256. Zelte tibetischer Häuptlinge. ([S. 221].)
Die Visiten wurden in gewohnter Weise fortgesetzt und stellten unsere Geduld auf die Probe. Zuerst erschienen fünf Leute mit einem Schafe und fragten, ob wir sonst noch etwas wünschten. Wir bestellten Fett, Butter, süße und sauere Milch und erhielten sofort alles in viel größeren Mengen, als wir bewältigen konnten, selbst wenn wir uns von den Hunden helfen ließen. Sie fragten uns, ob unser großes Lager auch nahe genug bei einem Nomadenlager liege, so daß die Unseren alles, was sie an Proviant brauchten, erhalten könnten. Dies klang wenigstens beruhigend, und ich begann wieder daran zu zweifeln, daß die Mobilmachung unserem Hauptquartier gelte. Ferner war die Nachricht gekommen, daß Kamba Bombo von Nakktschu und Nanso Lama unterwegs seien und morgen hier eintreffen würden.
Darauf begann das Kreuzverhör von neuem, aber jetzt erklärte ich rund heraus, daß sie sich gefälligst gedulden möchten, bis Kamba Bombo angelangt sei; er solle alles erfahren, was er zu wissen brauche, sie jedoch gehe es gar nichts an, wer wir seien. Wenn sie nicht aufhörten, uns tagtäglich mit denselben dummen, zudringlichen Fragen zu überhäufen, würden wir sie künftig nicht mehr ins Zelt hineinlassen. Da verbeugten sie sich ganz verdutzt, murmelten ihr höfliches „Lakso“ und schwiegen. Der Lama erklärte, daß sie fürchterlichen Respekt vor mir hätten. Ich kam mir ungefähr vor wie Karl XII. in der Türkei. Wir waren in ein fremdes Land eingedrungen, ein lächerlich kleiner Haufe gegen eine erdrückende Übermacht. Die Tibeter verhinderten uns, dorthin zu gehen, wohin wir wollten, zugleich aber war es ihnen darum zu tun, uns möglichst schnell wieder loszuwerden. Wir waren gleichzeitig ihre Gäste und ihre Gefangenen, und sichtlich war höheren Ortes Befehl erteilt worden, daß wir mit größter Rücksicht behandelt werden sollten und uns kein Leid zugefügt werden dürfe. Nur der Lama war düster und schwermütig. Er erinnerte sich ganz genau Kamba Bombos von Nakktschu, der die mongolische Pilgerkarawane, mit welcher der Lama nach Lhasa gereist war, so gründlich untersucht hatte. Wenn Kamba Bombo ihn wiedererkennen sollte, sei er verloren, und auch im entgegengesetzten Falle sei sein Schicksal mehr als ungewiß. Er erzählte von einem mongolischen Lama, der durch irgendein Vergehen sein Recht, die heilige Stadt zu besuchen, verwirkt habe und der, um sein Vergehen abzubüßen, von Da-kuren (Urga) nach Lhasa — in Gebetstellung, d. h. auf den Knien, gerutscht sei. Er habe sich mit den Händen auf die Erde gestützt, die Knie nachgezogen, die Hände weiter gesetzt, und so habe er die ganze lange Reise gemacht, zu der er sechs Jahre gebraucht habe! Und als er nur noch eine Tagereise vom Stadttore entfernt gewesen sei, habe ihm der Dalai-Lama das Betreten der Stadt untersagt, und unverrichteter Dinge habe er wieder umkehren müssen. Der Lama sagte noch, daß der Mann seinen Bußgang auf den Knien, die schließlich hart und hornig wie die Liegeschwielen der Kamele geworden seien, noch zweimal wiederholt habe, aber das Herz des Dalai-Lama doch nicht erweicht worden sei.
„Und wie“, fügte er hinzu, „wird es mir jetzt ergehen, da ich mich versündigt habe, indem ich mit euch hierhergekommen bin? Wenn sie mich auch am Leben lassen, so ist doch meine Laufbahn zu Ende, und ich darf Lhasa nie wiedersehen.“
Ein paar hundert Meter südlich von uns wurde heute ein Zelt aufgeschlagen, in welchem der Spion von gestern, Ben Nursu, wie er uns selbst offenherzig mitgeteilt hatte, künftig residieren sollte, um uns unter Augen zu haben.
Um die Mittagszeit sahen wir 15 Reiter nach Süden sprengen; wir nahmen an, daß sie dem Kamba Bombo, der wahrscheinlich nicht mehr sehr weit entfernt sein konnte, entgegenritten.
Nach Tisch schliefen wir ein paar Stunden und wurden wenigstens da in Ruhe gelassen. Schlafen, Essenkochen, Speisen und Milchtrinken sind eigentlich das einzige, womit wir während unserer unfreiwilligen, die Geduld auf die Probe stellenden Gefangenschaft die Zeit totschlagen können. Wir liegen, dehnen uns und schlummern, wir entfernen uns keine 50 Schritt vom Zelte, wir sitzen stundenlang vor der Zeltöffnung und beobachten die Tibeter, ihr Tun und Lassen, ihre schwarzen Zeltdörfer und ihre Herden. Wir sehnen uns danach, daß die Zeit vergehe und Kamba Bombo komme, aber eigentlich ist es ein Trost, daß wir nicht in diesem ewigen Regen zu reiten brauchen, wo es überall kalt, rauh, grau, naß und dunkel ist.
Beständig tauchen neue, unbekannte, neugierige Gesichter um uns herum auf. Der einzige wirkliche Stammgast in unserem Zelte ist Ben Nursu, der beinahe bei uns wohnt und mit uns ißt. Dafür muß er sich aber auch nützlich machen; er muß Leben ins Feuer blasen, wenn es regnet. Es kommt beinahe nie vor, daß uns jemand besucht, ohne etwas Eßbares mitzubringen. Sie nehmen sich unserer mit rührender Fürsorge an. Wie man sagt, geschieht dies auf besonderen Befehl des Dalai-Lama. Die Behörden in Lhasa erhalten ganz gewiß täglich Bericht aus unserem Lager. Die Reiter, die aus jener Richtung kommen und dorthin reiten, sind Kuriere und Eilboten. Wir erfuhren auch, daß die Lebensmittel, die wir von den Nomaden erhalten, ihnen später aus Lhasa ersetzt werden. Auf dieselbe Weise wird bei einer Mobilmachung verfahren. Die Soldaten sind berechtigt, sich alles, was sie wollen, von den Nomaden zu nehmen, und diese erhalten dafür Entschädigung aus der Hauptstadt. Wir hatten also durch unseren friedlichen Zug den Tibetern entsetzlich viel Mühe gemacht, und Dschallokk war gewissermaßen ein militärischer Knotenpunkt geworden. Es wimmelte hier von Stafetten, Spionen, Kundschaftern und Kurieren. Das Land erhob sich wie zur Verteidigung gegen einen feindlichen Einfall. Man würde uns nicht geglaubt haben, wenn man erfahren hätte, wie unschädlich wir selbst und wie wenig böse unsere Absichten waren.
Gegen 2 Uhr guckte die Sonne eine Weile hervor und warf ihren grauen Schleier ab, der übrigens zu der Situation gut paßte. Sieben Tibeter leisteten uns am Feuer im Freien Gesellschaft. Während wir in eifrigster Unterhaltung waren, erschien im Südosten eine Reiterschar. Sie ritt schnell gerade auf das Zelt los.