Am 20. Dezember morgens um 7 Uhr weckte mich Islam mit der Frage, ob wir reisen wollten, da es heftig aus Südwest stürme. Es war dies deutlich zu merken, denn das Zelt blähte sich wie ein Gummiball und der Rauch drang aus dem Ofenrohre in meine Behausung; aber der Aufbruch war auf diesen Tag festgesetzt, und es ist nicht klug gehandelt, eine einmal beschlossene Sache auf die lange Bank zu schieben. Ich aß also ein letztes Frühstück in meinem warmen Zelte, dann wurde das Gepäck nach dem rechten Ufer gebracht, wo sich die Beke und die Bevölkerung der Gegend versammelt hatten, um uns zu einem Abenteuer aufbrechen zu sehen, von dem wir, wie sie fest glaubten, nie wieder zurückkehren würden!
Das Beladen der Kamele begann. Meine Instrumentkiste, mein Bettsack und die Kiste mit dem Küchengeschirr bildeten eine Kamellast, der Hauptproviant und die Kleider der Leute eine zweite; das dritte Kamel war mit massiven Holzklötzen beladen, das vierte mit Mais für die Tiere und die drei übrigen mit Eis, das in kompakten Klumpen in Tulumen (Schläuchen von Ziegenfell) verwahrt wurde. Die drei Reservekamele hatten tüchtige Lasten, die aus lauter Holz und Eis bestanden. Alle Reisenden waren mit guten Winterkleidern und warmen Pelzen ausgerüstet.
Vierzehntes Kapitel.
Ins Herz der Wüste Takla-makan.
Mit dem Flusse zur Rechten und dem gewaltigen Sande zur Linken zogen wir gerade nach Westen. Der Tarim war auf dem ganzen Wege stromaufwärts fest zugefroren; wir verließen ihn aber bald und bogen in den Sand ein, dem Südostufer des Tana-bagladi-Sees folgend. Eine 20 Zentimeter dicke Eisscheibe bedeckte ihn; offenes Wasser war nirgends zu sehen. An unserem Ufer war die Tiefe so bedeutend, daß wir trotz des klaren Wassers nicht bis auf den Grund sehen konnten. Als wir die äußerste Seebucht im Süden erreichten, wurde eine kurze Rast gemacht; vier kleine Waken wurden in das Eis gehauen, und die Kamele durften noch einmal, das letzte Mal für längere Zeit, so viel trinken, wie sie konnten. Sie schienen zu wissen, daß sie Durst leiden würden, denn sie tranken lange und mit langem, saugendem Schlürfen. Nach jeder Wiederholung schnaubten sie und bewegten ihre weichen Lippen, daß die Wassertropfen weit umherspritzten und Eiszapfen in ihrem üppigen Winterbarte hingen. Sie waren ein wenig ängstlich davor, sich mit ihrem ganzen Gewicht über das spiegelblanke Eis zu beugen, das deshalb erst mit Sand bestreut werden mußte. Auch der kleine Schimmel von Kaschgar, die Hunde und die Männer benutzten die Gelegenheit, um sich ordentlich satt zu trinken; denn wenn wir auch für 20 Tage Eis mitgenommen hatten, konnte es dennoch sein, daß wir später mit dem kostbaren Getränke würden vorsichtig umgehen müssen.
So wurde denn dieses letzte Wasser verlassen. Wir gingen über die Dünen, welche das Seebecken im Süden begrenzen, und lagerten an einem zugefrorenen Salztümpel, in dessen nordöstlichem Teile Kamisch wuchs, in welchem die von ihren Lasten befreiten Kamele weiden durften.
In dem dichtesten Schilfe wurde ein kleiner, runder Aushau gemacht, in welchem wir uns niederließen, vor dem Winde geschützt, aber nur mit dem Himmel als Dach. Von dürrem Schilfe wurde ein Feuer angezündet das dann haushälterisch mit Spänen von dem ersten Holzklotze genährt wurde. Parpi Bai war Koch. Er wusch den Reis, legte ein Stück Fett in den Topf, in dem kleine Fleischstücke, Zwiebel und Suppenkraut kochten, streute den Reis hinein und fügte eine Kanne Wasser hinzu, worauf er den Topf mit einem Deckel zudeckte; der Pudding muß kochen, bis das Wasser teils verdampft, teils in den Reis eingezogen ist; so wird ein orthodoxer Reispudding bereitet. Einige nette Lopleute, die uns aus eigenem Antriebe begleitet hatten, überraschten uns abends mit je einem Armvoll Brennholz und Eis. Wir brauchten also unsere eigenen Vorräte von diesen beiden wichtigen Dingen nicht gleich am ersten Abend in Anspruch zu nehmen.
