Die Zelte wurden immer zahlreicher und sahen aus der Ferne wie schwarze Punkte aus; an einer Stelle lagen vierzehn beisammen. Vor jedem Zelte sieht man gewöhnlich einen großen Haufen Yakdung zur Feuerung für den Winter; manchmal ist er auch schichtweise ausgebreitet, um ordentlich zu trocknen.

Links lassen wir einen ganz kleinen See liegen, an dessen Ufer sich die große Teekarawane von gestern niedergelassen hat. Die Männer waren nicht zu sehen; sie hatten sich wahrscheinlich nach den Zelten der Nomaden begeben, um zu plaudern, zu rauchen und Tee zu trinken.

Um nicht zu sehr von Neugierigen überlaufen zu werden, setzten wir unseren Weg noch eine Stunde fort und ließen uns dann in der Nähe eines aus vier Zelten bestehenden Dorfes nieder.

Nach einem der Zelte lenkte der Lama seine Schritte und kam mit einem Stücke Fett und einem „Domba“ (mongolischer Napf) voll sauerer Milch wieder, wofür er eine chinesische Porzellantasse gegeben hatte. Unterdessen hatten wir Besuch von einem jungen Tibeter, der außerordentlich freundlich und mitteilsam war und ununterbrochen schwatzte, obwohl wir kein Wort verstanden.

Der Lama mußte als Dolmetscher dienen. Unser ungebetener Gast gab sich als ein Bewohner von Amdo zu erkennen, und sein Dialekt unterschied sich wesentlich von der Sprache von Lhasa. Er nannte uns die Namen der nächsten Berge, aber ich möchte nicht für die Zuverlässigkeit seiner Angaben einstehen. Einen See, der sich im Südosten zeigte, nannte er Tso-nekk, den „schwarzen See“, was uns wenigstens wahrscheinlich erschien, denn dieser Name kommt in ganz Innerasien häufig vor, z. B. in den Formen Kara-köll, Chara-nur usw. Der Weg, dem wir gefolgt waren, teilte sich gerade hier in die Straßen nach Lhasa und nach Taschi-lumpo. Ein anderer, östlicherer Weg vereinigte sich mit der großen Pilgerstraße nach Lhasa.

Wir sehnten uns danach, den Fremdling loszuwerden, da wir ihn für einen Spion hielten, der beauftragt war, uns in der Nähe zu beobachten. Als uns dies nicht gelang, mußte der Lama ihn unterhalten, während Schagdur und ich das Zelt zumachten und zu Mittag aßen. Erst in der Dämmerung konnte er sich entschließen zu gehen. Er hatte sein Pferd grasen lassen und mußte es jetzt wieder einfangen, aber das wollte ihm durchaus nicht gelingen. Soweit wir mit dem Fernglase sehen konnten, lief das Pferd nach Süden weiter, und der Mann trabte unverdrossen hinterdrein. Auf unsere Frage, ob hier in der Gegend Räuber hausten, antwortete er: „Für uns Tibeter gibt es keine, aber für euch, die ihr so weit her seid, ist keine Sicherheit.“

Die Nachtluft war so still, daß ich während meiner Wache das Licht in der Zelttür brennen lassen konnte. Von den nächsten Zeltdörfern ertönte Hundegebell. Der Himmel war halbklar, und der Mond schien teilweise.

Am Montag, 5. August, ritten wir 34 Kilometer nach dem Lager Nr. 53. Es ging nach Südsüdost, und bald kamen wir an das Westufer des Tso-nekk, wo hier und dort mehrere schwarze Zelte und große Viehherden zu sehen waren. Der Weg ging über drei Pässe.

Auf einer ziemlich ausgedehnten, überall von Bergen, die namentlich im Süden und Südosten ziemlich hoch waren, umgebenen Ebene, auf der wir zwölf schwarze Zelte zählen konnten, machten wir Halt. Bis hierher sollten wir gelangen, aber nicht weiter! Wir waren gerade 270 Kilometer vom Hauptquartier entfernt, wo die Unseren mittlerweile wahrscheinlich in größter Unruhe über unser Schicksal schwebten.

Auf dem Ritte hatten wir uns darüber gewundert, daß unser Vorbeiziehen nirgends Aufmerksamkeit erregt und niemand sich uns genährt und uns angeredet hatte. Vor mehreren Zelten saßen Tibeter am Feuer, und Kinder spielten mit Lämmern und jungen Hunden. Auch hier an dem kleinen Bache, wo das Zelt aufgeschlagen wurde, zeigten sich keine Neugierigen. Wir fühlten uns völlig ungeniert, und es war uns natürlich viel lieber, von prüfenden Blicken und beobachtenden Besuchen verschont zu bleiben. Ich selbst hätte allerdings unsere Nachbarn gern in ihren Zelten besucht, hielt es aber für klüger, dies zu unterlassen.