253. Der Lama im Gespräch mit Tibetern. ([S. 210].)

254. Die tibetischen Reiter. ([S. 212].)

Ich konnte mit dem besten Willen nicht die Überzeugung gewinnen, daß der Lama ein Verräter sei. Ich konnte es weder damals noch später. Der kleine Schein von Verdacht, der einen Augenblick auf ihn fiel, verschwand bald, und ich ließ ihn nie auch nur mit einem Worte ahnen, daß von solchem Verdacht überhaupt die Rede gewesen war. Vielleicht bewies er mir dafür während der langen Reise bis Astrachan eine Anhänglichkeit und Treue, die danach strebte, einen Augenblick der Schwäche abzubüßen und die Erinnerung an eine Feigheit auszulöschen, die mich bloßgestellt hatte, ihm aber einen Rückzug sicherte?

Eine Sache sprach durchaus zu seinen Gunsten, und das war, daß es ebensosehr in seinem eigenen wie in unserem Interesse lag, die Kette von Wachtposten und Spähern, die alle von Norden nach Lhasa führenden Wege bewachte, incognito zu durchbrechen. Denn wurden wir entdeckt und festgenommen, so war seine Lage viel schlimmer als die unserige. Hielt ich es für geraten, die Maske zu lüften und mich als Europäer zu erkennen zu geben, so würde keiner es wagen, mich auch nur anzurühren, aber der Lama, der wissentlich einen verkleideten Europäer begleitet hatte, würde hierfür zur Verantwortung gezogen und vielleicht zu Tode gemartert werden. Daher glaube ich nicht, daß er uns den Tibetern preisgegeben hat.

Daß man uns vor dem Abend des 5. August schon erwartete, ist höchst wahrscheinlich. Bei einem Zelte hatte ein Mann gefragt, ob wir unterwegs Europäer gesehen hätten, und einer von den Leuten der Teekarawane hatte mich ja einfach „Peling“ genannt.

Die Stunden vergingen, und meine Nachtwache schrumpfte zu kurzer Zeit zusammen. Ich freute mich wirklich, daß ich einen Ruhetag vor mir hatte und daß unsere unsichere Lage jetzt ein Ende nehmen würde. Daß uns etwas bevorstand, war klar; aber was? Wenn je, so waren wir jetzt mitten in einem Abenteuer, und jetzt sollten wir unser Urteil hören.

Da wir auf allen Seiten so viele Nachbarn hatten, meinten wir, uns einigermaßen gegen einen Überfall gesichert fühlen zu können, aber — keiner konnte wissen, was das für Leute waren, und einstweilen war es noch das Klügste, die Augen offenzuhalten. Die Tiere blieben daher festgebunden, und der Wachtdienst wurde gewissenhaft verrichtet.

Die ganze Nacht bellten die Hunde in den Nomadenlagern ringsumher. Der Lama glaubte, daß die Nomaden von Zelt zu Zelt gingen, von uns und unserer Ankunft sprachen und sich auf etwas vorbereiteten. An mehreren Stellen sah man Feuer durch das nächtliche Dunkel lodern.