Am nächsten Morgen war die ganze Landschaft mit einer gewaltigen Reifschicht überzogen, und die Dünen sahen wie beschneit aus. Die aufgehende Sonne drang nicht bis zu uns, sie wurde von den mächtigen Dünen im Osten verdeckt, und es war ein etwas ungemütliches Aufstehen, da wir 8 Grad Kälte hatten.
Im Süden des Sees steigt der Sand in nicht allzu steilen Absätzen an, und die Vegetation hört mit einem Schlage auf. Von der Höhe sieht man im Westen eine Bodeneinsenkung (Bajir), die etwa 1 Kilometer lang und ½ Kilometer breit sein mochte, mit feuchtem, unfruchtbarem Salzboden in der Mitte und vereinzelten Grasbüscheln am Rande. Sie hat die Form eines Kessels, da sie auf allen Seiten von kolossalen, steilen Dünen umschlossen ist, und gleicht dem Boden eines alten Sees, den der Flugsand sorgfältig zu vermeiden scheint.
Im Süden und Südwesten erscheint ein Meer von Sand mit außerordentlich markierten Protuberanzen oder kulminierenden Anhäufungen von Dünen, die den Wellen des Ozeans gleichen. Man kann sich vorstellen, daß in den zwischen ihnen liegenden Tälern zahlreiche Bajire liegen müssen. Die Protuberanzen sind hier näher aneinander als in den westlichen Teilen der Takla-makan, und oft sind die Dünen auf beiden Seiten steil, was eine Folge wechselnder Winde ist. Jedoch zeigen die großen Sandwogen, daß der Ostwind vorherrscht und kräftiger ist als alle anderen. Nachdem ich einen Überblick über das Terrain erhalten hatte und zu der Überzeugung gelangt war, daß dieser Punkt sich nicht eignete, um von hier aufzubrechen, da die Bajir des Basch-köll uns nur eine kurze Strecke weit bequemen, ebenen Boden bot, beschloß ich, für die große Wüstendurchkreuzung einen anderen Ausgangspunkt zu wählen und längs des Sees Jangi-köll nach Tura-sallgan-ui zurückzukehren.
Wir wandten uns also nach Osten, in welcher Richtung die steilen Seiten der Dünen uns zugekehrt lagen. Wir mußten über alle diese abschüssigen Treppenstufen hinüber und machten lange Umwege, um die Kamele über die Riesenwelle, welche die beiden Seebecken scheidet, hinüberbringen zu können. Die Tiere hatten vor dem unsicheren Boden Angst, und über die höchsten Pässe rutschten zwei von ihnen auf den Knien, wohl um dem Boden näher zu sein, wenn sie fallen sollten.
Während die Karawane weiterzog, führte mich Pavan Aksakal auf eine gut 100 Meter hohe Düne hinauf, die das ganze Land weit umher beherrschte und von der aus die Kamele in der Tiefe wie kleine Käfer aussahen. In der südwestlichen Verlängerung des Jangi-köll zeigten sich drei große, durch ansehnliche Sandmassen getrennte Bajire. Im Nordosten trat der See selbst mit graublauem, glänzendem Eise hervor und in größerer Ferne der mächtige Sandwall, der sich zwischen dem Jangi-köll und dem rechten Ufer des Tarim erhebt.
Mit Mühe lotsten wir die Kamele über einen gewaltigen Sandrücken und stiegen dann nach der großen viereckigen Bajir hinab, die dem innersten Teile des Jangi-köll am nächsten liegt. Ihr Boden ist ganz sandfrei und besteht aus konzentrischen Ringen. Zu äußerst, an der Basis der Dünen, haben wir weiche Stauberde, in welche die Tiere fußtief einsinken, dann folgt ein Ring sumpfigen Bodens, und zuletzt schneeweiße Salzkristallisationen. Im nordöstlichen Teile der Senkung finden wir einen großen und mehrere kleine Tümpel mit bitterem Salzwasser. Im Nordosten breitet sich ein Gürtel von zwei Meter hohem Schilfe aus; dort fanden wir einen vorteilhaften Lagerplatz mit einer Menge trockenen Brennholzes.
