Ein ganzes Zeltdorf erhob sich ein paar Kilometer von uns entfernt auf der Straße nach Lhasa ([Abb. 256]). Eines der Zelte hatte bedeutende Dimensionen; es war glänzend weiß und oben blaugestreift; die anderen, die es umgaben, waren kleiner, und von mehreren von ihnen stiegen Rauchsäulen auf. Um das „Dorf“ herum schwärmten Massen von Reitern. Der Lama konnte das Fernglas nicht von seinen Augen nehmen und sich nicht von diesem großartigen Anblicke losreißen; unablässig starrte er dorthin und war augenscheinlich eine Beute immer größer werdender Unruhe.
Der Auftrag des Dolmetschers bestand darin, uns in Kamba Bombos Namen einzuladen, uns mit Sack und Pack in seiner unmittelbaren Nachbarschaft anzusiedeln und heute bei dem mächtigen Gouverneur ein Gastmahl einzunehmen. In einem der Zelte tische man bereits die Gerichte auf. In der Mitte stehe ein ganzes gebratenes Schaf, umgeben von Schalen für Tee und Tsamba, und bei unserer Ankunft würden wir jeder mit einer „Haddik“ beehrt werden, mit einer dünnen, hellen Binde, welche Mongolen und Tibeter vornehmen Gästen als Ehrfurchtsbezeugung überreichen.
Auf diese Einladung antwortete ich, ohne mich einen Augenblick zu bedenken, daß wenn Kamba Bombo eine Spur von Manier besitze, es seine Pflicht sei, uns erst einen Besuch zu machen, bevor er uns zum Gastmahl einlade; überdies hätten wir noch nie von ihm gehört und wüßten gar nicht, ob er überhaupt das Recht habe, uns gegenüber als zuständige Behörde aufzutreten. Er werde sich wohl nicht einbilden, daß wir seiner Aufforderung, unseren Lagerplatz zu wechseln, gehorchten; wenn ihm daran liege, uns als Nachbarn zu haben, so stehe es ihm frei, seine Zelte in unserer Nachbarschaft aufzuschlagen. Wir wollten nichts von ihm und hätten nicht nach ihm geschickt; wünsche er uns zu sehen und mit uns zu sprechen, so sei es ihm unbenommen, jederzeit unser Zelt zu besuchen. Während der Tage, die wir in Dschallokk zugebracht, hätten wir hinsichtlich der Dreistigkeit der Tibeter viel zu gründliche Erfahrungen gemacht, um uns freiwillig zu Nachbarn von Kamba Bombo und seinem Gefolge zu machen. Wir seien friedliche Fremdlinge aus dem Norden, die das Recht hätten, die Wallfahrt zu machen, und jetzt wünschten wir nur zu erfahren, ob uns der Weg nach Lhasa offenstehe oder nicht; wenn nicht, würden wir sofort nach unserem Hauptquartier zurückkehren, und Kamba Bombo selbst habe die Verantwortung für die Folgen zu tragen.
Mit allem diesen und noch mehrerem wurde der arme Dolmetscher traktiert, der in seiner unangenehmen Unterhändlerstellung, die er bekleidete, sich wie ein Wurm wand. Er bat und flehte und bediente sich seiner ganzen Überredungskunst, aber wir blieben unbeweglich. „Das Gastmahl ist bereitet, und man erwartet euch; wenn ihr nicht kommt, trage ich die Schuld, falle in Ungnade und werde verabschiedet.“ Er bestürmte uns über zwei Stunden; als ich jedoch meinen Entschluß nicht änderte, erhob er sich, um aufs Pferd zu steigen. Noch im Sattel bat er, wir möchten uns doch besinnen, und versicherte, daß uns kein Leid widerfahren werde. Ich antwortete ihm nur, es sei uns vollkommen gleichgültig, welchen Bescheid er dem Bombo zu bringen gedenke, aber zum Gastmahl kämen wir nicht, und beliebe es dem Gouverneur nicht, uns eine Visite zu machen, so werde er keinen Schimmer von uns zu sehen bekommen. Da grüßte der Dolmetscher zum Abschied und ritt zu den Zelten zurück.
Es mag den Anschein haben, als sei diese Antwort auf eine freundliche Einladung ebenso arrogant wie unhöflich und als hätten drei arme Pilger sich einem so mächtigen, vornehmen Gouverneur gegenüber einen solchen Ton nicht erlauben dürfen. Denn er war es, der in Nakktschu (auch Nagtschu; der Ort liegt am Flusse gleichen Namens, der mit dem oberen Saluen gleichbedeutend ist) residierte und dessen Pflicht es war, alle Karawanen zu untersuchen und alle Reisenden, Pilger und Wanderer, die sich Lhasa auf der großen Straße von Zaidam und über Tang-la nähern, zu visitieren. Jetzt, da wirklich Gefahr im Anzug zu sein schien und eine große europäische Karawane sich näherte, mußte er, um nicht sein Amt und vielleicht auch das Leben zu verlieren, seine Autorität nachdrücklich wahren. Ganz gewiß hatte er auch durch besondere Kuriere von Lhasa Befehl erhalten, seinen Posten auf einige Tage zu verlassen und sich nach Dschallokk zu begeben, um dort die Sachlage genau zu untersuchen.
