Im Laufe des Gesprächs erwähnte der Greis seinen Rang als Lama, was unserem guten Schereb Lama sichtlich außerordentlich imponierte, denn er erhob sich, drückte seine Handflächen gegeneinander und berührte die Stirn des Alten mit der seinen. Von beiden Seiten wurden die gebräuchlichen Höflichkeitsbezeigungen beobachtet und mit Versicherungen von Freundschaft und Achtung nicht gegeizt. Nach einer Weile entfernten sich auch diese Gäste.

Jetzt glaubten wir, daß man uns für heute in Frieden lassen werde; doch schon nach ein paar Minuten ereignete sich etwas, das uns mit der größten Unruhe erfüllte. Von allen Seiten versammelten sich bei dem kleinen Zeltlager, das einen Kilometer von dem unsrigen aufgeschlagen war, kleine Gruppen von Reitern, die bis an die Zähne mit Spießen, Lanzen, Säbeln und langen, schwarzen Gabelflinten bewaffnet waren ([Abb. 254]). Einige trugen hohe, weiße Filzhüte mit Krempen, andere dunkle Binden, und alle waren sie in Mäntel gehüllt, die braun, rot, schwarz oder grau waren. Sie sahen wie richtige Banditen aus, waren aber entschieden Soldaten, die mobilgemacht wurden, um das südliche Tibet gegen unseren drohenden Einfall zu verteidigen. Woher kamen sie, wie hatten sie so schnell bereit sein können? Sie schienen wie Pilze aus der Erde zu schießen; es wurde ganz schwarz um die Zelte herum, und wir konnten eine Kavallerietruppe von 53 Mann zählen. Sie berieten sich unter lebhaften Gesten, saßen ab, schlugen ein großes, weißes Zelt auf und ließen sich in einzelnen Gruppen an den Feuern nieder, uns drei arme Pilger schienen sie aber nicht weiter zu beachten.

Mit der größten Spannung beobachteten wir sie durch das Fernglas. Der Lama war sehr niedergeschlagen und glaubte, man habe die Absicht, uns umzubringen. Freilich kamen wir uns einer solchen Übermacht gegenüber begreiflicherweise alle drei recht ohnmächtig vor, aber ich glaubte doch, daß es, falls wirklich die Absicht uns zu töten vorlag, hierzu nicht eines so großen Truppenaufwandes bedürfte und es sich überdies auch viel besser durch einen nächtlichen Überfall bewerkstelligen ließe.

Der Tag war regnerisch und rauh, und manchmal verhüllten Nebel und Regen die Aussicht. Wir wunderten uns und besprachen uns über die Bedeutung der Maßnahmen der Tibeter. Wie als Antwort auf unsere Fragen führten sie jetzt eine Bewegung aus, die nicht geeignet war, uns zu beruhigen. Nachdem sieben Reiter in schnellem Trab nach Osten, wahrscheinlich nach Nakktschu, und zwei nach der Seite von Lhasa fortgeritten waren, sprengten die übrigen in dichtem Haufen über die Ebene des Kesseltales gerade auf unser Zelt los. Einen Augenblick sah ich unsere Lage wirklich für mehr als kritisch an. Wir hielten daher unsere Waffen bereit und saßen oder standen am Eingange unseres Zeltes. Die Tibeter schwangen ihre Lanzen und Speere über dem Kopfe und heulten wie die Wilden ([Abb. 255]); sie stürmten einher wie zu einem Reiterangriff, die Hufe der Pferde klappten auf dem durchnäßten Boden, und der Schmutz spritzte von der rasenden Bewegung nach allen Seiten. Einige Männer schwangen ihre Säbel und schienen Kommandorufe auszuteilen.

Die Schar war nicht mehr weit vom Zelt entfernt, als die Reiter ihre Pferde herumwarfen, teils nach rechts, teils nach links, um in zwei Gruppen nach dem Ausgangspunkt zurückzukehren. Dasselbe Manöver wurde ein paarmal wiederholt, und einige kleinere Gruppen umkreisten unseren Lagerplatz. Es lag entschieden die Absicht vor, uns gebührenden Respekt einzujagen, was uns um so klarer wurde, als sie wieder absaßen und mit ihren langen schwarzen Gabelflinten nach der Scheibe zu schießen begannen.

Um 2 Uhr wurde uns noch eine Vorstellung gegeben. Die Tibeter saßen wieder auf, wickelten sich in ihre Mäntel und ritten, während der Regen in dicken Strahlen auf die Erde fiel, nach Nordwesten, d. h. nach der Seite, von der sie gekommen waren. Jetzt wurde ich wirklich unruhig und fürchtete, daß sie beabsichtigten, das Hauptquartier zu überfallen, während wir von ihm abgeschnitten waren, und ich empfand große Sehnsucht, zu den Unsrigen zurückzukehren.

Nachdem das Feld geräumt war und wir wenigstens in unserer unmittelbaren Nähe wieder Ruhe hatten, tauchten zwei Nomaden auf, die uns vom nächsten Zeltdorfe Fett und saure Milch brachten und erklärten, daß ihr Häuptling ihnen verboten habe, sich dafür bezahlen zu lassen. Als wir ihnen eine Porzellantasse schenken wollten, sagten sie, daß sie das Geschenk ohne Erlaubnis des Häuptlings nicht annehmen könnten, kamen aber später mit dem Bescheid wieder, daß ihm der Tausch recht sei.

Auf diese Weise sorgten unsere Nachbarn den ganzen Tag für unsere Unterhaltung. Die letzten und ausdauerndsten waren jedoch vier Männer, die uns gegen 3 Uhr besuchten. Einer von ihnen war ziemlich frech und untersuchte alle umherliegenden Sachen. Dabei kam ein Kompaß zum Vorschein, der bei ihm großes Interesse erregte. Er fragte, was das sei, und erhielt eine genaue Beschreibung, wobei er sagte:

„Freilich, freilich, solche haben die Chinesen auch.“

Ein paarmal zeigte er auf mich und erklärte: