Nachdem ich meinen Morgentee eingenommen, brach ich, gut eingehüllt, als Vorhut auf. Es wehte nicht, und mir wurde bald so warm, daß ich den Ulster fallen ließ, damit die Karawane, die meinen Spuren folgte, ihn mitnehme. Über zahllose Kämme hinweg erreichte ich endlich die Höhe der Schwelle, wo ich überlegend stehenblieb und das Terrain mit dem Fernglase untersuchte. Hinten in der Richtung des Kurses erschien eine Bajir, deren Boden ein außergewöhnliches Aussehen hatte und ganz schwarzpunktiert war. Voller Neugierde, was dies sein möchte, eilte ich von den Dünen hinab, und meine Verwunderung wurde noch größer, als ich vom Winde verwehte Kamischblätter und die Spuren eines kleinen Nagetieres fand, das nicht größer sein konnte als eine Ratte. Als ich näherkam, sah ich zu meiner Freude, daß in dieser Bajir Kamisch wuchs, wenn auch dünn und in welken, verdorrten Stauden. Doch es gab dort auch lebendes, gelbes Schilf; es hatte sich nur gegen die ebenso gelben meterhohen Dünen, welche die Bodensenkung in der Diagonale kreuzten, von fern nicht abgehoben.

Mich an dem Anblicke von Leben freuend, erwartete ich die Karawane. Die Männer waren froh, als sähen sie vor sich ein Paradies winken, und die Kamele blähten, die Weide witternd, ihre Nasenlöcher auf. Jetzt hielten wir Rat; Turdu Bai schlug vor, hierzubleiben, damit sich die Tiere ordentlich satt fressen könnten. Da wir jedoch vermuteten, daß die nächste Bajir noch besser sein würde, mußte Islam vorausgehen, um zu rekognoszieren, indes wir langsam seiner Spur folgten und die Kamele im Gehen fressen ließen. Der Kundschafter gab uns ein Zeichen ihm nachzukommen, und wir lagerten mitten in der Bajir Nr. 31, obwohl sie nicht besser war als die vorige.

Es war eine in hohem Grade unerwartete, staunenswerte Entdeckung, mitten in der Wüste, 120 bis 140 Kilometer vom nächsten Wasser entfernt, Vegetation zu finden. Daß dies nicht die äußerste „Strandinsel“ des Tarim sein konnte, lag auf der Hand, denn stark salzhaltiger Untergrund und wüstester Sand trennten uns von diesem Flusse. Ebensowenig konnte es einer der Vorposten des Tschertschen-darja sein, denn bis an diesen Fluß hatten wir noch 150 Kilometer. Vielleicht befanden wir uns in einer Gegend, welche einst der Fluß Kara-muran durchzogen hatte. Wie dem auch sei, alle lebten wieder auf, und wir sahen die nächste Zukunft in den hellsten Farben.

Die Kamele erhielten jedes seinen Eimer mit 30 Liter Wasser, das sie austranken wie unsereiner eine Tasse Tee. Es war ein tiefer Griff in unseren Eisvorrat. Die Blöcke wurden im Eisentopfe über Kamischfeuer geschmolzen, und die Lasten wurden dadurch leichter. Bei Tagesanbruch durften die Kamele auf die Weide gehen. Auch wir zogen aus dem dürren Schilfe Nutzen. Solange es noch Tag war, sammelten wir ganze Haufen davon und brauchten abends die vorgeschriebenen drei Holzklötze nicht in Anspruch zu nehmen.

Der Sonnenuntergang war an diesem Abend von einer ungewöhnlichen Farbenpracht. Die schweren Wolken, die den Himmel den ganzen Tag erfüllt hatten, verzogen sich; sie waren oben grauviolett mit einem goldglänzenden Rande, aber ihre Unterseite war ebenso schmutziggelb wie die Dünen, und man glaubte, das Spiegelbild der Wüste am Himmelsgewölbe widerscheinen zu sehen.