Vom See ist unsere Bajir durch eine 30 Meter hohe Sandenge getrennt, an deren Basis süße Quellen sprudeln; das Wasser derselben wird aber salzig, nachdem es sich im Grunde der Senkung gesammelt hat. Die ungewöhnliche Landschaft gewährte, vom Sandrücken aus gesehen, einen außerordentlich ansprechenden Anblick. Der Jangi-köll ist so lang und gerade, daß sein nördliches, dem Flusse zunächst gelegenes Ende, an dem es keinen Sand gibt, gar nicht zu sehen ist, und man hätte ebensogut glauben können, an einem Fjord mit dem Meere vor sich zu stehen wie an einem Wüstensee, der von gewaltigen Dünen eingefaßt wird. Das Wasser ist süß und soll höchstens 7 Meter tief sein. Es ist zwei Jahre abgesperrt gewesen und sollte, zum Besten des Fischfanges, noch sieben bis acht Jahre isoliert bleiben. Einige kleine, im Nordosten offengebliebene Stellen ließen jedoch auf unterirdische Quellen schließen. Doch der Zufluß durch sie hält nicht gleichen Schritt mit der Abnahme des Sees; daß sein Spiegel fällt, sieht man schon an den Rändern der Eisscheibe, die an den Ufern umgebogen zu sein scheinen.
Wir folgten dem Westufer nach Nordnordost. Der See hat dieselbe Form und Größe, sogar dasselbe Aussehen wie der Basch-köll und gleicht einem breiten Flusse. An einem Fischereiplatze mit Feuerspuren lag etwa ein Dutzend Kähne eingefroren am Ufer. Streckenweise wanderten wir auf dem Eise, das rein und durchsichtig wie Spiegelglas über kristallklarem Wasser lag. Bis in drei Meter Tiefe traten die kleinsten Einzelheiten auf dem Grunde hervor, und anfangs fühlte man sich unsicher, als sollte man über das Wasser einer ruhigen Bucht gehen. Es glich einem riesengroßen Aquarium mit Algen, die regungslos waren wie Korallen, und mit großen schwarzrückigen Fischen, die in den Algenbüschen schlummerten und von den Kosaken durch Stampfen aus ihrem starren Winterschlafe aufgeweckt wurden. Sie bewegten dann langsam die Flossen und zogen sich ruhig und gemächlich in die Tiefe zurück. Die kleinen Fische schossen in ganzen Schwärmen am Ufer entlang, wo das Eis 10,2 Zentimeter dick war, während es nur hundert Schritte weiter seeeinwärts bloß 3 Zentimeter Dicke hatte. Nie habe ich einen so wunderbar schönen Eisspiegel gesehen. Ich fühlte mich beinahe versucht, mich hier für den Winter niederzulassen, nur um in einer provisorischen Eisjacht über seine glatte Bahn hinzusegeln, statt mich in den mörderischen Sand hineinzuwagen!
An den Kanälen des Jangi-köll vorbei begaben wir uns längs des rechten Tarimufers nach dem Ausgangspunkte der Exkursion, wo der Fährmann uns mit seinem Fahrzeuge erwartete und Islam Bai und Parpi Bai uns in Empfang nahmen. Im Lager war alles ruhig.
Der Tagesbefehl für den 15. Dezember lautete, daß Tschernoff, Islam und Ördek zu Pferd den Seit-köll untersuchen und nachsehen sollten, ob das Land in seiner südwestlichen Verlängerung sich zum Ausgangspunkte der Wüstenreise eignete. Sie führten ihren Auftrag schnell und gut aus. Tschernoff und Ördek, die beide Rekognoszierungen mitgemacht hatten, konnten infolgedessen Vergleiche über die Güte beider Wege anstellen. Nach anderthalbtägiger Abwesenheit kehrten sie mit einer in großen Zügen entworfenen Kartenskizze über ihre Tour zurück. Meine Kundschafter versicherten, daß solcher Sand, wie wir ihn am Jangi-köll gesehen, dort weit und breit nicht zu erblicken sei und daß die Anhäufungen, welche die Bodensenkungen trennen, sogar zu Pferde passiert werden können. Von ihrem äußersten Südpunkte aus hatten sie noch einige Bajirmulden sich nach Südwest hinziehen sehen; durch diese würden uns wenigstens die ersten Tagereisen in hohem Grade erleichtert werden. Auch jetzt waren die Dünen weißbereift gewesen, und Ördek sprach den Gedanken aus, daß man bei Wassermangel seinen Durst mit Reif stillen könne. Ich vermutete indessen, daß der Reif nur in der Nähe des Flusses so reichlich sei und nach den zentralen Teilen der Wüste hin abnehmen werde.