„Ha“, riefen die Männer, „da haben wir den Bombo von Nakktschu!“

Wir erhoben uns und erwarteten die Fremden; als sie jedoch näherkamen, sahen unsere Gäste, daß es nicht der Gouverneur selbst war, sondern nur sein mongolischer Dolmetscher in Begleitung von vier Häuptlingen aus der Nachbarschaft mit ihrem Gefolge.

Der Dolmetscher war ein geborener Tibeter, und sein Mongolisch war bedeutend schlechter als meines, aber er war ein angenehmer, heiterer Mensch und nicht im geringsten zudringlich. Er erzählte, daß, sobald die Nachricht von unserer Ankunft nach Nakktschu gelangt sei, Kamba Bombo ihm befohlen habe, hierher vorauszureiten, der Gouverneur selbst werde aber so schnell wie möglich nachkommen. Im Nu saß der arme Dolmetscher im Sattel und ritt mit seinen Begleitern Tag und Nacht in strömendem Regen nach Dschallokk. Hier rasteten sie nicht einmal bei den Zelten der Tibeter, sondern begaben sich direkt zu uns.

Jetzt begann das Verhör wieder, und zum zwanzigsten Male mußten wir das Hauptquartier und seine Besatzung ausführlich beschreiben. Trotzdem sie ohne Zweifel durch Spione über die Karawane unterrichtet waren, war es schwer, die Neuangekommenen dahin zu bringen, daß sie unseren Worten glaubten. Sie bildeten sich ein, daß unser Hauptquartier nicht unsere ganze Stärke ausmache, sondern nur der Vortrab sei, dem Tausende von Soldaten folgen würden. Diese Furcht verdrängte alle kritischen Spekulationen in betreff meiner wirklichen Nationalität. Der Dolmetscher sagte, es spiele gar keine Rolle, woher und von welchem Stamme wir seien; nach Lhasa dürften wir unter keinen Umständen reisen, sondern müßten von hier nach unserem Hauptquartiere im Gebirge zurückkehren. Zuleide werde uns jedoch nichts getan werden, denn in dieser Beziehung habe der Dalai-Lama seine Befehle gegeben.

Jetzt begannen Schagdur und ich auf Mongolisch derart zu predigen, daß dem armen Dolmetscher die Ohren gellten. Wir sagten, der Dalai-Lama habe Burjaten, die auf russischem Gebiete wohnen, nie verboten, die Wallfahrt nach Lhasa zu machen. Es könne Kamba Bombo den Kopf kosten, wenn er sich unterstehe, uns an der Weiterreise zu verhindern. Ihn holen zu lassen, sei ganz unnötig, da wir auf jeden Fall nur mit einem hohen Beamten aus Lhasa verhandeln würden.

Alles, was wir sagten, übersetzte der Dolmetscher seinen Kameraden, die mit ernster Miene zuhörten. Von Rußland und Indien hatten sie sehr dunkle Begriffe, und was von der Macht und Größe dieser Reiche gesagt wurde, imponierte ihnen nicht im geringsten.

Schließlich gingen wir darauf ein, daß ein Kurier an Kamba Bombo geschickt werde, um ihn zu ersuchen, sich zu beeilen, — aber nur unter der Bedingung, daß gleichzeitig ein Eilbote nach Lhasa abgehe. Der Dolmetscher war in jeder Beziehung ein Gentleman, nur darin nicht, daß er unaufhörlich um Branntwein bat, eine Ware, die unsere Kisten nicht enthielten. Wir sagten ihm, wir seien hier in ein merkwürdiges Land geraten, wo friedliche Reisende nicht einmal vor Räuberüberfällen sicher seien. Er schien von dem Pferdediebstahl zu wissen und versicherte, der Wert der Tiere werde uns zu unserer völligen Zufriedenheit ersetzt werden und wir hätten nur zu befehlen, falls wir etwas wünschten. Wir hätten gesagt, daß zwei Europäerhäuptlinge in unserem Hauptquartier seien, und er bitte um ihre Namen. „Sirkin und Tschernoff“, antworteten wir; die Namen wurden aufgeschrieben. Als er aber nach unseren Namen fragte, wurde ihm der Bescheid, daß ihn dies gar nichts angehe und wir nur mit vornehmeren Herren verhandeln würden.

Nachdem sie uns endlich verlassen hatten, blieben wir wie gewöhnlich noch lange sitzen und sprachen über die Tageserlebnisse und die Aussichten für die nächste Zukunft, die für den Lama nicht besonders gut waren. Um unsere Tiere bekümmerten wir uns nicht mehr. Sie waren bei den Tibetern gewissermaßen in Pension, und wir sahen sie gar nicht.

Am 9. August herrschte wieder Leben und Bewegung in unserem offenen Kesseltale. Eine Menge Reiter und Patrouillen zogen nach Südwesten die nächsten Berghöhen hinauf und trieben die Herden dorthin. Von allen Seiten ertönte Geschrei und Pferdegetrappel, das Blöken der Schafe und das verdrießliche Grunzen der Yake. Von den Zelten unserer Nachbarn ritten kleine Reiterscharen nach Nakktschu und nach Lhasa. Es gelang uns nicht zu ergründen, was alles dieses bedeutete; es hatte den Anschein, als beabsichtigten die Nomaden, ihre Wohnsitze nach anderen Weidegründen zu verlegen, aber Schereb Lama, der hier alles in schwarzem Lichte sah, glaubte, daß sie das Feld räumten, um freien Spielraum zu haben, wenn der große, vernichtende Reitersturm gegen unser Zelt gerichtet würde.

Um 10 Uhr erschien unser Freund, der Dolmetscher, von drei anderen Männern begleitet. Wir baten ihn, diese fortzuschicken, um mit ihm über verschiedene wichtige Angelegenheiten verhandeln zu können. Hiergegen protestierte er aber auf das Bestimmteste; es war ihm wohl unheimlich, mit so zweideutigen Personen allein zu sein. Er hatte übrigens, wie er sagte, einen besonderen Auftrag auszurichten und würde uns, sobald dies geschehen, verlassen. Er teilte uns mit, daß Kamba Bombo von Nakktschu mit großem Gefolge angekommen sei und uns zu sehen wünsche.