249. Auf dem Wege nach Lhasa in strömendem Regen. ([S. 192].)
Es war auch in der Tat ein höchst origineller, malerischer Anblick. Die Karawane zog in militärischer Ordnung vorbei, und es dauerte eine geraume Zeit, bis die letzten unser Zelt hinter sich hatten. Sie marschierten in verschiedenen Abteilungen von je 30 oder 40 Yaken, und jede solche Gruppe wurde von ein paar Leuten getrieben. Die Yake gingen langsam, mit kleinen, trippelnden Schritten, beobachteten aber eine vorzügliche Ordnung und machten den Leuten, die sie durch scharfe Pfiffe und kurze, abgerissene, gellende Rufe antrieben, nicht allzuviel Mühe. Wenn ein Yak sich von dem Haufen trennte, so brauchte einer der Treiber nur mit dem Arme nach derselben Richtung zu schlagen und einen gellenden Pfiff auszustoßen, um das Tier zu veranlassen, sofort nach seinem Platze im Gliede zurückzukehren.
Im Verhältnis zur Stärke der Tiere waren die Lasten leicht. Alle Männer gingen zu Fuß, und zehn von ihnen trugen Flinten auf der Schulter. Sie waren nicht im geringsten zudringlich. Obwohl sie dicht an unserem Zelte vorbeizogen, guckte doch keiner von ihnen hinein; sie waren ausschließlich damit beschäftigt, die Karawane in Ordnung zu halten.
Der Lama sprach mit einigen von ihnen. Der Abwechslung halber hatten sie auch in der Nacht geruht und sagten, daß nun, da sie Gegenden mit besserem, üppigerem Grase erreicht hätten, die Yake auch nachts weiden könnten, besonders wenn Mondschein herrschte. Sie baten wieder, wir möchten uns doch fertigmachen und mit ihnen nach ihrem nächsten Lagerplatze ziehen.
Es war wirklich interessant, diese wandernde Gesellschaft aus Kum-bum zu sehen, diese Tanguten, die mit den Tibetern eines Stammes sind und auch dieselbe Sprache sprechen. Die ganze Gesellschaft war kohlschwarz, die Yake, die Männer, ihre Kleider, ihre Flinten, ihre Hunde, und sie warfen sogar schwarze Schatten, denn jetzt stand die Sonne am Himmel und beleuchtete den Zug. Ein Schattenspiel, ein Karneval von Dämonen — ihnen stand der Weg offen nach Taschi-lumpos heiligen Tempeln und den Basaren von Schigatse, wo der Tee verkauft werden sollte.
Wir hatten den ganzen Tag vor uns und sollten uns gründlich ausruhen, aber ich konnte nicht mehr schlafen, ich hatte das Bedürfnis, die Sonne zu sehen und mich an der lachenden Landschaft zu erfreuen. Ich saß mehr als leicht gekleidet da und ließ mich vom Sonnenschein trocknen; um 1 Uhr hatten wir +14,6 Grad im Schatten, und die Wärme war fühlbar. Jetzt hatten wir endlich Gelegenheit, alle unsere Habseligkeiten wirklich trocknen zu lassen. Kleinere Sachen wurden auf Pelzen und Mänteln ausgebreitet. Der Lama beschäftigte sich mit seinen Medikamentbeuteln, und es stellte sich heraus, daß er der glückliche Besitzer eines ziemlich großen Beutels mit Rosinen war, den er von Tscharchlik mitgenommen hatte und der erst jetzt zum Vorschein kam. Die Packsättel wurden fleißig umgedreht und trockneten im Laufe des Tages. Die Stiefel wurden mit trockenem, warmem Sand gefüllt, der sie ausspannte und ihnen ihre richtige Form wiedergab.
Zweimal hatte ich das unbeschreibliche Vergnügen, uns Mittag kochen zu müssen, was con amore geschah; die frischen Fleischstücke wurden in dünne Scheiben geschnitten, die ich in Butter briet, die uns Sampa Singi geliefert hatte, und das mit Käsepulver und Salz gewürzte Gericht schmeckte delikat. Die sauere Milch war leider zu Ende, aber wir hatten zum Nachtisch Tee und Rosinen. Eine Pfeife Virginia schmeckte hinterdrein vorzüglich, und dann streckte man sich wieder in der Sonne aus, den Sattel als Kopfkissen benutzend. Selten bin ich so faul gewesen wie an jenem 3. August 1901.
Schagdur und der Lama schliefen dann und wann. Unsere Tiere grasten so nahe, daß wir sie jeden Augenblick zählen konnten, und wir verloren sie nicht aus den Augen.
Als Kunstkenner bemalte mir der Lama wieder den Kopf vorn und hinten, den ganzen Hals und die Ohren außen und innen. Ich hatte eine kleine Dose mit brauner Farbe, einen Wattebausch und als Spiegel meine Uhrkapsel, so daß ich, wenn es nötig war, den Anstrich selbst auffrischen konnte. Es ist nur ärgerlich, daß, sobald die Haut abblättert, augenblicklich eine rosa Stelle inmitten des orthodoxen Farbentones erscheint, ungefähr als wenn ein Flicken von dem Kleide einer Balldame auf der Nase eines Schornsteinfegers haften geblieben wäre!
Kein Wort Russisch durfte über Schagdurs oder meine Lippen kommen, nur Mongolisch ertönte in unserem Lager, und wir bereiteten uns jetzt auf die Antworten vor, die wir auf eventuelle inquisitorische Fragen geben wollten. Wir waren alle Burjaten aus Sachir und hatten das Land der Chalchamongolen und Zaidam durchreist. Der Lama wollte unter keiner Bedingung für einen Mongolen gelten; er war ein Burjate, und, um nicht von denen, die er früher in Lhasa getroffen hatte, wiedererkannt zu werden, trug er gleich mir eine schwarze Schneebrille und wollte im übrigen allen seinen Bekannten aus dem Wege gehen. Besondere Angst hatte er vor dem Oberlama des Tempels, in welchem er seine Studien betrieben hatte. Würde er erkannt, so glaubte er, daß die Folgen für ihn verhängnisvoll sein würden. Man würde uns umkehren lassen, ihn aber unter dem Vorwand, er sei ein Lama von Lhasa, zurückbehalten und dann als Verräter, der Spione in das verbotene Land geführt habe, bestrafen. Während all der Tage, gleichviel ob wir stillagen oder über unbekannte Berge ritten, plapperte er seine Gebete an die ewigen Götter und unterhandelte mit seinem Gewissen.