60. Abstieg über den steilen Abfall einer Sanddüne. ([S. 155.])

Doch als der Abend kalt wurde, lud ich meinen Gast in das Zelt ein, und nun wurde im Ofen so eingeheizt, daß es in dem eisernen Rohre krachte. Ein „lukullisches“ Mahl wurde aufgetragen und alles, was das Haus vermochte, hergegeben, alle Speicher und Vorratskammern gebrandschatzt. Die Hauptgerichte waren schwedische Kaisersuppe, tatarischer Schißlick und turkestanischer Reispudding, dann folgte eine ganze Reihe Konserven, die wir mit dem Inhalte der einzigen, meinen ganzen Weinkeller bildenden Flasche, die Oberst Saizeff in einem unbewachten Augenblick in eine meiner Kisten eingeschmuggelt hatte, anfeuchteten; nach dem Essen gab es Tee und Zigarren. Es war der vergnügteste Abend, den ich im innersten Asien verlebt habe; erst nach Mitternacht endete das Gelage, das auch durch Tafelmusik verschönt wurde; Bonin machte es sich im Zelte bequem, und ich übernachtete im kalten „Salon“.

Am Morgen des 18. fuhr Bonins weitgereister chinesischer Karren vor; die Abschiedsstunde schlug, und wir trennten uns: er, um in sein Vaterland zurückzukehren, ich, um in der Tiefe der Wüste zu verschwinden. Er hatte sein gut ausgeführtes Tagewerk hinter sich, vor meinem Blicke wogte in undurchdringlichem Nebel eine ganze Welt von Rätseln. Als alles fertig war, wurden Bonin und seine Diener unter der großen chinesischen Laterne, die an einem Pfahle in der Mitte des Marktes hing, photographiert ([Abb. 57]). Er trug einen langen, roten Mantel und ein ebenfalls rotes Baschlik und glich einem lamaistischen Pilger. Ein kräftiger Handschlag, und au revoir! Er verschwand in seinem Karren, der zwischen den Gebüschen fortrollte. So war ich denn wieder allein, aber ich bewahrte unser Zusammentreffen als eine der angenehmsten Episoden der ganzen Reise in meinem Gedächtnis. Ein Hauch aus Europa war mit der Morgenröte über den Lop-nor zu mir gedrungen und mit der untergehenden Sonne wieder im Westen verschwunden. —

Der stolze Tarim machte jetzt seine letzten Anstrengungen, um vor dem langen Winterschlafe noch ein bißchen zu leben. Gleich oberhalb des Lagers war der Fluß jedoch schon so fest zugefroren, daß man auf dem Eise hinüberreiten konnte, und infolge der großen Wassermassen, die auf diese Weise in dem Bette gebunden worden waren, fiel der Wasserstand am Lager immerfort. Wenn dieses kompakte Wintereis an der Lenzsonne schmilzt, entsteht eine erste Frühlingsflut, die „Mus-suji“ (Eiswasser) genannt wird; diese reichliche Flut war es, die der Fähre im nächsten Jahre weiter nach Südosten verhelfen sollte.

Der 19. Dezember war für längere Zeit unser letzter Tag in Turasallgan-ui und verging unter Vorbereitungen zur Wüstenreise. Nach den Rekognoszierungen hatten wir den Tana-bagladi zum Ausgangspunkte bestimmt; doch lange hatten wir hin und her überlegt, ehe wir soweit gelangt waren. Die Eingeborenen, denen das Ganze als ein unheimliches, wahnsinniges Unternehmen erschien und die augenscheinlich nicht wünschten, daß Selbstmörder gerade von ihren friedlichen Hütten aus aufbrächen, rieten mir, die Wüste zu umgehen und die Durchquerung von Tschertschen aus nach dem Jangi-köll hin zu beginnen, und auch meine eigenen Leute fanden, daß dies ein kluger Vorschlag sei — sie könnten uns dann mit einer kleinen Entsatzexpedition entgegenkommen und von einem bestimmten Tage an, wenn unsere Ankunft bevorstehe, allabendlich auf einer himmelhohen Düne einen Holzstoß anzünden, der unsere Schritte in die rechte Richtung lenken würde. Der Gedanke an diese Fackel der Winternacht, die auf der äußersten Klippe des Wüstenmeeres brennen und wie ein Leuchtturm ihren blendenden Schein über die Dünenkämme werfen sollte, war malerisch, phantastisch und recht verlockend. Wie festlich könnte dann unser Einzug in die warmen Hütten von Jangi-köll sein, wenn wir erschöpft, auf dem Schiffe der Wüste schaukelnd gerade auf das freundlich lockende gelbe Licht zusteuerten, dessen Schein uns das Ende unserer Mühsal verkündete! Doch ich ließ mich dadurch nicht verlocken; es war besser, mit ausgeruhten Tieren und von einem festen, sicheren Punkte aus aufzubrechen, und dabei blieb es.

