„Der da ist kein Burjate.“
Er war außergewöhnlich zudringlich und fragte, wie es komme, daß wir diese kleine Seitenstraße eingeschlagen hätten, statt dem großen Pilgerwege zu folgen.
„Wißt ihr nicht, daß es euch den Kopf kosten kann, daß ihr diesen Weg gegangen seid? Alle, die auf diesem Wege nach Lhasa gehen, werden hingerichtet.“
Der Lama versuchte die Situation zu retten, indem er erklärte, daß wir die große Karawane vom Lop-nor an begleitet hätten und es unsere Absicht sei, von hier nach Lhasa zu gehen. Der Mann erwiderte darauf, daß nur der Gouverneur von Nakktschu die Erlaubnis dazu erteilen könne.
Im übrigen waren sie freundlich und ungezwungen und versprachen uns morgen allerlei Lebensmittel zu schenken. Als wir diese lästigen Spione gar nicht loswerden konnten, gingen wir ins Zelt und legten uns schlafen. Aber nicht einmal das half. Der Himmel war wieder dunkel und die Wolkendecke dichter geworden, und als wieder ein Platzregen herabströmte, krochen sie alle vier in das Zelt, wo wir es selbst unter gewöhnlichen Verhältnissen ziemlich eng hatten. Erst in der Dämmerung gingen sie ihrer Wege.
Der Regen stürzte hernieder, mit Hagel und Schnee untermischt. Der Boden war da, wo das Zelt stand, ein wenig abschüssig, und ein kleiner Bach bildete sich zwischen den Zeltstangen längs der Filzdecke, auf der ich lag. Wir mußten in die Nässe hinaus und Kanäle graben, um nicht ganz überschwemmt zu werden.
Wir saßen dann noch bis 10 Uhr plaudernd und rauchend bei unseren Holznäpfen mit saurer Milch. Ein kleines Talgflämmchen verbreitete ein schwaches Licht in unserer ungemütlichen Wohnung. Eintönig schlug der Regen auf das Zelttuch. Draußen war es so finster wie in einem Sack, und die Hunde waren verdrießlich über das schlechte Regenwetter. Infolge der Versicherungen des alten Lamas ließen wir unsere Tiere diese Nacht ohne Aufsicht draußen umherlaufen. Ich sagte mir, daß keiner Lust haben würde, uns der Möglichkeit zu berauben, das Land zu verlassen; es lag ja in ihrem eigenen Interesse, uns möglichst schnell loszuwerden. Doch als er uns angeboten hatte, vier Wächter vor unser Zelt zu stellen, hatten wir uns für solche Auskundschafterei bedankt. In weiterer Entfernung wurden wir jedoch von — wie wir später hörten — 37 Wachtposten bewacht! Nachts sah man, besonders auf dem Wege nach Lhasa, die Lagerfeuer derselben schwach durch den Regennebel leuchten.
Jetzt schliefen wir alle drei gleichzeitig, ohne uns um die Tiere oder den Regen zu kümmern. Die Müdigkeit infolge des forcierten Rittes machte sich geltend. Ich wurde bei Tagesanbruch durch das Stimmengewirr der ersten heute zu Besuch kommenden Tibeter geweckt. Im Laufe des Tages (7. August) kamen sie gruppenweise, so daß wir kaum eine halbe Stunde allein sein konnten. Beständig tauchen neue Gesichter auf, und selten kommt derselbe Mann zweimal. Es ist, als würde die Wache beständig abgelöst. Nur der Dreiste von gestern machte uns auch heute einen Besuch und schenkte uns einen Napf voll saurer Milch, einen Sack voll trocknen, vortrefflichen Argols und einen Blasebalg, der uns besonders nötig war.
Ein anderer Tibeter blieb volle drei Stunden bei uns, trank Tee und aß Tsamba mit uns, rauchte und tat, als sei er hier zu Hause. Sein Gesicht war von einem förmlichen Urwalde schwarzer, zottiger Haarsträhnen ohne eine Spur von Ordnung umgeben. Die „Locken“, die die Augen verdecken, sind gestutzt und tragen keineswegs zur Verschönerung des Ganzen bei; ein Teil des Nackenhaares ist jedoch in einen Zopf geflochten. Dieser ist unten mit einem mit Perlen oder gefärbten Steinen besetzten Bande zusammengebunden und mit einem oder mehreren „Gavo“ oder Götzenbilderfutteralen geschmückt. Beim Reiten wird der Zopf um den Kopf oder Hut gewunden.
Dieser Mann, der nicht wieder gehen wollte, verriet uns zu deutlich, daß er ein Spion war, der den Auftrag erhalten hatte, uns in der Nähe zu beobachten. Er war aufrichtig genug, uns zu bitten, über Nacht nicht durchzubrennen, da es ihm sonst das Leben kosten würde. Nach Lhasa seien es noch fünf Tagereisen, sagte er. Doch gibt es dorthin entschieden auch eine organisierte reitende Post mit Pferdewechsel, denn wir machten später ausfindig, daß ein dorthin gesandter Eilbote in zwei Tagen Antwort brachte, also einen Tag bis Lhasa und einen Tag von Lhasa gebraucht hatte. Das Tal, in dem wir uns befanden, hieß Dschallokk und der uns im Westen zunächstliegende Berg Bontsa.