Siebzehntes Kapitel.
In Gefangenschaft der Tibeter.

Am 6. August sollte sich unser Schicksal entscheiden. Schon gleich nach Sonnenaufgang besuchten uns drei Tibeter, aber andere als die gestrigen Inquisitoren. In gebührender Entfernung banden sie ihre Pferde, indem sie ihnen mit einem Stricke die Vorderbeine zusammenschnürten, nahmen dann am Feuer Platz und stopften ihre Pfeifen mit hellem, trockenem, feinkörnigem Tabak von wenig aromatischem Duft. Ihr eigentliches Anliegen schien Untersuchung meiner Augen zu sein, denn sobald ich mich zwischen zweien von ihnen niedergelassen hatte, baten sie mich, meine schwarze Brille abzunehmen. Nun hatten sie wohl gedacht, daß alle Europäer blond sein und blaue Augen haben müßten, denn sie konnten ihre Verwunderung darüber, daß meine Augen ebenso rabenschwarz waren wie ihre eigenen, nicht unterdrücken. Sie waren sichtlich „betroffen“, nickten mir freundlich zu und sprachen schnell und eifrig miteinander.

Ihre Bitte, unser Arsenal sehen zu dürfen, wurde mit dem größten Vergnügen bewilligt, da unsere Waffen ihnen ohne Zweifel imponieren würden. Schagdur beschrieb sein Magazingewehr, und ich den Offizierrevolver. Als wir ihnen zeigten, wie die Patronen eingeschoben wurden, schüttelten sie den Kopf und baten uns, unsere Mordwaffen wegzulegen.

Bald darauf hielten sie es für das Sicherste, sich zurückzuziehen. Doch teilten sie uns vorher noch mit, daß es von hier bis Lhasa eine Reise von drei Monaten sei, — um uns gründlich vom Weiterziehen abzuschrecken, möglicherweise aber auch in der Hoffnung, daß wir dadurch bewogen würden, freiwillig umzukehren. Ich bat den Lama, ihnen zu sagen, daß es uns nicht eingefallen sei, uns darüber Auskunft zu erbitten, da wir im Lande reichlich so gut Bescheid wüßten wie nur einer von ihnen ([Abb. 253]). Sie gingen langsam, vorsichtig und — rückwärts zu ihren Pferden und führten diese, bis sie sich außer Schußweite glaubten; anscheinend waren sie der Meinung, daß wir unsere Flinten an ihnen erproben würden.

Dann wurden wir eine halbe Stunde in Ruhe gelassen. Hierauf erschienen vier Männer, die sich unserem Zelte zu Fuß näherten. Drei von ihnen hatten langes schwarzes Haar, sahen schmutzig aus und waren mit Säbeln und Pfeifen versehen, der vierte aber war ein hochgewachsener, kurzgeschorener, grauhaariger Lama in rotem Gewande mit gelber Mütze. Er machte den Eindruck eines wackeren Mannes; eines solchen bedurften wir gerade unter den jetzigen mißlichen Verhältnissen zur Verhandlung. Er musterte mich durchaus nicht mit indiskreten Blicken und erlaubte sich keine dreisten Fragen. Das einzige, was er wissen wollte, war die Stärke unseres Hauptquartiers, und darüber wurde ohne Umschweif Bericht erstattet.

Der alte Mann, der ein erfahrenes, respektables Aussehen hatte, erklärte mit verblüffender Sicherheit:

„Ihr müßt drei oder höchstens fünf Tage hierbleiben. Heute früh haben wir Kuriere an den Gouverneur von Nakktschu geschickt und angefragt, ob ihr weiterreisen dürft oder nicht. Als Antwort auf unser Schreiben trifft entweder ein Brief mit Verhaltungsbefehlen ein oder Kamba Bombo, der Gouverneur, kommt selbst, und bis dahin seid ihr in jedem Falle unsere Gefangenen. Es würde uns das Leben kosten, wenn wir euch hier durchließen und es sich nachher herausstellte, daß ihr Leute seid, die zu der Reise nach Lhasa nicht berechtigt sind. Der Gouverneur von Nakktschu ist unser nächster Vorgesetzter, dem wir zu gehorchen haben, und wir müssen seine Befehle einholen.“

Mein Vorschlag, durch einen besonderen Kurier in Lhasa anfragen zu lassen, wurde verworfen, da es einen Monat dauern könne, bis die Antwort käme. Ebensowenig Lust hatten sie, auf meinen Vorschlag, daß wir selbst nach Nakktschu reiten könnten, einzugehen. Wahrscheinlich sagten sie sich, daß wir, einmal in Freiheit, Nakktschu vermeiden und nach Lhasa weiterreiten würden. Alle Unterhandlungen waren unnötig; sie wußten, was ihnen zu tun oblag, und wir waren in ihrer Gewalt.

Daß wir zu der großen Karawane, die von Norden gekommen war, gehörten, war ihnen klar, ebenso erkannten wir deutlich, daß sie damit bereits vertraut waren und uns nur auf die Glaubwürdigkeit unserer Aussagen prüfen wollten.

Inzwischen kaufte uns der Alte eine Teetasse ab und teilte uns mit, daß uns alles, dessen wir bedürften, zur Verfügung gestellt werden würde.