Jetzt besann sich Schagdur auf seine Würde und brüllte mich an: „Geh und treibe die Pferde ein, Bursche! Was hast du hier zu gaffen?“ Man konnte nicht wissen, ob Sampo Singi Mongolisch verstand, jedenfalls sah er nicht im mindesten erstaunt aus, als ich sofort nach den Hügeln lief und unsere Tiere nach dem Zelte zu treiben begann. Bevor ich weit mit ihnen gekommen war, hatte sich der Alte zum Glück entfernt, sonst würde seine Intelligenz mehr als ausreichend gewesen sein für die Überlegung: „Der Bursche da hat noch in seinem ganzen Leben keine Maulesel eingetrieben!“ Hatte ich sie endlich alle auf einem Haufen, so gefiel es dem Sarik Kullak oder „Gelbohr“, nach dem vortrefflichen Grase, von dem ich ihn eben fortgejagt hatte, zurückzugaloppieren. Ich mußte umkehren und das Vieh von neuem holen; aber wenn ich zum Haufen zurückkam, hatte sich dieser zerstreut, und mit der Disziplin war es vorbei. Schließlich erwischte ich drei Maulesel und ließ sie nicht eher wieder los, als bis sie festgebunden waren.

Unter dem Zelttuche der schweren Wolkenmassen warf die Sonne noch beim Untergehen einen Abschiedsblick hervor, der einige Minuten über die Weidegründe der ersten Nomaden hinstrahlte, und gegen 9 Uhr machte uns auch der Mond einen flüchtigen Besuch. Aber schon gleich nach 10 Uhr erhob sich der Weststurm, und ich, der ich die Wache hatte, mußte das Zelt, so gut es gehen wollte, festmachen. Eines der im Laufe des Tages gezeichneten Kartenblätter flog in die Nacht hinaus, wurde aber noch eingeholt und gerettet. Dann strömte der Platzregen wieder taktfest und trostlos von dem gleichmäßig schwarzen Himmel herab; nur mit Mühe konnte ich sehen, wo die Tiere standen.

In dieser Nacht fühlten wir uns bedeutend ruhiger als gewöhnlich. Seit dem unerwarteten Zusammentreffen mit den Yakjägern hatten wir keine Eingeborenen getroffen, wohl aber hatten wir sie wie böse Geister um uns herumspuken gefühlt, ja sie hatten uns sogar einmal überrumpelt. Jetzt dagegen, da wir friedliche Nomaden als nächste Nachbarn hatten, brauchten wir kaum nächtliche Besuche zu fürchten, und Sampo Singi hatte uns versichert, daß hier in der Gegend keine Räuber umherstreiften. Doch für alle Fälle wurde der Nachtdienst auf dieselbe Weise wie gewöhnlich verrichtet. Der einzige Unterschied war, daß ich im Zelte ein kleines Feuer unterhielt, das noch mehr dazu beitrug, unsere bereits genügend eingeschmutzten Sachen zu schwärzen.

1. August. Als ich mit den Worten: „Drei Tibeter kommen auf Besuch“ geweckt wurde, regnete es merkwürdigerweise nicht. Ich sprang auf und versteckte die Kleinigkeiten, die einen geheimnisvollen Fremdling hätten verraten können. Zwei Männer und eine Frau erschienen; daß sie in friedlicher Absicht kamen, sah man schon von weitem, denn sie führten ein Schaf am Strick und trugen verschiedene Sachen.

Sampo Singi führte wieder das Wort und reihte seine Delikatessen an unserem Feuer auf. Ach, was für schöne Sachen; jetzt würden wir nach der knappen Kost der letzten Tage wie Fürsten tafeln! Ein großes Stück Fett (Mar), einen Napf saure Milch (Scho), eine hölzerne Schale mit Käsepulver (Tschorá), eine Kanne Milch (Oma) und einen Klumpen Sahne (Bema): konnten wir uns ein lukullischeres Frühstück wünschen?

