Als der lästige Gast uns endlich verlassen hatte, um nach seinem Zeltdorfe zurückzukehren, begegnete er drei Reitern, die sich wohl eine halbe Stunde mit ihm unterhielten. Sie fragten ihn sicher darüber aus, was für Beobachtungen er habe machen können und was für Fragen wir an ihn gerichtet hätten. Sie machten sich daher nicht mehr die Mühe, uns ebenfalls zu besuchen, sondern kehrten wieder um, nachdem sie unsere Maulesel und Pferde nach einem anderen Weideplatze getrieben hatten. Frühmorgens konnten wir unsere Tiere nicht finden, aber vormittags kamen sie wieder ins Lager, wahrscheinlich von irgendeinem entfernteren Platze, wohin man sie für die Nacht gebracht hatte. Vermutlich sollte uns dadurch, daß man die Tiere nachts von uns entfernt hielt, jegliche Möglichkeit zum Entfliehen genommen werden.
Unter den heutigen Gästen war ein langhaariger Greis, dem die anderen mit einer gewissen Achtung begegneten. Er redete viel und gern und wurde mit der größten Aufmerksamkeit angehört. Der Lama fing einiges von seinen zur Hälfte geflüsterten Reden auf.
„Diese drei Männer“, sagte er, „sind nicht von der allerbesten Sorte; nach Lhasa dürfen sie natürlich nicht. Kamba Bombo kommt in zwei, drei Tagen, und dann wird man ja sehen. Inzwischen müssen wir dafür sorgen, daß es ihnen an nichts fehlt; alles, was sie brauchen, soll ihnen geschenkt werden, und keiner darf Bezahlung annehmen. Wenn sie zu entfliehen suchen, sei es bei Tag oder bei Nacht, sollen die Wächter es mir sofort melden. Amgon Lama hat die heiligen Bücher befragt und gefunden, daß diese Männer zweideutige Persönlichkeiten sind, die nicht nach Lhasa dürfen. Der Jäger Ondschi hat sie vor langer Zeit im Gebirge in der Gegend von Merik-dschandsem gesehen und gesagt, die Karawane sei bedenklich groß. Nachricht hiervon wurde sogleich nach Lhasa geschickt.“
„Glaubte Amgon Lama, daß der da ein Burjate ist?“ fragte einer, auf mich zeigend.
„Er sagte, daß er dies nicht feststellen könne“, antwortete der Alte.
Jede Auskunft von seinen Lippen beantworteten die anderen mit „Lakso, lakso“, welches Wort Ehrfurcht, Gehorsam und Folgsamkeit ausdrückt. Unser armer Lama Schereb gebraucht es unausgesetzt, wenn er mit den Tibetern redet, vor denen er fast zittert und mit denen er in einem weinerlichen, unterwürfigen Tone spricht. Er sieht unser Schicksal in den allerschwärzesten Farben und befürchtet das Schlimmste.
Auch heute streiften Reiter in der Gegend umher. Bald kamen sie an, bald ritten sie fort. Die größte Schar zählte 10 Mann. Es hatte entschieden eine vollständige Mobilmachung stattgefunden. Einer unserer Gäste gestand aufrichtig ein, daß sie gegen unser großes Lager im Gebirge gerichtet sei. Ein anderer sagte, es seien nur Patrouillen und Kundschafter, die das Land zu bewachen und aufzupassen hätten, daß sich keine Feinde einschlichen. Um uns selbst war ich nicht im geringsten in Sorge, wohl aber des Hauptquartieres wegen. Wären wir nicht die Gefangenen der Tibeter gewesen, so hätte ich dorthin zurückkehren mögen, um eventuell zu seiner Verteidigung beizutragen.
8. August. Die ganze Nacht regnete es in Strömen. Ich erwachte halb erstickt von dem gräßlichen Rauche, der das Zelt füllte, durch dessen Tuch die Regentropfen wie feiner Sprühregen drangen. Der Morgen war naßkalt und die Luft wie in einem Keller. Und dabei sollte noch Brot gebacken werden! Fort mit dem Zelttuch und frische Luft hereingelassen, wenn es auch noch so sehr regnet! Recht bequem ist es, daß man sich bloß aufzurichten braucht, um gleich fertig zu sein; ein weiteres Toilettemachen kommt überhaupt nicht in Frage. Eine dicke Rußschicht hat sich auf dem Fette, mit dem mein Gesicht zuletzt eingerieben worden ist, abgelagert.
255. „Die Tibeter schwangen ihre Lanzen und Speere über dem Kopfe und heulten wie die Wilden.“ ([S. 212].)