246. Ein nächtlicher Überfall. ([S. 174].)

247. Die drei Pilger. ([S. 178].)

Der Fluß, der kein anderer war als der Satschu-sangpo, den schon Bonvalot, Prinz Heinrich von Orleans und Rockhill vor mir in derselben Gegend überschritten hatten, war infolge des ewigen Regens zu ungeheuren Dimensionen angeschwollen und teilte sich in seinem breiten Bette in 20 Arme, von denen jeder an und für sich schon einen ziemlich großen Fluß bildete. Vier Arme waren kolossal, und es erschien mir fast unmöglich, sie zu durchwaten. Doch ohne einen Augenblick zu zögern und ohne die Furt erst genauer zu untersuchen, ging der Lama, der stets voranritt, gerade in das Wasser hinein, und die beiden anderen Pilger folgten ihm. Es lief noch glücklich ab, und nur ein paarmal betrug die Tiefe mehr als einen Meter. Ich erwartete immer, den Lama, der den kleinsten Maulesel ritt, in den trüben Wellen verschwinden zu sehen. Von der Tiefe kann man sich bei so trübem Wasser vorher natürlich keinen Begriff machen.

Wir hatten uns über die halbe Anzahl von Armen hinübergearbeitet und rasteten einige Minuten auf einer Schlammbank mit kaum fußtiefem, langsam fließendem Wasser. Man atmet von seiner Angst um die kleine Gesellschaft auf und freut sich, so weit gekommen zu sein. Die Annehmlichkeit der Lage ist jedoch zweifelhaft. Hinter uns der halbe Fluß, vor uns die andere Hälfte, und wir stehen mitten in dieser rauschenden, tosenden Wassermasse, die vom Tale herunter auf uns losstürmt und die Absicht zu haben scheint, uns zu überwältigen und mitzureißen. Es schwindelt einem vor den Augen; die ganze ausgedehnte Wasserfläche ist auf allen Seiten in Bewegung, doch uns kommt es vor, als wären wir es, die durch das Tal jagen. Die Ufer sind vor dem Regen, der die Wasserfläche peitscht, nicht zu sehen; jeder Bach, jede Rinne in der Nachbarschaft trägt zum Anschwellen des Flusses bei, jeder Tropfen liefert seinen Tribut zum unwiderstehlichen, gewaltsamen Vorwärtsstürmen der Wassermasse.

Der Lama stemmte seinem Maulesel die Fersen in die Seite und begab sich wieder in tiefes Wasser hinein. Er hatte noch nicht zehn Schritt zurückgelegt, als es dem Maulesel schon bis an die Schwanzwurzel ging und der Reiter die Knie hochziehen mußte, um wenigstens die Stiefelschäfte über dem Wasser zu haben. Der Maulesel, der unsere beiden mit Leder überzogenen Kisten trug, geriet in eine höchst bedenkliche Lage. Die Kisten wirkten, bevor das Wasser in sie hatte eindringen können, wie Korkkissen, und das Tier verlor infolgedessen den Boden unter den Füßen, beschrieb dabei einen halben Bogen und wurde mit unwiderstehlicher Kraft von der Strömung ergriffen. Der Strudel riß das Tier natürlich in den schnellsten Strömungslauf, wo nur noch sein Kopf und die beiden Kisten über dem Wasser sichtbar waren. Ich gab es verloren, aber es zog sich auf bewunderungswürdige Weise aus der Geschichte. Beim Herumtasten im Flusse stieß es schließlich wieder auf festen Grund und es war gerade so dicht an das linke Ufer getrieben worden, daß es selbst hinaufkletterte, wobei es die jetzt halb mit Wasser gefüllten Kisten noch immer im Gleichgewichte auf dem Rücken hatte. Die Strömung hatte das Tier aber schon so weit abwärts getrieben, daß es ziemlich lange Zeit erforderte, um es wieder zu holen.

Sobald wir das Manöver des Maulesels gewahrten, schrien wir dem Lama verzweifelt zu, er solle umkehren; er hörte aber keinen Ton. Das Wasser wirbelte und schäumte um ihn herum wie unterhalb eines Mühlrades, er setzte sich aber nur höher in den Sattel und trieb seinen Maulesel an, der immer tiefer sank. Seine Todesverachtung war bei dieser Gelegenheit großartig, wenn man bedenkt, daß er, wie wir, mit einem schweren, tropfnassen Schafpelze bekleidet war und obendrein überhaupt nicht schwimmen konnte. Ich hatte die Leibbinde abgenommen und den Pelz aufgeknöpft, damit ich ihn jeden Augenblick abwerfen konnte, und ich war vollständig auf ein Bad vorbereitet, obgleich ich durchaus keine Sehnsucht danach verspürte. Man wird in der nebelkalten Luft steif und unlustig, und das Wasser ist zu kalt, um einladend zu sein, wozu noch kommt, daß jetzt alles, was Waschen und Reinlichkeit heißt, unseren mongolischen Prinzipien widerstreitet.

Das Glück steht jedoch dem Kühnen bei. Bald sahen wir den Maulesel sich höher aus dem Wasser erheben, und der Lama konnte die Stiefel wieder in die Steigbügel stecken. Für uns, die wir auf unseren hohen Pferden saßen, war der Übergang weniger gefährlich.

Der Satschu-sangpo hatte jedoch beschlossen, mich zur Strafe für unser dreistes Unterfangen nicht ohne eine kleine Taufe zu entlassen. „Wagst du es zu versuchen, nach dem Allerheiligsten von Tibet vorzudringen, so sollst du wenigstens nicht vergessen, daß du dem Hindernisse, das ich dir in den Weg gelegt habe, Trotz geboten hast.“

Der letzte Arm, einer der vier größten, war nur 30 Meter breit, aber tief, schäumend und reißend. Ich war ein wenig zurückgeblieben und hatte nicht gesehen, wo die anderen, die sich bereits am Ufer befanden, hinübergewatet waren. Daher ritt ich gerade auf ihren Landungsplatz zu. Das Wasser stieg um mich herum immer höher, und der Schimmel sank immer tiefer. Mir wurde schwindlig, als das Wasser mir über die Stiefelschäfte ging, dann aber stieg es über die Knie, über den Sattel, und bald guckten nur noch Hals und Kopf des Pferdes aus den um mich herumschäumenden Wellen hervor. Der Lama und Schagdur standen am Ufer, brüllten mir etwas zu und zeigten, wo die Furt ging; ich aber hörte nichts als das Tosen der Wassermassen. Nun ging mir das Wasser schon bis an die Rippen, und es wurde Zeit, das Pferd seinem Schicksal zu überlassen. Doch gerade in diesem Augenblick verlor es den festen Boden unter den Füßen und begann zu schwimmen, und ich hielt mich unwillkürlich an seiner Mähne fest. Dies war klug, denn bald hatte das Pferd wieder Grund gefaßt und erkletterte schließlich mit verzweifelter Anstrengung das steile Ufer, wo das Wasser von Roß und Reiter nur so herabströmte. Mein Bad hatte ich bekommen, und zwar gründlich, und vor Aufregung zitterten mir noch eine ganze Weile die Knie.