Als ich am folgenden Morgen aus meinem Bette kroch, tobte noch immer der Sturm aus Südwest, aber die natürliche Schilfhütte schützte uns vor ihm, und das Feuer verbreitete wohltuende Wärme in dem Halbdunkel. Die Tagereise ging in jeder Beziehung gut, da das Terrain wider Erwarten günstig war. Unser Weg war uns vollständig durch jene eigentümlichen Bajirmulden vorgeschrieben, die in einer Reihe nach Südwesten laufen. Im Südwesten unseres Lagerplatzes gehen wir über eine sehr niedrige, bequeme Sandschwelle nach der ersten Bajir, an deren Anfang einige von Salzkristallisationen umgebene Salzwassertümpel liegen — wie gewöhnlich in dem Teile der Bodensenkung, der dem Flusse zunächst liegt. Die zweite und dritte Bajir waren ein wenig kleiner. Man konnte fürchten, daß dies ein Zeichen des Aufhörens der Bajire sei und wir wieder in lauter Sand wie in der Takla-makan würden waten müssen, aber die Bajir Nr. 4 beruhigte uns; sie war ebenso groß wie die drei ersten zusammengenommen. Diese Mulden, deren Boden in gleicher Höhe zu liegen und vollständig eben zu sein scheint, sind voneinander durch schmale Landgürtel getrennt.
Der Bajirboden ist selten fest; hier bestand er aus feinem, feuchtem Staube, in den die Kamele 40 Zentimeter tief einsanken, und die Wanderung war langsam und ermüdend; wir brauchten vier Minuten zu einer Strecke von 200 Meter, legten also nur 3 Kilometer in der Stunde zurück. Das erste Kamel hat es am schlimmsten, denn es muß einen Weg für die anderen auspflügen, das letzte dagegen geht beinahe wie auf einem angelegten Fußpfade, den ich auf meinem kleinen Schimmel auch benutzte. Meine Männer gingen zu Fuß, außer Parpi Bai, der auf einem Kamele oben auf einem Holzhaufen saß.
Der Gestalt nach sind alle diese Bajire einander gleich, und man findet, daß dieselben Naturkräfte sie alle gebildet haben. Denn dasselbe Relief kehrt mit bewunderungswürdiger Regelmäßigkeit wieder. Sie erstrecken sich von Nordosten nach Südwesten und sind im allgemeinen nur einen Kilometer breit. Wir wandern stets an einem der „Ufer“ hin, weil der Boden da, wo der Sand in den Staub übergeht, am härtesten zu sein pflegt. Gleich den Seen sind sie überall von Sand umgeben, aber die Dünen des südöstlichen Randes bilden eine fortlaufende zirka 33 Grad steil abfallende Wand, während im Nordwesten die Luvseitenabhänge der Dünen langsam zu einer Kulmination ansteigen, an deren Westfuße man sicher darauf rechnen kann, noch eine Bajir zu treffen. Es versteht sich von selbst, daß die von uns eingeschlagene Richtung die einzig mögliche war; sie mußte uns gerade auf unser Ziel, das Dorf Tatran am Tschertschen-darja, eine Tagereise unterhalb der Stadt Tschertschen führen. Nach Osten oder Westen zu gehen, ist in dieser Wüste sogar für einen Fußgänger beinahe ganz unmöglich.
Wir schreiten schwer und langsam beim Klange der Glocke des letzten Kameles dahin. Die Landschaft ist unsagbar tot und öde; selbst die Sandwüsten auf dem Monde, wenn es solche gibt, können nicht jeglichen organischen Lebens barer sein als diese hier. Es ist nichts, absolut nichts vorhanden, was darauf schließen ließe, daß hier je Leben in irgendeiner Gestalt existiert habe. Nur die Spuren der drei Kundschafter, die ich ausgeschickt hatte, bewirkten eine Unterbrechung der leblosen Einförmigkeit; auch sie hörten bald auf ([Abb. 58]).