Doch nachdem mich die Karawane eingeholt, rutschten wir an dem Sandabhange nach dieser unheimlichen Mulde hinunter ([Abb. 60]) und folgten, wo der Boden trug, ihrem Rande. Nach einem Marsche von 15½ Kilometer hatten wir genug und lagerten an der südlichen Dünenschwelle der Bajir.
Wie düster der Tagemarsch auch gewesen sein mag, sobald ich Halt geboten habe, wird die Stimmung immer gleich fröhlicher. Islam macht sofort mein Bett am Feuer zurecht, Kurban sorgt für mein Reitpferd, Turdu Bai und Ördek laden die Kamele ab, deren Lasten so gelegt werden, daß sie sich am folgenden Morgen bequem wieder aufladen lassen. Darauf werden die Kamele in unserer unmittelbaren Nähe angebunden, die beiden Holzklötze in kleine Scheite zerspalten, Feuer angemacht und die Eisstücke zum Schmelzen in den Eisentopf und in einen eisernen Eimer gelegt, dann bereitet Ördek den Reispudding. Das Wasser, in welchem der Reis gewaschen wird, erhalten das Pferd und die Hunde; kein Tropfen darf umkommen. Nachdem das letzte Holzscheit des Abends verbrannt ist, bleibt nichts weiter übrig, als in die Koje zu kriechen. Wenn die Kamele nicht gar zu durstig werden, haben wir noch Wasser für 15 Tage und Holz für 11 Tage.
Nie habe ich den heiligen Abend in einer düsterern, einsamerern Umgebung zugebracht. Nichts weiter als die Kälte erinnerte an dieses frohe Fest, an dem sich alle Erinnerungen aufrollen und an dem Blicke, der sich in der ersterbenden Glut des Lagerfeuers verliert, vorüberziehen. Das fröhlichste, glücklichste aller Feste verbrachte ich in einem Höllenloche, wo nur der Tod oder der Mangel jeglichen Lebens einen seiner größten Triumphe feierte. Wie Fledermäuse im Winter saßen wir zusammengekauert um das spärliche Feuer, über dessen Kohlen nur noch die letzten blauen Flammen züngelten; wir hüllten uns dichter in die Pelze, um den eisigen Pfeilen der Mittwinternacht die Spitze abzubrechen, doch der Weihnachtsengel ging an uns vorüber, obwohl ihm alle Türen weit geöffnet waren. Es war ein Weihnachtsfest der Wüste, und selbst am Pol kann es nicht einsamer verlaufen.
Während des ersten Festtages war das Terrain so günstig, daß wir 18,2 Kilometer zurücklegen konnten. Hinter der Sandenge des Weihnachtslagers kamen drei kleine Mulden, aber die Bajir Nr. 20 lag groß wie ein Tal vor uns. Ihre Längsrichtung ging gerade nach Süden, und ihre östliche Sandmauer stieg bis gegen 100 Meter hoch direkt vom „Ufer“ auf. Wenn nur Ostwinde in der Gegend herrschten, würde man diese Regelmäßigkeit verstehen, doch im Winter waren südliche und nördliche Winde häufiger, und man sollte denken, daß diese die Mulden mit der Zeit ausfüllen mußten. In der westlichen Takla-makan hatten wir nur in dem dem Chotan-darja am nächsten liegenden Teile Flecke mit freiem Boden gefunden, also in einer Gegend, wo östlicher Wind vorherrscht.
