So wurde denn beschlossen, das Seebecken des Tana-bagladi zum Ausgangspunkte der Wüstenreise zu wählen.

Bei meiner Rückkehr von der Rekognoszierung hatte sich das Aussehen des Tarim in einiger Hinsicht verändert. An der Fährstelle war jetzt nur noch ein Drittel der Breite offen, und das Treibeis hatte sich noch mehr vermindert, seit sowohl oberhalb wie unterhalb des Lagers große, ruhige Strecken des Flusses zugefroren waren. Das Wasser wurde klarer und war auf 19 Zentimeter durchsichtig, aber es war im Fallen begriffen und in einer Woche 24 Zentimeter gesunken, so daß die Eisfläche eine Schale mit klaffenden Rissen bildete.

In Tura-sallgan-ui verbrachte ich wieder ein paar herrliche Ruhetage, und die Hütte wurde zu einer behaglichen Wohnung eingerichtet. Das innere Zimmer, wo meine Kisten, Instrumente, Schreibsachen usw. geordnet wurden und das von dem äußeren durch einen von einem Dachbalken herabhängenden, dicken Vorhang von rotem Filz getrennt wurde, war jedoch nicht warm zu bekommen. Inmitten all dieses trockenen Schilfes wagte ich nicht einen Ofen aufzustellen, da es nur einiger Funken aus seinem Rohre bedurfte, um das Ganze in Brand zu setzen. Daher wurde in die Hinterwand des Gemaches eine Tür gebrochen und unmittelbar vor dieser das Zelt aufgeschlagen; hier war die Benutzung des Ofens nicht mit Feuersgefahr verbunden. Die Außenseite des Zeltes wurde zusammengenäht, und rundherum schütteten wir einen Wall auf, um alle Zugluft abzusperren. Hier wurde mein Bett ausgebreitet; auf einem Tische hatte ich einige Arbeitsgeräte usw. Ich residierte demnach in einer Wohnung von drei Zimmern und fühlte mich in meinem eigenen Dorfe so wohl, daß es einer guten Portion Energie bedurfte, um alles zu verlassen und das Weihnachtsfest in der Wüste zu feiern.

Doch wer konnte der „Urus Tura“ (der russische Herr) sein, der sich unseren Gegenden nähern sollte? Da ich wußte, daß Charles Eudes Bonin von China aufgebrochen war, um den Kontinent über Sa-tscheo, Lop und Urumtschi zu durchqueren, nahm ich an, daß er es sein müsse, und schickte ihm daher einen Eilboten entgegen, mit der Einladung, zu mir zu kommen und bei mir zu wohnen. Dieser Auftrag wurde Parpi Bai anvertraut, weil es Bonin interessieren mußte, einen Mann zu sehen, der den Prinzen von Orléans und Bonvalot auf ihrer Reise durch Tibet begleitet hatte und der Zeuge der Ermordung von Dutreuil de Rhins gewesen war.

Am Abend des 16. kam Parpi Bai mit einer von französischer Artigkeit überfließenden Antwort wieder. Bonin — er war es in der Tat — war in dem 10 Kilometer nördlich von unserem Dorfe gelegenen Örtäng (Gasthause mit Posthalterei) von Dschan-kuli angekommen. Bei hellem Mondschein ritt ich dorthin und fand den berühmten Reisenden, von seinen anamitischen, französisch sprechenden Dienern umgeben, in einer Gaststube, die ein mitten auf dem Fußboden brennendes Feuer mit Rauch erfüllte.

Auf einer langen Reise durch öde Gegenden kann es nichts Angenehmeres geben, als einen Europäer zu treffen. Jetzt war es mehr als je der Fall, denn Bonin war ein reizender, heiterer, witziger und gelehrter Herr, und es war für mich ein unvergleichliches Vergnügen, seinen interessanten Erfahrungen und Hypothesen zu lauschen. Er hatte eine alte Pilgerstraße über den Astin-tag nach Tibet gefunden und eine ehemalige Heerstraße, die von Sa-tscheo nach der Gegend führte, wo der alte Lop-nor gelegen hatte, und in betreff der Wanderung dieses Seebeckens hatte Bonin dieselben Ansichten wie ich.

Bonin lud mich zu einem vortrefflichen Abendessen ein; am folgenden Morgen nach dem Frühstück begaben wir uns nach Tura-sallgan-ui, wo wir einen außerordentlich gemütlichen Tag verlebten ([Abb. 56]). Mein französischer Gast nahm mit großem Interesse das Dorf und seine Sehenswürdigkeiten, die Hütten, den Klub und den Hafen mit den eingefrorenen Booten in Augenschein. Die ganze Karte über den Tarim mit seinen zahllosen Krümmungen passierte Revue, und als der Mond aufging, machten wir sogar eine kleine Bootfahrt zwischen dem Treibeise.

59. Sandsturm in der Wüste. ([S. 152.])