Auch in dieser Nacht rissen sich einige Tiere während meiner Wache los, und es dauerte ziemlich lange, bis sie wieder eingetrieben waren. Meine beiden Reisegefährten lagen in schwerem Schlaf in unserer nassen Höhle. Der Lama ist jedoch guten Mutes und sieht unsere Aussichten in hellem Lichte, was man ihm, der anfangs durchaus nicht mitwollte, wirklich nicht hätte zutrauen können. Schagdur ist ruhig und ernst. Beide sind prächtige Menschen, gerade solche Leute, wie man sie um sich haben muß, um sich sicher zu fühlen, und deren man bedarf, wenn ein derartiges Abenteuer nicht ein Ende mit Schrecken nehmen soll.

In dieser Mitternachtstunde wartete ich keine Minute über 12 Uhr mit dem Wecken, sondern rüttelte Schagdur unbarmherzig wach; er kroch in das Regenwetter hinaus, nachdem er seine Flinte untersucht hatte, während ich in unser klägliches Nest schlüpfte. Er war zu schlaftrunken und ich zu schläfrig, um zu reden; ohne ein Wort auszutauschen, wechselten wir den Platz.

Sechzehntes Kapitel.
In kritischer Lage.

Der Lama benutzte am 2. August seine Nachtwache, um aus einer Konservendose eine „Lampe“ herzustellen; den Docht drehte er aus einem Seilende, und die Flamme wurde mit Schaffett genährt. Anderes Feuer spendierten wir uns an diesem Morgen nicht. Heute blieben wir merkwürdigerweise während des Marsches vom Regen verschont; der Himmel sah allerdings drohend aus, klärte sich aber gegen Abend auf und ließ die ersehnten Strahlen der Sonne durch.

Unsere armen Tiere sind zu erschöpft, um mehr als 25 Kilometer zurücklegen zu können. Die beiden Pferde sind ganz zu Ende, und zwei Maulesel haben wundgescheuerte Stellen auf dem Rücken.

Die Landschaft war wenig abwechselnd. Wir steigen durch das Tal des Lagerbaches zu einem kleinen Passe hinauf. Rechts von unserem Wege erscheint in einer Entfernung von einigen Kilometern ein schwarzes Zelt, um welches herum etwa 20 Yake und 400 Schafe weiden. Über ein Gewirr von Hügeln gelangen wir wieder auf offenes Terrain, das recht bequem zu überschreiten gewesen wäre, wenn nicht der Regen das Erdreich so aufgeweicht gehabt hätte. Hohe Bergrücken sieht man gar nicht, aber man kann sich darin auch täuschen, weil dunkle Wolken über allen Kämmen schweben.

Vor uns im Südosten unterscheiden wir ganz in der Ferne etwas Schwarzes, dem wir uns langsam nähern. Es stellt sich heraus, daß es eine Yakherde ist, deren Spur wir eine gute Weile gefolgt sind. Als wir näherkamen, fanden wir, daß sie zu einer Karawane gehörte, die auf einem Hügelabhange neben dem Wege lagerte. Um eine unterhalb desselben rieselnde Quelle herum war das Gras gut, und hier hatten sich die 300 Lastyake zerstreut.

Die Männer, 25 an der Zahl, saßen unter freiem Himmel um ihr Feuer herum; Zelte hatten sie nicht. Die Last war in einem Dutzend Haufen aufgestapelt und bestand aus in Sackleinwand eingenähten Ziegelteestücken, die aus der Gegend von Kum-bum nach Taschi-lumpo am Brahmaputra befördert werden sollten. Die Karawane wollte daher bald nach rechts, d. h. nach Süden, von der Straße nach Lhasa, die andauernd die Richtung nach Südosten beibehält, abbiegen. Sie marschiert nur nachts, bei Tag liegt sie still, um die Tiere weiden zu lassen. Das ist gewiß eine ausgezeichnete Art zu reisen, wenn man den Weg kennt und keine Karte zu zeichnen braucht! Eine Schar bissiger Hunde, die uns anfiel, wurde von Jollbars und Malenki auf eine Weise empfangen, die sogar den Besitzern Respekt einflößte. Als wir in größter Ruhe an ihren Teestapeln vorbeiritten, kamen mehrere Leute nach der Straße herunter, um uns genauer zu betrachten, und da hielten wir. Bei allen war der braungebrannte Oberkörper völlig nackt, und der von der Leibbinde festgehaltene Pelz hing vom Rücken herunter. Ihre erste Frage war: „Wie viele seid ihr?“, als wollten sie sich vor allem vergewissern, wer im Falle eines Handgemenges die größte Aussicht hätte, Sieger zu bleiben. Dann fragen sie, ob man Waren zu verkaufen habe, woher man komme, wie lange man unterwegs sei und wohin man wolle, und als sie erfahren, daß wir nach Lhasa gehen, finden sie es ganz natürlich, daß wir nach dem heiligen Orte pilgern. Ich hörte jedoch einen Mann, der seinen nächsten Nachbarn anstieß und dabei auf mich zeigte, das Wort „Peling“ sagen, welches Europäer bedeutet.

Sie sahen wie leibhaftige Strolche aus, und einige von ihnen waren geradezu abschreckende Erscheinungen ([Abb. 250], [251], [252]). Infolge der schmutzigbraunen Hautfarbe und des üppigen, schwarzen, oft in zwei Flechten herabhängenden Haares erinnern sie an Indianer. Einer von ihnen verstand etwas Mongolisch und fragte gemütlich: „Ämur sän bane?“ (Ist eure Gesundheit gut?). Die meisten blieben bei den Feuern, wo sie, ohne uns die geringste Beachtung zu schenken, als hätten sie schon oft Pilger vorbeiziehen sehen, Tee aus Holzschalen tranken und ihre Pfeife rauchten. Zwei von den anderen forderten uns auf, hierzubleiben und uns zu ihnen zu gesellen. Es war uns aber nicht um solche Nachbarschaft zu tun, und nachdem wir uns einige Minuten mit ihnen unterhalten hatten, ritten wir weiter.

Mein Pferd war jedoch so schlecht, daß es mit den Mauleseln nicht Schritt halten konnte, und nach nur wenigen Kilometern mußten wir daher an einer Quelle auf freiem Feld etwa einen Steinwurf südlich vom Wege Halt machen. Der Weg hatte sich während dieser Tagereise zu einer großen Landstraße entwickelt, deren schlechter Zustand von recht lebhaftem Verkehre zeugte.