Tatsächlich war es auch nicht reiner Oppositionsgeist, der unsere Antwort so unfreundlich ausfallen ließ. Aber ringsumher hatte die ganze Zeit über Kriegsstimmung geherrscht, die Tibeter waren mobil gemacht und hatten ihre Streitkräfte gesammelt, und ich meinerseits würde ihnen verziehen haben, wenn sie über unser Unterfangen, das ja darauf ausging, sie zu überlisten, böse geworden wären. Keiner hätte es ihnen verdenken können, wenn sie erklärt hätten: „Hier ist ein Europäer, der sich als Burjate verkleidet hat, um nach Lhasa zu gelangen, und hier ist ein Lama, der seine Studien in Lhasa gemacht hat und jetzt als Führer des ersteren auftritt; laßt uns ein für allemal ein Exempel statuieren und den beiden zeigen, daß solche Versuche übel ablaufen!“ Noch am 9. August ahnten wir nichts von unserem Schicksal; das einzige, was man uns mit absoluter Sicherheit gesagt hatte, war, daß man uns unter keinen Umständen erlauben würde, uns nach der Hauptstadt zu begeben. Jetzt grübelten wir auch darüber nach, ob die heutigen Vorbereitungen und die Unruhe, die unter den Tibetern geherrscht hatte, etwas Besonderes zu bedeuten hätten. War die Einladung ein Versuch, uns in eine Falle zu locken? Zu einem Gastmahl geht man unbewaffnet; sollten die Tibeter nur einen Vorwand suchen, um uns von unseren Waffen, vor denen sie gehörigen Respekt hatten, zu trennen? Wenn es wirklich ihre Absicht war, uns nicht lebendig aus der Gefangenschaft kommen zu lassen, so wollten wir wenigstens erst die fünfzig scharfen Patronen, die wir bei uns hatten, benutzen. Es waren schon Europäer in Tibet verschwunden — zuletzt Dutreuil de Rhins und Rijnhard — wenn auch nicht so nahe bei Lhasa, wie wir uns jetzt befanden. Ein verkleideter Europäer mußte noch viel größeren Gefahren ausgesetzt sein; denn sollten die Tibeter hinterher je zur Rechenschaft gezogen werden, so konnten sie mit vollem Recht sagen. „Wir haben nicht gewußt, daß er ein Europäer war; er sagte selbst, er sei ein Burjate.“
Von diesem Gesichtspunkte aus hielt ich unsere Lage für ziemlich unsicher, obgleich mehrere unserer neuen Freunde uns versichert hatten, daß wir für Leib und Leben nichts zu fürchten hätten. Da ich mich aber keinen Augenblick bedacht hatte, mein Leben einer so großen Gefahr inmitten eines den Europäern feindlich gesinnten Volkes auszusetzen, da ich das Abenteuer bis auf die Spitze getrieben hatte und so weit gegangen war, wie es überhaupt möglich war, wollte ich das Spiel auch auf ehrenvolle Weise beenden!
Unseren eigenen Betrachtungen überlassen, saßen wir ein paar Stunden am Feuer und tauschten unsere Ansichten über die kritische Lage aus. Keine Menschen zeigten sich in unserer Nähe, nur in dem Zeltdorfe des Gouverneurs herrschte Leben und Bewegung; dort wurde augenscheinlich über uns Rat gehalten. Aber was sagte man, in welcher Richtung gingen die Beschlüsse? Wir ahnten, daß eine Entscheidung nahe bevorstand. Vielleicht hatte unsere unhöfliche Antwort Kamba Bombo beleidigt, und er schickte sich jetzt an, uns eine ordentliche Lektion zu geben. Es war ein entsetzlich unbehagliches Warten; ich erinnere mich dieser langen Stunden, als wäre es gestern gewesen.
Zwei volle Stunden waren vergangen, als es um die weißen Zelte wieder lebendiger wurde; es gab ein Laufen und Hinundherreiten, die Tibeter bewaffneten sich und stiegen zu Pferd. Ein ganzer Wald von Reitern sprengte in einer schwarzen Linie auf uns los ([Abb. 257]). Es regnete nicht, und wir konnten dieses in Wahrheit prächtige Schauspiel ungestört genießen. Sie näherten sich in schnellem Tempo, die Pferde liefen in starkem Galopp. Ein undeutliches Sausen ertönt, bald unterscheidet man das schnelle Aufschlagen der Pferdehufe. Wir hatten das Gefühl, als stürze eine Lawine auf uns herab, um uns im nächsten Augenblick zu begraben. Die Gewehre und der Revolver lagen geladen bereit, wir aber standen vor dem Zelt, und keiner sollte die Unruhe ahnen, die sich unserer bemächtigt hatte.
Die Tibeter ritten in einer Linie heran. In der Mitte ritt der Gouverneur auf einem großen, schönen Maulesel; sonst ritten alle Pferde. Er war von seinem Stabe begleitet, der aus Militär-, Zivil- und geistlichen Beamten in prachtvollen Festgewändern bestand. Die Flügel bildeten Soldaten, die bis an die Zähne mit Gewehren, Säbeln und Lanzen bewaffnet waren, als handle es sich um einen Feldzug gegen einen feindlichen Stamm. Wir konnten 67 Mann zählen.