Alles war Primaware, außer der Sahne, die beinahe an einen Bund aufeinandergelegter, bedenklich rußiger und haariger Hautlappen erinnerte. Das Käsepulver ist eines der Ingredienzien der „Tsamba“, die im übrigen aus Mehl, Tee, Fett- oder Butterstücken, was man gerade hat, alles in einer Schüssel verrührt, zu bestehen pflegt. Ich muß gestehen, daß es mir nie gelungen ist, mich an diese von den Mongolen hochgepriesene Delikatesse zu gewöhnen.

Um so besser wußte ich die sauere Milch zu würdigen. Sie übertraf alles, was ich mir hatte denken können, und hätte mir ein höheres Wesen, als sie verzehrt war, unter allen Delikatessen der Erde freie Wahl gelassen, so würde ich ohne Zögern um noch etwas sauere Milch gebeten haben! Sie war dick, weiß und säuerlich; in der ganzen Welt hat die „Scho“ der Tibeter nicht ihresgleichen!

Alles dieses sowie das Schaf sollten nun bezahlt werden, und Schagdur zog einige chinesische Silberstücke hervor. Sampo Singi wog sie und fand sie gut, erklärte aber, nur Silbergeld von Lhasa annehmen zu können. Da wir solches nicht besaßen, prüften wir ihn auf seine Empfänglichkeit für blauen chinesischen Stoff, und das wirkte. Mit wahrem Genusse strich er darüber hin und ließ ihn zwischen den Fingern rauschen; er besah ihn in der Nähe und aus der Ferne, mit einem Worte: er hatte angebissen. Die Schweinsaugen seiner edeln Gattin glänzten vor Begierde. Wir hatten von diesem Zeuge zwei Pakete zu Tauschzwecken mitgenommen, und Sampo Singi wollte das eine haben. Das asiatische Parlamentieren und Feilschen begann, und schließlich mußte er sich mit 12 Ellen, dem dritten Teile eines Paketes, begnügen. Pferde konnte er jedoch nicht entbehren, so sehr wir ihn auch in Versuchung führten. Als der Handel abgeschlossen war, hielt jede Partei die andere für übervorteilt.

Nun baten wir Sampo Singi, das Schaf zu schlachten und zu zerlegen, dann sollte er als Lohn für seine Gastfreiheit und für die uns erwiesene Freundlichkeit das Fell behalten dürfen; hiermit war er sehr zufrieden. Ich beobachtete mit diplomatischer Gleichgültigkeit, wie er dabei vorging. Er legte das Tier auf die linke Seite und band ihm drei Beine zusammen, das linke Vorderbein aber ließ er frei. Dann schnürte er ihm einen dünnen, weichen Lederriemen mehreremal sehr fest um das Maul. Darauf legte er den Kopf des Schafes so, daß die beiden wagerechten, Korkzieher ähnlichen Hörner den Boden berührten, und stellte sich auf sie. Das Schaf lag jetzt wie in einem Schraubstock mit seinem Kopfe am Boden festgenagelt. Als Sampo Singi so weit war, steckte er Daumen und Zeigefinger der rechten Hand in die Nasenlöcher des gefangenen Schafes, um es durch Ersticken zu töten. Ich sah heimlich nach der Uhr, wieviel Minuten hierzu erforderlich sein würden, vergaß nachher aber, das Resultat aufzuschreiben; doch erinnere ich mich, daß es eine geraume Zeit dauerte und für mich eine entsetzliche Pein war, das arme Tier zappeln und zucken zu sehen, während seine Augen immer weiter aus ihren Höhlen traten. Die ganze Zeit über betete der Alte mit verzweifelter Zungengeläufigkeit „Om mani padme hum“, was mich an die Art der Muselmänner, Schafe zu töten, erinnerte. Wie um ihr eigenes Gewissen zu beruhigen und dem Schöpfer zu schmeicheln, plappern auch sie Gebete zum Lobe des Ewigen her, während sich der kalte Stahl von unschuldigem Blute rötet.

Endlich wurde das Schaf still, seine Beine fielen schlaff nieder, und Sampo Singi richtete sich auf. Es war hart, diese Tierquälerei mitanzusehen, ohne sie verhindern zu dürfen. Ich hütete mich aber wohl, mich und meine Gefühle zu verraten, und im übrigen ist auch jede Einmischung in alte, feststehende Gebräuche völlig nutzlos.