Von dem Passe folgten wir einem deutlich ausgetretenen Wege, der in ein an Sümpfen, Tümpeln, Quellen, Bächen und üppiger Weide reiches Tal hinunterführte. Der in Hülle und Fülle vorhandene Yakdung war hier umgedreht worden, um besser zu trocknen; man beabsichtigte also, wiederzukommen und ihn zu holen. Überall waren Spuren von Nomadenlagern sichtbar.
Weiter abwärts schien die Weide abzunehmen. Als wir einen strategisch geeigneten Platz fanden, beschlossen wir daher, für die Nacht hier zu bleiben. Auf der 70 Meter breiten Landenge zwischen zwei kleinen Seen wurde unser nasses Zelt aufgeschlagen. Wir sehen der bevorstehenden Nacht mit einem gewissen Unbehagen entgegen und fragen uns, was sie wohl bringen werde.
Schon um 8 Uhr wurden die Tiere in gewöhnlicher Weise gebunden. Die Luft war ruhig, aber alle Himmelsrichtungen konnten als gleich unsicher gelten. Diese Nacht war noch ärger als die vorige; es war, als ob Tausende von Dachrinnen ihren Inhalt über unser Lager ausschütteten. Aber die hierzulande vorgeschriebene Regenzeit war da, und wir hatten kein Recht, uns zu beklagen. Wenn man, wie ich diesmal, vier Stunden Wache hält und bis auf die Haut naß wird, so weiß man ganz genau, wie ein richtiger, ehrlicher Regen beschaffen sein muß.
Von Zeit zu Zeit saß ich, einigermaßen geschützt, in der Zelttür. Es klatscht in den Packsätteln der Maulesel, von deren Ecken das Wasser in dicken Strahlen rinnt, wie in einer Waschmaschine. Die Tiere schütteln sich, daß die Tropfen nach allen Seiten spritzen. Bisweilen spitzen sie die Ohren, und die Hunde knurren dumpf. Malenki darf frei umherlaufen und schnüffelt auf einem alten Lagerplatze nach Knochen, denn er und Jollbars haben seit ein paar Tagen nichts als Brot bekommen.
Auf einmal fing der eine zu bellen an, und der andere stimmte bald ein. Es war nur ein Schreckschuß, denn nur einer der Maulesel hatte sich losgemacht und spazierte einen Abhang hinauf. Mir blieb nichts übrig, als ihn wieder einzufangen; aber dies war leichter gesagt als getan. Er war munter und lebhaft und sprang umher, und es dauerte lange, ehe ich ihn bei der Halfter packen konnte. Sein Betragen demoralisierte einen seiner Kameraden, der das Manöver wiederholte und gleichfalls mit großer Mühe eingefangen wurde.
31. Juli. Als ich nach mehrstündigem Schlafe geweckt wurde, um beim Einpacken und Beladen zu helfen, stürzte der Regen noch ebenso lustig nieder wie bisher, aber hier gab es keine Gnade: hinauf in den Sattel, sobald der Tag anbrach, und fort nach Südosten über beschwerliches, stark kupiertes Terrain. Jetzt hatte unsere kleine Gesellschaft keinen trockenen Faden mehr an sich, so daß uns der Regen eigentlich wenig genierte; aber wir sehnten uns danach, daß die Sonne sich einmal über uns erbarmte und uns trocknete.
Als ich mich auf meinen weichen, gepolsterten Sattel setzte, tropfte das Wasser aus ihm; nachher erhielt ich vom Regen eine so gründliche Dusche, daß das Wasser von meinen Kleidern in die Stiefel rann, in denen es bei der geringsten Bewegung plätscherte. Erhob ich meinen Arm, so klang es ungefähr, als ob ein Spüllappen ausgerungen werde. Das Ganze war recht betrübend; wenn es doch lieber geschneit hätte!
Der Weg, dem wir noch immer folgten — schon jetzt war deutlich zu erkennen, daß er nach Lhasa führte —, ging über fünf Pässe, von denen jedoch die beiden letzten nur in kleineren Abzweigungen zwischen Tälern lagen, deren Bäche einem Haupttale zuströmten. Im Osten sah man den sich schlängelnden Fluß.
Unser Weg vereinigt sich mit einem anderen, von links kommenden. Er ist deutlich ausgeprägt, weil eine große Yakherde ihn benutzt hat. Infolge des heftigen Regens, der alle Spuren bald vertilgen mußte, konnten wir annehmen, daß die Tiere hier ganz kürzlich, vielleicht erst am Morgen, vorbeigezogen waren, und wenn wir uns beeilten, mußten wir die Karawane noch einholen können.
Es dauerte auch nicht lange, so unterschieden wir ganz fern im Südosten eine Menge schwarzer Punkte; es waren Yake, und später trat auch eine Schafherde aus dem Halbdunkel hervor. Ein Zelt, das bisher verdeckt gewesen war, tauchte am Ufer eines Baches auf. Schagdur und ich ritten weiter, während sich der Lama dorthin begab. Wir nahmen als selbstverständlich an, daß die Besitzer des Zeltes mongolische Pilger seien, und hatten beabsichtigt, uns ihnen anzuschließen; es stellte sich jedoch heraus, daß es Tanguten waren, die nach dem berühmten „Tempel der zehntausend Bilder“ in Kum-bum pilgerten. Sie blieben auf jedem Lagerplatze einen oder mehrere Tage, reisten sehr langsam und waren, ihrer Meinung nach, noch eine Monatsreise von Lhasa entfernt. Sie zeigten bedenklich viel Interesse für uns und wollten alles wissen, wer und wie viele wir seien, woher wir kämen, wohin wir zögen usw. Sie hatten 50 Yake, einige Pferde und drei Hunde, die von Jollbars und Malenki greulich zerzaust wurden.