Fünfzehntes Kapitel.
Das endlose Wüstenmeer.

Das unfreundliche Wetter hielt noch immer an. Nach einer −21 Grad kalten Nacht erwachten wir am 28. Dezember wieder bei östlichem Winde, dicker Luft und bleischweren Wolken, an denen nicht einmal eine schwache hellere Färbung verriet, wie hoch die Sonne schon gestiegen war. Wir waren in das Land der ewigen Dämmerung hineingeraten. Auch am Kerija-darja hatte ich im Winter 1896 solches Nebelwetter gehabt; es muß wohl ein charakteristisches Zeichen des Winters der inneren Wüste sein. Man täuscht sich leicht in den Entfernungen und hält eine Bajir, in die man hinuntergekommen ist, für lang, weil ihr anderes Ende in weiter Ferne verschwindet; doch man ist noch nicht weit gelangt, so steigen schon die sie begrenzenden Dünenwände wie Gespenster aus dem Boden auf. Die Sandprotuberanzen vor uns gleichen im Staubnebel fernen Bergketten, und doch sind sie uns ganz nahe. Man täuscht sich beständig und weiß nicht, wohin man am besten seine Schritte lenkt, und auf dem Sattel wird man so vom Winde durchkältet, daß man vorzieht, zu Fuß zu gehen und das Pferd zu führen.

In der Anordnung des Sandes herrscht beständig dieselbe Regelmäßigkeit ([Abb. 61]). Gibt es auch sonst nichts in dieser Wüste, so treffen wir doch hier eine Kraft, die mit souveräner Allmacht aus diesem flüchtigen Material ein phantastisches Gebilde — ein Mittelding zwischen Gebirge und Meer — gestaltet. Jede einzelne Düne gibt die Form der großen Protuberanzen wieder, und die Form der Düne wiederholt sich in den unzähligen kleinen Wellen, die ihren Rücken kräuseln. Der tiefste Teil des Wellentales ist stets der, welcher der Basis der steilen Leeseite zunächst liegt, welches Gesetz auch für die Bajirmulden, die größte Wellentälerform der Wüste, gilt. Der Sand, der von granitharten Bergen stammt, muß treu denselben Gesetzen gehorchen wie das wenig beständige Wasser. Er wälzt sich in Wogen dahin, die denen des aufgeregten Ozeans gleichen; auch die seinen rollen unwiderstehlich vorwärts, nur ist die Bewegung unendlich viel langsamer.

In der Bajir Nr. 33 konnte ich ein gutes Stück vorausreiten. Mich lockte ein schwarzer Gegenstand, der sich höher erhob als das tote, vertrocknete Kamisch. Dieses ist selten mehr als ein paar Dezimeter hoch und sieht aus, als wäre es abgeweidet worden, obwohl es nur verkümmert und abstirbt, sobald seine Wurzeln nicht mehr zum Grundwasser hinabreichen. Der schwarze Gegenstand stellte sich als die erste Tamariske heraus. Noch lebte sie ein schwaches Leben, aber rund umher lagen längst abgestorbene, vertrocknete Zweige, ein willkommener Zuschuß zu unserem Holzvorrat.

Noch eine Stunde konnte ich reiten, ohne diese angenehme Bajir endigen zu sehen. Auch das Kamisch nahm kein Ende. Es lebt, ja besitzt sogar, besonders in der Nähe von Flugsand, vom Sommer her einen Anflug von Grün, ist aber auf ebenem Staubboden abgestorben. Es scheint beinahe, als sei der Sand für sein Gedeihen erforderlich oder trage dazu bei, es am Leben zu erhalten. Weitere Tamarisken sind nicht zu sehen; ich machte daher an einem Punkte Halt, wo das Schilf etwas dichter stand und gegen den Wind schützte; hier band ich das Pferd an und zündete ein kleines Feuer an.