Als wir die ganze Bajirreihe hinter uns hatten, gerieten wir wieder in gewaltigen Sand hinein, auf dem es beständig bergauf ging. Auf beiden Seiten unseres Kurses sahen wir Mulden; da sie uns aber nichts nützen konnten, zogen wir auf dem höchsten Kamme der Protuberanz weiter. Wenn man auf dem Kamme selbst bleibt, wo der Sand eine feste, zusammengepackte Masse bildet, wird der Marsch leichter, doch lag der Sand an mehreren Stellen so ungünstig, daß für die schwerbeladenen Kamele mit dem Spaten ein Pfad gegraben werden mußte. Obgleich wir uns alle durch Gehen warm zu halten suchten, erstarrten wir beinahe vor Kälte in dem heftigen Südwestwinde, der keinen Augenblick nachließ. Straußenfedern vergleichbar wirbelte der Sand von den Dünenkämmen, und alles verschwand in graugelbem Nebel. Man sieht, wie die scharfen Kammlinien unter der Einwirkung des Windes ihre Lage verändern. Der Sand durchdringt alles; er juckt auf der Haut des ganzen Körpers, er knirscht zwischen den Zähnen, und noch heute fallen Sandkörner aus meinem Tagebuche, wenn ich darin blättere.
Am 26. Dezember überschritten wir nicht weniger als acht Bajire, aber sie waren alle klein und von keinem Nutzen für uns, da wir erst nach ihnen hinunter und dann auf der anderen Seite gleich wieder hinauf mußten. Es tat mir leid zu sehen, wie dies die Kamele anstrengte, aber ich hoffte, daß ihre Kräfte ausreichen würden, und ihr Lohn sollte groß sein, wenn wir erst die üppigen Weiden des Tschertschen-darja erreichten. Wir wanderten also meistens zu Fuß im Sande, und nur auf ebenem Bajirboden benutzte ich die Gelegenheit, ein paar Kilometer zu reiten.
Die Sandengen werden auf Kosten des ebenen Bodens immer höher und breiter; für uns ist es ein Glück, daß ihr steiler Abhang immer nach Süden und ihr allmählich ansteigender nach Norden liegt. Bei jeder neuen Bajir gelangen wir an den Rand einer solchen jähen Sandklippe. Ohne sich zu besinnen, lassen sich die Kamele beinahe Hals über Kopf den Abhang hinabgleiten. Der Sand fängt dann an nachzugeben und gleitet wie in einem Wasserfall hinab, in dem sie mit steifen Beinen hinunterrutschen. Sie sind schon daran gewöhnt, balancieren sicher und fürchten sich nicht mehr vor den hohen Dünenkämmen.
Islam, mein alter erfahrener Wüstenlotse, geht gewöhnlich voraus und sucht die Kurve, die unser Weg bildet, soviel wie möglich auf derselben Ebene zu halten. Auf jedem neuen Kamme, nach welchem wir uns mühsam hinaufgearbeitet haben, machen wir Halt und schauen uns um, stets hoffend, in der Richtung des Weges eine neue Bajir zu finden, sehen uns aber meistens in der Hoffnung getäuscht und folgen dann den besten Dünenkämmen.
Im Lager Nr. 7 konnte ich meinen Dienern zu ihrer Beruhigung mitteilen, daß wir schon 2 Kilometer über die Hälfte des Weges nach dem alten Bette des Tschertschen-darja hinaus waren, von dessen Vorhandensein der russische Reisende Roborowskij vor einigen Jahren hatte erzählen hören und das nach seiner Karte etwa 65 Kilometer nördlich von dem jetzigen Flußbette liegen mußte. Noch besaßen wir 2½ Kamellasten Eis, was ausreichen mußte; dafür aber war zu befürchten, daß uns das Brennholz ausgehen und uns damit die Möglichkeit genommen werden könnte, das Eis zu schmelzen.
Am 27. Dezember brachen wir früh auf; die Leute fühlten sich in dieser endlosen Wüste entmutigt und hielten es für das beste, den Marsch zu beschleunigen, um in gastfreundlichere Gegenden zu gelangen, ehe unsere Vorräte gar zu sehr zusammenschmolzen. In der Nacht sank die Temperatur unter −20 Grad, und als wir aufbrachen, war es noch −18 Grad kalt. Doch der Sonnenaufgang war schön und der Himmel klar. Das Tagesgestirn war aber noch nicht viele Grade über den Horizont emporgestiegen, als auch schon die gewöhnlichen Wolkenbänke heraufzogen, um die Nachtkälte, die die Sonne noch nicht hatte vertreiben können, auf der Erdoberfläche festzuhalten.