Nach gründlichem Rasieren, Einfetten und Schminken und nach eingenommenem Mittagsessen legte ich mich schlafen. Bei Einbruch der Dunkelheit kam Schagdur, weckte mich und teilte mir mit, daß sich drei Tibeter im Zwielicht unserem Lager näherten. Der Lama und er gingen ihnen entgegen, während ich zurückblieb. Es war ganz dunkel geworden, ein leichter Sprühregen fiel, und der Himmel war bewölkt, ich konnte beim besten Willen weder unsere Tiere noch die Männer unterscheiden.

Meine Begleiter blieben lange fort, und ich fing beinahe schon an, mich ihretwegen zu beunruhigen, als Schagdur endlich zurückkehrte. Er war ruhig wie immer, aber schon, daß er mich auf russisch anredete, zeigte, daß er der Überbringer ernster Nachrichten war.

Es sieht schlimm für uns aus!“ sagte er. „Ich verstand kein Wort von dem, was geredet wurde, hörte aber unaufhörlich die Worte Schwed-peling, Tschanto (Muselmann), Burjate und Lhasa durcheinander. Sie sitzen jetzt und reden, der Lama weint beinahe, ist außerordentlich demütig und verbeugt sich unausgesetzt.“

Dann eilte der Lama, aufgeregt und erschüttert, zu uns. Er mußte sich erst eine Weile beruhigen, ehe er sprechen konnte, und dann kam es stoßweise heraus, in zitterndem Ton und in abgebrochenen Sätzen.

Einer der drei Männer war, nach der Kopfbedeckung zu urteilen, ein „Noijin“ (Häuptling, Offizier). Er war höflich aufgetreten und recht liebenswürdig gewesen, hatte aber doch in streng befehlendem, bestimmtem Tone, der keinen Widerspruch duldete, gesprochen. Sein Blick aber war, wie der Lama sagte, tückisch gewesen.

Der Häuptling hatte berichtet, es sei vor drei Tagen bekannt geworden, daß ein „schwedischer Europäer“ (Schwed-peling) nach Lhasa unterwegs sei, und einige Yakjäger, die kürzlich in Nakktschu eingetroffen seien, hätten erzählt, daß eine Menge stark bewaffneter Europäer, Besitzer einer großen Karawane, von Norden über die Gebirge zögen.

Nun waren dem Lama tausend Fragen um die Ohren gehagelt. Ob er etwas von diesen Europäern wisse, ob einer von ihnen unter uns sei, wieviele wir selbst seien, wieviele Tiere wir hätten, ob wir Waffen besäßen; woher wir seien, wohin wir gingen, weshalb wir diesen versteckten Weg gewählt hätten, der von Mongolen sonst nie eingeschlagen werde. „Rede nur die Wahrheit“, hatte es geheißen, und „Wie kannst du, ein Lama, diese unbekannten Fremdlinge begleiten?“

Darauf hatte der Lama erwidert, der Amban von Kara-schahr habe ihm befohlen, der europäischen Karawane bis Ladak als Dolmetscher zu dienen. Die Karawane sei neun Tagereisen von hier im Gebirge liegengeblieben, und wir drei Pilger hätten die Erlaubnis erhalten, während die Tiere sich kräftigten, Lhasa zu besuchen.

Der Häuptling hatte in betreff des Hauptquartiers sehr genaue Fragen gestellt, und der Lama hatte korrekte Auskunft erteilt, da er es für möglich gehalten, daß bereits alles ausspioniert sei. Er hatte erzählt, wieviele Lasttiere wir hatten und daß uns dort drei Europäer und vierzehn Muselmänner erwarteten.

Der Beschluß des Häuptlings hatte gelautet: „Ihr bleibt morgen hier! Ich komme dann in euer Zelt, und wir werden miteinander reden. Ich werde für einen mongolischen Dolmetscher sorgen, der mit den beiden anderen sprechen kann. Braucht ihr Lebensmittel oder Pferde und Yake, so werden wir das morgen besprechen.“