Kurz vor dem Ende der Bajir Nr. 4 machten wir Halt — Lager Nr. 2 —, aber jetzt fehlte uns die Schilfhecke, und wir waren dem wirbelnden Flugsande völlig preisgegeben. Die Kamele wurden angebunden, damit sie nicht ihrer Gewohnheit gemäß nachts nach den üppigen Weideplätzen am Flusse durchbrannten. Zwei kleine Feuer wurden angezündet; es waren unser zu viele, um an einem Feuer Platz zu finden.
Das große, alles beherrschende Gesprächsthema ist: wie weit erstrecken sich diese gesegneten Mulden? Denn so weit sie reichen, hat es keine Not. Ich erklomm die nächste hohe Düne. Die Landschaft, die sich nach Osten hin aufrollt, ist geradezu unheimlich; dem Blicke begegnen auf dieser Seite nur die steilen Abhänge auf den südöstlichen „Ufern“ der Bajire, und man sieht nur ein aufgeregtes Sandmeer in riesenhaften Wogen, die im Begriffe gewesen zu sein scheinen, gerade auf den Zuschauer loszurollen, aber unterwegs erstarrt waren und jetzt nur eine erlösende Zauberformel abwarten, um nach Westen weiterzurauschen. Nach meinen topographischen Arbeiten von der vorigen Reise mußten wir bis Tatran 285 Kilometer haben, also beinahe doppelt so weit wie von den Seen des Masar-tag nach dem Chotan-darja, welche Entfernung hingereicht hätte, eine ganze Karawane zu töten! Islam und ich, die jene Reise nie vergessen konnten, sahen nur zu wohl ein, wie gewagt diese neue Wüstenwanderung tatsächlich war.
Man bedenkt sich erst noch, ehe man aus den Pelzen kriecht, wenn ein frischer westlicher Buran weht und die Luft mit Flugsand erfüllt ist, so daß sich das Tageslicht in Dämmerung verwandelt und wenn es obendrein −11 Grad kalt ist. Auf dieser ganzen Expedition, die zwei Monate dauerte, schlief ich jede Nacht, außer in Tschertschen, unter freiem Himmel, was mir in keiner Weise schlecht bekam. An den Holzspänen und Eisstücken wurde schon jetzt gespart.
Parpi Bai war kränklich, und ich wollte ihn schon vom Lager Nr. 2 zurückschicken, aber er konnte in seinem schweren Pelze nicht gehen und Tura-sallgan-ui in einem Tage nicht erreichen; eines der Kamele mußte sich seiner erbarmen. Es war die einzige meiner Wanderungen, an der er teilnahm; seine Tage waren gezählt.
Heute wurden 22,4 Kilometer zurückgelegt, größtenteils auf ebenem Bajirboden; die Sandengen zwischen den Mulden wurden nach und nach höher und breiter. Das einzige nicht recht Gute war, daß die Depression sich fortlaufend nach Südwesten erstreckte; hielt diese Richtung an, so würden wir in das grenzenlose Sandmeer hineingeraten und in die diagonale Richtung nach Nija hinüber gezwungen werden, was mehr wäre, als eine Karawane auch unter den günstigsten Verhältnissen würde aushalten können. Andererseits aber wäre es töricht gewesen, von der von den Bodensenkungen vorgeschriebenen Richtung abzuweichen, denn ein günstigeres Terrain konnte man sich in einer Sandwüste nicht wünschen.
Die schwindelnd hohen, unendlichen Sandmassen, die sich in diesem Teile des inneren Ostturkestan ausbreiten, gleichen in ihrer Anordnung einem Netze, in dessen Maschen die Bajire liegen. Wo wir auch vom Flusse aus die Reise angetreten hätten, stets wären wir in eine ununterbrochene Rinne von Mulden hineingeraten, die alle auf derselben Linie nach Südsüdwesten liegen. Die Depressionen erleiden schon jetzt eine deutliche Veränderung. Ihr Boden wird härter und bequemer für die Kamele, trockener und sandreicher. Ferner tauchen an den „Ufern“ Lehmränder in Gestalt von 1½ Meter hohen Tafeln und Terrassen oder nur unter dem Sande hervorspringenden Leisten auf; sind sie kein Gebilde der Winderosion, so können sie ihre Entstehung nur dem Wasser verdanken; sie gleichen uralten Uferlinien, die auf Seen oder Flüsse schließen lassen. Für die Annahme, daß die Bajirmulden alte Seedepressionen anzeigen, spricht ihre Beckenform und die konzentrisch angeordneten Gürtel von Terrassen aus mit Salz gemischtem Staube (Schor) und Salz, welches Aussehen auch die jetzigen Uferseen Jangi-köll, Basch-köll, Tana-bagladi usw. erhalten würden, wenn sie austrockneten.
Ich selbst neige mehr zu dem Glauben, daß wir jetzt auf dem Grunde eines riesigen Binnensees wanderten. Dafür sprechen die Niveauverhältnisse des ganzen Tarimbeckens, die Stromrichtung des Tarimflusses und des Tschertschen-darja und die Lage der Bajirketten; denn jede Bajirreihe bildet einen Bogen, dessen Mittelpunkt zwischen dem alten Lopsee und dem Kara-koschun, wo wir auch die tiefste Depression des Tarimbeckens finden, gelegen ist.
Von der sechsten Bajir an wurde der Boden so, daß man die Depression an jedem Punkte überschreiten konnte; die vorhergehenden waren in ihren inneren Teilen so weich und tückisch gewesen, daß man in ihnen spurlos hätte versinken können, wenn man sich zu weit vom Rande entfernt hätte. Ein interessanter Fund wurde in der Bajir Nr. 8 gemacht: einige poröse spröde Skeletteile von einem wilden Kamele.
Im Lager Nr. 3 wurde versuchsweise ein Brunnen gegraben, der schon auf 1,2 Meter Tiefe reichlich Wasser von +4,8 Grad gab, es war aber bitteres, konzentriertes Salz. Der Boden ist nirgends gefroren, obwohl die Feuchtigkeit bis an die Oberfläche reicht; er ist aber auch überall stark mit Salz vermischt.
23. Dezember. Heute weckte uns wieder ein richtiger Buran. Der Himmel war mit Wolken bedeckt und die Luft so mit Flugstaub gesättigt, daß die Landschaft, wenn man diese Heimat der Todesstarre so nennen kann, auf einige hundert Meter Entfernung verschwand und nur die nächsten Gegenstände seltsam und unheimlich hervortraten ([Abb. 59]). Die einzigen menschlichen Gäste, welche diese Wüste je gehabt, erstaunten darüber, daß der Flugsand, der besonders während der Frühlingsstürme in Menge treiben muß, die Bajire nicht ganz und gar ausfüllt und sie ganz von der Erdoberfläche vertilgt. Doch in Wirklichkeit scheint jedes Sandkorn ebenso treu, wie der elektrische Strom durch sein Kabel eilt, gewissen Bahnen zu folgen, die ihm nicht erlauben, sich in den Depressionen niederzulassen, sondern es zwingen, sich auf einem der Dünenabhänge niederzulassen. Es ist, als scheute der Sand die nackten Flächen. Natürlich werden diese Verhältnisse vom Winde diktiert.