Jetzt trennten sich einige Reiter von der Schar, erhöhten die Geschwindigkeit und gewannen einen Vorsprung von einigen Minuten, dann saßen sie ab und grüßten. Einer von ihnen war unser Freund, der Dolmetscher, der nur anmeldete, daß Kamba Bombo uns in höchsteigener Person mit einem Besuche beehre. Als dieser in der Nähe des Zeltes anhielt, sprangen einige des Gefolges aus dem Sattel und breiteten auf der Erde einen Teppich aus, auf dem der Gouverneur abstieg. Dann nahm er auf gleichfalls bereitgehaltenen Kissen und Decken Platz, und Nanso Lama, ein vornehmer Priester aus Nakktschu, setzte sich neben ihn.

Jetzt ging ich ruhig zu ihm heran und bat ihn, ins Zelt zu treten, wohin er sich sofort begab und wo er nach einigem Zieren den Ehrenplatz — auf einem nassen Maissack — unter unseren übelriechenden, beinahe schimmeligen Effekten annahm. Er sah listig und schelmisch aus, blinzelte mit den Augen und lächelte oft. Er mochte 40 Jahre alt sein, war klein und bleich, sah abgezehrt und müde, aber doch entzückt aus, daß er uns jetzt endlich in der Falle hatte; er wußte ganz genau, daß er in Lhasa großen Ruhm ernten würde, wenn er seinen geschickten Schachzug dorthin berichtete.

Sein Anzug war geschmackvoll und elegant; er hatte ihn entschieden eigens für die Visite angelegt, denn er war ganz neu und fleckenlos. Die Überkleider, einen großen roten Radmantel und ein rotes Baschlik, nahmen ihm die Diener ab. Nachdem dies geschehen war, präsentierte er sich in einem kleinen blauen chinesischen Käppchen und in einem weitärmeligen Gewande von schwerer gelber Seide; er trug grüne mongolische Samtstiefel und war mit einem Wort wie zu einem Feste geschmückt.

257. Tibetische Kavallerie. ([S. 223].)

258. Tibetische Soldaten. ([S. 231].)

Nun wurde dem Kamba Bombo ein Tintenfaß, Feder und Papier gebracht, worauf das Verhör begann. Für uns interessierte er sich weniger als für das Hauptquartier und die Stärke der Karawane. Alle Antworten notierte er selbst, denn er sollte einen ausführlichen Bericht nach Lhasa schicken. Dann wurden unsere Habseligkeiten untersucht, aber merkwürdigerweise sprach er nicht einmal den Wunsch aus, unsere Kisten besichtigen zu dürfen. Die Mitteilung, daß sie Proviant enthielten, genügte ihm vollständig. Über mich schien er ganz im reinen zu sein und er hielt es sogar für überflüssig, mir persönliche Fragen vorzulegen. Schagdur gebärdete sich, als er gefragt wurde, wie ein Feldmarschall; er sei russischer Untertan, aber auch Burjate und berechtigt, nach Lhasa zu reisen. Die russischen Behörden würden es als eine Beleidigung betrachten, wenn man uns friedliche Pilger hindere, die Wallfahrt zu machen; niemand, wer es auch sei, dürfe uns antasten. Doch Kamba Bombo erwiderte lachend:

„Du glaubst, mir Furcht einjagen zu können; ich tue meine Pflicht, gerade hinsichtlich eurer habe ich meine Befehle vom Dalai-Lama erhalten und weiß selbst am besten, was ich zu tun habe. Nach Lhasa dürft ihr nicht reisen, nicht einen Tag mehr in dieser Richtung, nein! Einen Schritt weiter, — und es kostet euch den Kopf!“ (Titelbild zum 2. Band.) Und dabei fuhr er mit der flachen Hand, die er wie eine Klinge hielt, um den Hals herum. Und er fügte hinzu, daß es ihm selbst ebenfalls ans Leben gehen würde, wenn er uns durchließe:

„Es ist ganz einerlei, wer ihr seid und woher ihr kommt, aber ihr seid im höchsten Grade verdächtig; ihr seid auf einem Schleichweg hierhergekommen und ihr sollt nach eurem Hauptlager zurückkehren.“