Sodann frühstückten wir miteinander von den gekauften Milchspeisen, und die Hunde erhielten zum Lohn für ihren tadellosen Wachtdienst eine tüchtige Portion Fleisch. Die Frau war von ihrem Zeuge derart entzückt, daß sie ganz den Appetit verloren hatte und nur bald diesem, bald jenem von uns freundlich zunickte. Ihre Kleidung war die der Männer; das struppige schwarze Haar war in zwei Zöpfe geteilt, stand aber eigentlich in rattenschwanzähnlichen Büscheln nach allen Ecken und Enden. Sie trug Filzstiefel mit einfacher Buntstickerei, die einst recht hübsch gewesen war. Wie sie es angefangen hatte, so fabelhaft schmutzig zu werden, wie sie war, begriff ich nicht, beneidete sie aber aufrichtig darum. Meine vermutlich feinere Haut wurde unaufhörlich vom Regen „rein“ gewaschen, auf ihrer Haut aber saß die Schmutzschicht so dick und kompakt, daß sie mit Aussicht auf Erfolg als Treibbeet für Frühkartoffeln hätte benutzt werden können. Die Poren in der Gesichtshaut der Tibeter müssen verschwunden sein; jedenfalls ist es sicher, daß ihre Öffnungen beständig verstopft bleiben.

Sampo Singi half uns bereitwillig beim Beladen unserer Tiere. Das Zelt war von all den Regenschauern, die es eingesogen hatte, doppelt so schwer geworden.

Der ehrliche Nomade wünschte uns glückliche Reise nach Lhasa und angenehmen Aufenthalt in dieser Stadt, und der Lama versicherte, er habe dies in so manierlicher Weise getan, daß ihm die lamaistischen Finessen sichtlich nicht fremd seien. Es war ihm augenscheinlich nicht darum zu tun, uns noch hier zu behalten; sonst hätte er uns gewiß vor dem bevorstehenden Tagemarsche gewarnt. Er sagte nur, daß wir einen Paß zu überschreiten hätten und daß der Weg nach Lhasa überall deutlich erkennbar sei, weiter nichts. Wir versprachen, ihn auf dem Rückwege wieder aufzusuchen. Wir taten dies auch, aber ohne Erfolg, denn er hatte seine Penaten bereits nach anderen Weideplätzen geflüchtet.

In halber Dämmerung brachen wir um 9 Uhr auf; der Himmel verhieß uns wenig Gutes, und bleischwer hingen die Wolken über der Erde. Über Hügel und Bergausläufer näherten wir uns dem Flusse Gartschu-sängi, der bei näherer Besichtigung nichts weniger als einladend aussah. Sein Tal drängt sich zusammen, und die schwere Wassermasse rauscht dumpf unten zwischen den Felsen, während wir oben dem oft ziemlich beschwerlichen und gefährlichen Wege über Pässe und Höhen folgen. Murmeltiere und Hasen kommen hier besonders häufig vor, und die Hunde machen sich mit ihrer Verfolgung viele unnötige Mühe.

Fünf Minuten, nachdem wir Gom-dschima verlassen hatten, brach die heutige Regenflut los, und peitschte die Erde wie mit Ruten; bald waren wir wieder pudelnaß ([Abb. 249]).

Nachdem wir über einen letzten kleinen Paß und einen steilen Abhang hinuntergegangen waren, erweiterte sich die Landschaft, und vor uns dehnte sich ein ebener Talgrund aus, der im Süden, soweit man vor dem Regen sehen konnte, nicht von Bergen begrenzt wurde. Den Gartschu-sängi verloren wir auf der linken Seite aus den Augen.

In zähem Schlamme geht es nach Südosten weiter, und wir hüten uns, den Weg aus dem Auge zu verlieren. Der Regen spült über die Erde, unsere Sättel rutschen in der Nässe hin und her, unsere förmlich am Leibe klebenden Anzüge glänzen von Wasser, und aus den Mähnen der Pferde rieselt es. Wenn die Hunde stehenbleiben, um sich zu schütteln, sind sie von einer Wolke sprühender Tropfen umgeben.

Eine Strecke weit ist das Terrain wieder etwas kupiert, das Gras ist gut, und man sieht oft verlassene Lagerplätze.

Jetzt führte der Weg gerade nach dem rechten Ufer eines so breiten, gewaltigen Flusses, daß wir ihn von fern für einen See hielten, dessen gegenüberliegendes Ufer vom Regen verschleiert wurde. Doch das laute Aufschlagen der Regentropfen auf der Wasserfläche wurde bald durch ein dumpferes Getöse wie vom Heranwälzen großer Wassermassen übertönt. Auch die gelbe, trübe Farbe verriet einen Fluß, und als wir am Ufer standen und die Wellen nach Westsüdwesten rollen sahen, war unser Schicksal deutlich besiegelt, denn hinüber mußten wir um jeden Preis.