri nach Argan durch die Wüste, in der noch Tamarisken waren; über das Innere der Tschertschenwüste konnte aber auch Nasar Bek keine Auskunft geben.

Dies und vieles andere erzählte der dicke Nasar Bek, und ich merkte mir seine Worte; sie sollten nicht ohne Einfluß auf meine künftigen Pläne bleiben.

Dreizehntes Kapitel.
Eine französische Visite.

Der 12. Dezember, an dem die Exkursion beginnen sollte, setzte mit wenig einladendem Reisewetter ein, denn es stürmte heftig aus Südwest, und sobald man ins Freie trat, erstarrte man vor Kälte. Durch die Talsenkung des Basch-köll strich der Wind wie durch einen Flintenlauf. Die Kosaken, die sich wie Polarreisende eingehüllt hatten, nahmen unsere Jagdgewehre mit. An dem Ausfluge beteiligten sich außerdem nur Faisullah, Ördek und Pavan Aksakal (der weißbärtige Jäger), ein hochgewachsener, heiterer Greis aus dem Dorfe Jangi-köll, der bald einer unserer besten Freunde wurde und alles tat, um sich uns aufs beste nützlich zu machen. Die Karawane bestand aus vier Kamelen, auf denen wir abwechselnd ritten. Die Hunde Maschka und Taigun begleiteten mich zum ersten Male.

Meine Ausrüstung war so einfach wie nur möglich: eine kleine Kiste mit den notwendigen Instrumenten, Kodak, Fernglas und Küchengeschirr; ein Bündel Kissen, Filzdecken und Pelze bildeten mein Bett. Das Gepäck wurde in der kleinen Fähre hinübergebracht, die stets, solange es noch offenes Wasser gab, die Verbindung zwischen beiden Ufern aufrechterhielt und so fleißig benutzt wurde, daß wir eigens einen Loplik als Fährmann anstellen mußten. Die Kamele wurden auf dem rechten Ufer beladen; dann zogen wir nach dem Dorfe Jangi-köll. Ein Vorrat von Eis wurde mitgenommen, denn das Wasser des Basch-köll ist salzig, seit sein Kanal vor 10 Jahren abgesperrt wurde.

Das jetzt 20 Familien zählende Dorf lag früher am Kanale des Jangi-köll, als aber vor acht Jahren elf Einwohner an den Pocken starben, zogen die Überlebenden nach der Mündung des Basch-köll und nahmen den Dorfnamen mit. Erkrankt jemand an den Pocken, so ergreift alles, was in der Nähe ist, die Flucht.

Unsere Reise ging längs des Südostufers des Basch-köll weiter. Dieser war am Rande schon so fest zugefroren, daß er gerade einen Mann tragen konnte; im übrigen glich die Eisdecke einer sehr dünnen, schwankenden Scheibe, und in der Mitte des Sees sah man noch große, offene Stellen klaren, blauen Wassers, das jetzt in Wellen ging und den Eisrand zerfetzte. Daß der See nicht ganz zugefroren war, kam von seinem leichten Salzgehalte.

Einige Enten und Schwäne draußen auf dem Wasser hatten wohl das Fortziehen vergessen. Der See ist 20 Kilometer lang und an einigen Stellen nur einen, selten zwei Kilometer breit. Er zieht sich ganz gerade nach Südsüdwest hin und gleicht einem in die Sandwüste einschneidenden Fjord; in seinem fernen Hintergrunde erheben sich die Dünen kaum über den Horizont. Das Seeufer reicht jedoch nicht bis an die Basis der Dünen heran; ein Gürtel von sehr langsam abfallendem Erdreich liegt zwischen beiden und besteht aus mit Sand untermischtem Schlamm, in welchem man um die Sommerzeit einsinkt, der aber jetzt festgefroren war. Wenn man den Kanal, der vom Flusse nach dem See führt, jetzt öffnete, würde das Wasser um Manneshöhe steigen und diesen tiefliegenden Gürtel überschwemmen. Am Ostufer, wo wir wanderten, fallen die Dünen steil ab, am Westufer aber steigen sie treppenförmig auf, welches Verhältnis seinen Grund in dem im ganzen Loplande vorherrschenden östlichen Winde hat.

In einiger Entfernung vom Ufer sah man einige Brunnen, welche Schafhirten aus Jangi-köll gegraben hatten, weil das Brunnenwasser weniger salzhaltig sein soll als das des Sees. Diese Hirten besuchen auch von Zeit zu Zeit die Steppen am Kontsche-darja.

Wir machten am Südende des Sees, wo es gutes Brennholz gab, Halt, und das Biwak unter freiem Himmel — wir hatten kein Zelt mitgenommen — war wirklich gemütlich. Was machten wir uns daraus, daß es in der dunkeln Nacht um uns herum stürmte. Wir hatten in der Dunkelheit einen gewaltigen Arm voll trockener Tamariskenzweige gesammelt. Die Kosaken hatten ein vortreffliches, aus Rebhühnern, Reispudding und Tee bestehendes Mittagessen bereitet, und nachdem ich die auf dem Marsche gemachten Beobachtungen in das Tagebuch eingetragen hatte, legten wir uns schlafen, von dem Zufußgehen ziemlich müde. Sirkin deckte mich so sorgfältig zu, daß ich mir wie ein in Papier eingewickelter Hering vorkam.