Die Schafherde zählte nicht weniger als 700 Tiere und wurde von einer alten Frau gehütet, die augenscheinlich an Pilger gewöhnt war, denn sie zeigte keine Furcht. Nach all dem Regen, Schmutz und Dreck sahen wir wie leibhaftige Vagabunden aus, und kein Ritter von der Landstraße brauchte sich mehr vor uns zu schämen. Die Eleganz war gewissenhaft abgespült worden.
Die Alte teilte uns mit, daß wir im nächsten Tal ein schwarzes Zelt finden würden, wo man uns alles, dessen wir bedurften, vor allem Auskunft über den Weg nach Lhasa geben könne.
Einen Kilometer von dem Zelte, das sich richtig an der angegebenen Stelle befand, lagerten wir, der Vorsicht halber noch immer auf freiem Felde.
Der Lama begab sich sofort zu den Tibetern und kehrte sehr befriedigt zurück. In dem Zelte, das von Hunden bewacht war, hatte er einen jungen Mann und zwei Frauen angetroffen, die sich entschuldigten, uns heute Schafe, Milch, Fett und Tsamba nicht verkaufen zu können, da es Feiertag sei; wenn wir uns aber bis morgen geduldeten, so sollten wir erhalten, was sie abgeben könnten. Womit sie uns aber gleich versehen könnten — weil wir friedliche Mongolen seien —, sei trockener Yakdung. Der Lama brachte einen ganzen Sack voll mit; es war zu schön, denn sonst wäre es uns in der ewigen Nässe kaum möglich gewesen, ein Feuer anzumachen. Auf die Frage, ob sie uns zwei Pferde verkaufen würden, hatte er die Antwort erhalten, daß darauf nur der Hausherr, der ausgegangen sei, Bescheid geben könne.
Der Lama hatte kaum über seine Mission Bericht erstatten können, als auch schon der in Frage stehende Mann in eigener hoher Person auf einem Hügel erschien, wo er in gebührender Entfernung stehenblieb und uns betrachtete. Ohne Ziererei oder Furcht kam er mit, als der auf ihn zugehende Lama ihn zu uns einlud, und setzte sich vor der offenen Zelttür auf den nassen Boden.
Dieser unser erster Tibeter mochte ein Mann von 40 Jahren sein; sein Name war Sampo Singi. Ein mehr schwarzes als sonnverbranntes, bartloses, runzeliges Gesicht; rabenschwarzes, schmutziges Haar in zottigen Strähnen, aus denen das Regenwasser auf den zerlumpten, sackähnlichen Mantel niedertropfte, Stiefel von grobem, ursprünglich weißem Filz, eine Leibbinde mit daranhängendem Tabaksbeutel und einer Pfeife, alles greulich schmutzig; dies war seine äußere Erscheinung. Sampo Singi war barhäuptig und, bis auf die Stiefel, barbeinig; mit anderen Worten, er hatte keine Hosen an. Es muß erfrischend sein, unter solchen Umständen bei Regenwetter zu reiten!
Unaufhörlich schneuzte er sich mit den Fingern mit einer bewundernswerten Energie; der Sicherheit halber machten wir es ebenso, da man ja nicht genau wissen konnte, ob die tibetische Etikette derartige demonstrative Handgreiflichkeiten in Gegenwart von Fremden nicht geradezu vorschrieb. Das Bild, das wir bei dem Regenwetter boten, muß ein Anblick für Götter gewesen sein; schade, daß es weiter niemand sehen konnte.
Sampo Singi untersuchte ganz ungeniert unsere Effekten — Instrumente und Tagebuch hatte ich rechtzeitig eingesteckt. Unsere oben engen, nach unten weiter werdenden Holznäpfe gefielen ihm besonders, und er machte die sachverständige Bemerkung, daß die Mongolen stets derartige Gefäße hätten. Mir gegenüber zeigte er kein Mißtrauen, war ich doch beinahe ebenso schmutzig wie er selber.
Nachdem die Bekanntschaft gemacht war und die Vertraulichkeit zugenommen hatte, gelang es dem Lama, aus Sampo Singi herauszuquetschen, daß unser gestriger Lagerplatz zwischen den beiden kleinen Seen Merik hieß. Den Fluß, den wir heute im Osten gesehen und ziemlich nahe zur Linken gehabt hatten, nannte er Gartschu-sängi. Der heutige Lagerplatz trug den Namen Gom-dschima, und der nächste Gebirgskamm im Südwesten hieß Haramuk-lurumak. Er teilte uns auch mit, daß wir während zweier weiterer Tagemärsche kaum Aussicht hätten, Nomaden zu treffen, auf dem dritten aber würden wir auf viele Zelte stoßen. Wenn wir kurze, langsame Tagereisen machten, würden wir bis Lhasa 12 Tage brauchen, marschierten wir aber so tüchtig wie heute (42,2 Kilometer), so würden wir die Stadt in 8 Tagen erreichen. Der Weg, auf dem wir uns jetzt befanden, führte richtig nach dem Passe Lani-la.
Schagdur und der Lama pflegten zu schnupfen, und Sampo Singi nahm sich auch eine gehörige Prise. Das hätte er jedoch lieber nicht tun sollen, denn er geriet in ein verzweifeltes Niesen, das gar kein Ende nehmen wollte. Er nahm es aber nicht übel, daß wir über ihn lachten. Ganz unschuldig fragte er, ob wir unseren Schnupftabak zu pfeffern pflegten, und ließ sich nicht in Versuchung führen, als ihm noch eine Prise angeboten wurde.