An und für sich hatte die Taufe wenig zu sagen, denn wir waren schon vom Regen durchnäßt, aber letzteren ziehe ich doch dem direkten Untergetauchtwerden vor. Alle unsere Sachen, Zelt, Kisten, Kleider und Proviant, waren ebenso übel daran. Waren die Lasten an diesem Tage schon von oben herab angefeuchtet worden, so wurden sie durch die Berührung mit dem Flusse auch noch von unten gründlich eingeweicht. Nach dieser Wasserprobe sah unsere kleine Schar am Ufer noch jammervoller aus als je zuvor. Wir waren aber doch froh, den Übergang bewerkstelligt zu haben, denn keiner konnte wissen, wie lange es noch zu regnen fortfahren würde, und vor Beendigung der Regenzeit würde der Fluß sicherlich nicht fallen.

Es hatte uns 26 Minuten gekostet, über das ganze Flußbett hinüberzugelangen, aber es war auch langsam gegangen, und zwischen den Armen war das Bett teilweise wasserfrei. Mein Pferd machte, wenn ich nur die wasserführenden Teile der gigantischen Rinne rechne, 716 Schritte, also ungefähr 500 Meter. An eine Berechnung der Wassermenge ist bei einem so zersplitterten Flusse und unter so schwierigen Verhältnissen nicht zu denken, und ich hatte auch — im Pilgergewande — wenig Ruhe und Lust dazu. Ich taxiere sie jedoch annähernd auf 200–250 Kubikmeter in der Sekunde. Nur während der Regenzeit, und auch dann nur selten, steigt der Satschu-sangpo zu so kolossalen Dimensionen an. Er ist jedenfalls einer der größten Flüsse im inneren Tibet. Ich spreche dabei natürlich nicht von denjenigen, die sich ins Meer ergießen, sondern nur von denen, die von der Quelle bis zur Mündung innerhalb des Landes bleiben und ihr Wasser in abflußlose Salzseen entleeren. Ich sollte später Gelegenheit erhalten, den untersten Teil des Laufes dieses Flusses genauer kennen zu lernen.

Grau, kalt und wüst sah die Landschaft in Westsüdwest aus, wo das Tal im Regennebel verschwand, und triefend ließen wir den Satschu-sangpo mit Freuden hinter uns zurück. Meine Stiefel waren bedenklich mit Wasser gefüllt, und ich fand bald, daß es unnötig sei, ihren Inhalt mitzuschleppen, obgleich es nicht das erstemal war, daß ich in den Stiefeln Wasser trug. Doch als dies 1895 in der Wüste Takla-makan geschah, sollte ich damit einem Menschen das Leben retten, während wir jetzt durchaus keine Veranlassung hatten, über Wassermangel zu klagen. Ich hielt daher, leerte die Stiefel aus, band sie hinten an den Sattel und ritt barfuß weiter. Die Kisten waren weniger dichte Wasserbehälter; als wir lagerten, war die ganze Flüssigkeit aus ihren unteren Ecken herausgetropft.

Es dauerte nicht besonders lange, bis wir lagerten, denn für heute hatten wir genug. Wir blieben an einem kleinen Bache auf einem grasreichen Hügel, wo der Regen ohne Schlammbildung in den Boden eingesickert war. Der Bach schwoll vor Einbruch der Dunkelheit wohl dreimal so hoch an, wie er ursprünglich war, und ich seufzte bei dem Gedanken an das jetzige Aussehen des Flusses erleichtert auf; jetzt wäre es absolut unmöglich gewesen, ihn zu überschreiten. Sampo Singi hatte uns gewiß mit Fleiß nicht gewarnt, weil er vielleicht gefürchtet hatte, daß wir in solchem Falle zu lange auf seinen Weideplätzen bleiben würden, oder er mochte auch keine Lust gehabt haben, uns zu begleiten und uns die beste Furt zu zeigen.

Unser Lager mußte sich diesen Abend mit einer Zahl, Nr. 50, begnügen, denn wir wußten nicht, wie die Gegend hieß. Es war ein recht angenehmes Lager! All unser Gepäck war durch und durch naß und verschiedene Sachen ruiniert. Der Lama war hauptsächlich über seine Apotheke, d. h. seine in Papieren und Beuteln verwahrten Medikamente und heilbringenden Samen, betrübt.

Wie sollte es unter diesen Umständen mit dem Feueranmachen gehen? Yakdung lag zur Genüge umher, aber er war ebenfalls naß. Nach mehreren ebenso energischen wie vergeblichen Versuchen glückte es uns schließlich doch. Der Dung wurde von seiner feuchtesten Oberschicht befreit, und mit Aufopferung einiger Papierstücke brachte ich ihn zum Brennen. Unsere Tiere liefen, solange es hell war, frei auf der Weide umher; wir selbst hatten alle Hände voll damit zu tun, unsere Kleidungsstücke wenigstens von der Hauptmasse des Wassers zu befreien. Ich zog mich aus und kauerte vor der nichts weniger als aromatisch duftenden Argolglut, an der ich meine Kleider trocknete, nachdem ich so viel Wasser wie nur irgend möglich aus ihnen herausgerungen hatte.

Wir wechselten einander als Blasebalg beim Feuer ab, sonst wäre es bald erloschen. Es ist eine wenig dankbare Aufgabe, bei Regenwetter Kleider zu trocknen, aber auf die Gefahr hin, sie anzusengen, gelang es uns doch, die Feuchtigkeit einigermaßen aus ihnen herauszubringen.

Erbarmungslos und grausam senkte sich die Nacht über die Erde herab, und der Mond fand keine Gelegenheit, auch nur den allerflüchtigsten Blick auf Tibets naß geregnete Gebirge zu werfen. Ich war nach vier Stunden mit der gewissenhaften Verrichtung meines verantwortungsvollen Nachtdienstes fertig. Kalt und düster, windig und dunkel war es, und es regnete immerzu. Das Zelttuch flattert und schlägt wie ein im Winde schwellendes Segel; ich glaube schleichende Schritte oder herangaloppierende Reiter zu hören. Von zwei verschiedenen Seiten schallen Rufe durch die Nacht. Vielleicht nähern sich die Kum-bum-Pilger; aber nein, diese waren gewiß nicht so verrückt wie wir, jetzt über den Satschu-sangpo zu reiten.

Man wird nervös von der Nachtwache und dadurch, daß der Tag ebenso reich an Spannung ist wie die Nacht. Jetzt ist es kein Geheimnis mehr, daß wir unterwegs sind; wir sind bereits mit den ersten Tibetern zusammengetroffen. Unsere Lage wird mit jedem Tage kritischer; unter wechselnden Geschicken und ungewissen Schicksalen entgegen geht unser Weg immer tiefer in dieses geheimnisvolle Land hinein. Wir nähern uns langsam und sicher dem Ziele, aber müde sind wir; ich sehne mich beinahe danach, irgendwie festzusitzen, damit wir ausschlafen können.

Ich glaubte freilich, daß jetzt, nachdem wir zwei schwere Proben, den Räuberüberfall und den Satschu-sangpo, überstanden hatten, das Glück unsere Reise begünstigen und uns Lhasa erreichen lassen müßte. Es war wie in einem Märchen, wo der Held erst durch Feuer und Wasser gehen muß, ehe er den Preis gewinnt und das erträumte Ziel erreicht.