Mein alter erfahrener Diener aus den Takla-makan-Tagen, Islam Bai, wurde auch jetzt Karawan-baschi; die übrigen Teilnehmer waren Turdu Bai, Ördek und Kurban. Wir hatten nur sieben Kamele und ein Pferd, und von den Hunden durften nur Jolldasch und Dowlet II mitkommen, da ich die empfindlichen Windhunde der Mittwinterkälte unter freiem Himmel nicht aussetzen wollte.

Eine aus Parpi Bai, Faisullah und einem Loplik namens Chodai Verdi nebst drei Kamelen bestehende Hilfskarawane sollte uns die vier ersten Tage begleiten und dann nach Hause zurückkehren.

Die Kisten, die in der Hütte gestanden hatten, wurden für den Winter an Bord der Fähre gebracht, um gegen Feuersgefahr geschützt zu sein, und auf dem Dache der Dunkelkammer hatte das meteorologische Häuschen seinen ständigen Platz; dort arbeiteten der Thermograph und der Barograph ununterbrochen den ganzen Winter hindurch. Sirkin hatte es lernen müssen, mit ihnen umzugehen, und hatte seit dem 7. Dezember gründlichen Unterricht in meteorologischer Beobachtungskunst erhalten. Er wurde Oberhaupt und Leiter des Winterlagers; sein meteorologisches Journal führte er so genau, daß die Daten desselben als Stütze meiner eigenen, auf der Reise gleichzeitig ausgeführten Beobachtungen von großem Werte waren. Die Kosaken, die ich blutenden Herzens als Bedeckung des Lagers zurücklassen mußte, logierten in ihrem Zelte, in das sie den Ofen setzten, erhielten zwei Jamben zur Bestreitung der Haushaltkosten und hatten Überfluß an Proviant. Sie übernahmen auch die Verantwortung für den Wachtdienst und die Pflege unserer zurückbleibenden Tiere, deren Zahl sich um drei junge Maulesel vergrößert hatte, die wir für den außergewöhnlich billigen Preis von 70 Sär bekommen hatten und die 3½ Jahre aushielten.

Die Ausrüstung wurde mit größter Sorgfalt gewählt; es galt, mit leichtem Gepäck in den hohen Sand hineinzugehen, nichts Überflüssiges durfte mitgenommen werden. Wir hatten Reis und Mehl für zehn Tage, fertiggebackenes Brot für vierzehn Tage und für ebensolange „Talkan“, geröstetes Weizenmehl, das so wie es ist verzehrt wird. Ich nahm einige Konservenbüchsen, Tee, Zucker und Kaffee mit, die Männer einen Block chinesischen Ziegeltee. Der Proviant sollte also nur bis Tschertschen reichen, wo wir unsere Vorräte leicht erneuern konnten.

In der einzigen Kiste, die ich mitnahm, lagen das Universalinstrument mit Stativ, meteorologische Instrumente, Nivellierspiegel, Kodak, Marschroutenbücher, Bandmaße, Proberöhren, Karten über Ostturkestan, eine Menge Kleinigkeiten und Kleider. Die Chronometer trug ich stets bei mir.