Er hegte großes Interesse für das Christentum und bat mich oft, ihm meinen Glauben auseinanderzusetzen; nach seiner Ansicht hatten wir so viele Berührungspunkte, daß ich eigentlich ebenso berechtigt war wie irgendein Buddhist, die Wallfahrt zu machen. Er selbst kannte nichts weiter als die heiligen Bücher Tibets und der Mongolei, und da er mich während unserer Reise mit so vielen Arbeiten, von denen er früher keine Ahnung gehabt hatte, beschäftigt gesehen und beobachtet hatte, wie ich an der Erforschung der Erdrinde arbeitete, die Himmelskörper beobachtete und abends in Büchern las, war er zu dem Schlusse gekommen, daß ich mindestens ebenso gut sei wie ein Lama und daß sie sich in Lhasa freuen könnten, wenn ich sie besuchte. Der Dalai-Lama war allwissend. Er wußte, wer wir waren, mit was für Absichten wir kamen, ja, er wußte, was wir jeden Tag miteinander redeten. Und er würde nicht zulassen, daß mir etwas Böses widerfahre; wie er sich aber zu dem Lama selbst stellen würde, war eine andere Frage. Wenn ich einen allmächtigen Gott hätte, sollte ich ihn doch bitten, daß er, der Lama, Leib und Leben behalten dürfe, da er doch nur meinetwegen mit auf dieses Abenteuer ausgezogen sei. Ich versicherte dem Lama, daß er ganz ruhig sein könne, wir würden zusammenhalten, wohin es auch ginge, und würden ihn nicht im Stiche lassen.
Eine Stunde lang war es finster wie in einem Sacke gewesen, als der Mond aufging und still und freundlich wie ein Engel an dem mit Sternen übersäten Himmelsgewölbe stand. Ich hatte die Wache von 8–11 Uhr, und um 5 Uhr wollten wir aufbrechen. Schweigend und friedlich lag die Gegend da, nah und fern störte kein Laut die Stille. Nur ein paarmal knurrten die Hunde. Der Lama und Schagdur schliefen der Abwechslung halber vor dem Zelte. Je mehr wir uns dem Ziele unserer Reise näherten, desto ruhiger war mir zumute. Es ist leichter, mitten in der Gefahr zu leben, als ihr Eintreten abzuwarten.
Eine Menge kleinerer Bäche in ziemlich offener Gegend überschreitend, zogen wir am 4. August nach Südsüdost weiter. An einem Punkte, wo der Weg sich teilte, blieben wir ratlos stehen, kamen aber bald zu dem Schlusse, daß der linke Weg nach Lhasa, der rechte nach Taschi-lumpo führen müsse. Nachdem wir jedoch eine Strecke auf dem ersteren zurückgelegt hatten, fanden wir, daß er viel zu gerade nach Osten abbog, weshalb wir vermuteten, daß er nach Nakktschu Fuhre und die wahrscheinliche Straße nach Lhasa wieder aufsuchten.
Hier erhielten wir bald die Bestätigung für die Richtigkeit unseres Schlusses. Eine Karawane von 100 Yaken mit leichten Lasten kam, von einem halben Dutzend berittener und bewaffneter Männer getrieben, von Lhasa zurück. Die Männer trugen große, hohe, gelbe Hüte und hatten einige Ziegen und Hunde bei sich. Sie schienen sich vor uns zu fürchten und zogen möglichst schnell an uns vorbei.
Unsere Maulesel, die sich infolge der guten Weide und des Ruhetages sehr erholt hatten, fanden die Yake entweder so nett oder so komisch, daß sie ihre Gesellschaft der unseren vorzogen; sie machten kehrt und gesellten sich zu der Karawane. Die Yake dagegen waren anderer Meinung. Vermutlich hatten sie noch nie mit Mauleseln Bekanntschaft gemacht; genug, sie galoppierten davon, und ihre Besitzer sowie die Maulesel folgten ihnen auf den Fersen. Auf diese Weise kamen sie vom Wege ab und auf das freie Feld hinaus. Die Tibeter pfiffen, wir schrien und riefen, die Hunde hatten sich in aller Geschwindigkeit in eine heftige Beißerei eingelassen, und die größte Unordnung herrschte auf dem so plötzlich zur Walstatt gewordenen Grasboden. Endlich gelang es uns, die Tiere zu bemeistern und in guter Ordnung zu trennen.
Irgendein böser Geist mußte an diesem Tag in einen unserer Maulesel gefahren sein, der der „Dungane“ hieß, weil er von einem muhammedanischen Chinesen gekauft war. Ohne sich irgendwie von den Yaken stören zu lassen, lief er draußen auf der Ebene im Kreise umher, bis alles, was er trug, am Boden verstreut lag und sein Packsattel hinter ihm her schlenkerte. Die Sachen wurden gesammelt, und er wurde wieder beladen; als sich aber dasselbe Manöver noch zweimal wiederholte, mußte das muntere Tier am Stricke geführt werden. Nach der Ruhe hatte auch mein Reitpferd sich erholt und legte seine 34½ Kilometer gut zurück. Der Lama saß schläfrig im Sattel und machte die komischsten Verbeugungen; ich erwartete jeden Augenblick, ihn auf der Erde liegen zu sehen, aber er verlor das Gleichgewicht nicht.
Das Wetter ist wunderschön, und nach zweitägigem Sonnenbrand ist die Erde wieder trocken und unser Gepäck bedeutend leichter geworden.
Der Weg führt jetzt zu einem niedrigen, bequemen Passe hinauf, der sich durch ein Steinmal (Obo) aus Sandsteinplatten mit der Inschrift „Om mani padme hum“ auszeichnet. Der Boden ist überall unterhöhlt von den Löchern und Gängen kleiner Feldmäuse, wodurch das Reiten erschwert wird und die Pferde leicht stolpern. Man verabscheut diese verwünschten Tierchen, die ihr dreistes Untergraben der Straße manchmal mit dem Leben bezahlen müssen. Die Hunde jagen sie unverdrossen. Malenki frißt sie mit Haut und Haar, während sich Jollbars damit begnügt, sie im Genick zu packen und hoch in die Luft zu schleudern.
Auf beiden Seiten des Passes ritten wir an mehreren, von Yak- und Schafherden umgebenen schwarzen Zelten vorbei. Da sich jedoch keine Menschen zeigten, hielten wir uns nicht weiter auf. Wir erreichten ein offenes, in ziemlich weiter Ferne von Bergen umschlossenes Kesseltal. Aus einem der dort stehenden Zelte kam ein alter Mann heraus; mit ihm verhandelte der Lama eine Weile. Verkaufen oder Vermieten von Pferden kam überhaupt nicht in Frage, der Geizhals wollte uns nicht einmal Milch überlassen. Er habe allerdings sehr viel davon, erklärte er, aber verkäuflich sei sie nicht, er brauche sie selbst.
Der Weg wird immer breiter und kräftiger ausgeprägt. Aber es ist merkwürdig, daß wir nie einzelnen Wanderern oder Reitern begegnen. Man scheint hierzulande nur in großen, hinreichend starken Gesellschaften zu reisen. Das Gras ist vortrefflich, und man sieht jetzt auf allen Seiten Yake, Schafe und Pferde in zerstreuten Herden, die von ihren Hirten bewacht werden.