Wir sahen ein, daß hiergegen nichts zu machen war. Schagdur erzählte nun von dem Pferdediebstahl. Anfangs machte Kamba Bombo Ausflüchte und sagte, er sei für das, was außerhalb der Grenzen seiner Provinz passiere, nicht verantwortlich. Schagdur erwiderte:

„So, dies ist also nicht euer Land; ist es denn vielleicht russisches Gebiet?“ Da wurde aber Kamba Bombo ärgerlich und erklärte, daß das ganze Land dem Dalai-Lama gehöre. Schagdur war nachher sehr stolz auf seine Erwiderung. Nun erhob sich der Gouverneur, nahm Schagdur mit und setzte sich draußen auf den Kissen nieder; nach einer Weile wurde ich zu ihm gerufen. Er sei bereit, sagte er, uns zwei neue Pferde zu besorgen, eines davon müsse ich aber bezahlen. Ich lachte ihm gerade ins Gesicht und ging wieder ins Zelt hinein, nachdem ich ihm geantwortet hatte, daß wir derartige Geschenke nicht annähmen: entweder zwei Pferde oder gar keins. Da versprach der Bombo, daß er uns am folgenden Morgen zwei Pferde für die gestohlenen schenken würde.

Schließlich erklärte Kamba Bombo, daß wir aufbrechen könnten, wann wir wollten, daß er jedoch Dschallokk nicht eher zu verlassen gedenke, als bis wir fort seien. Um keine Zeit zu verlieren, beschlossen wir, den Rückweg schon am folgenden Morgen anzutreten. Eine besondere Eskorte sollte uns bis zur Grenze am Satschu-sangpo begleiten, und als wir, um nicht der Tiere wegen nachts Wache halten zu müssen, darum baten, von der Eskorte bis ins Hauptquartier gebracht zu werden, versprach er uns dies. Während der Reise sollte uns alles, was wir an Proviant brauchten, kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Auch jetzt schenkte uns Kamba Bombo eine ganze Menge nützliche Eßwaren.

Im großen ganzen war er sehr freundlich und artig und gar nicht ärgerlich darüber, daß er durch uns Arbeit und Mühe gehabt und selbst hatte hierherreiten müssen. Er war ein rechtlich denkender und handelnder Mensch und wußte genau, was er wollte. Wer ich war, ist ihm wohl nie völlig klar geworden; doch muß er wohl geglaubt haben, daß hinter meiner abgetragenen mongolischen Tracht etwas Außergewöhnliches verborgen sei, sonst wäre er schwerlich mit solchem Pompe und Hofstaate angezogen gekommen. Mit China stehen die Tibeter beständig in Berührung; ihr Land ist nominell ein Vasallenstaat jener Macht, die in Lhasa einen Vertreter und ein „Yamen“ hat, welches in der Nähe von Potala, dem Tempelpalaste des Dalai-Lama, liegt. Ohne Zweifel hatten die Behörden in Lhasa Kenntnis von allem, was kürzlich in China geschehen war, und wußten, wie schwer der Mord des deutschen Gesandten von Ketteler in Peking bestraft worden war. Sie mochten sich daher sagen, daß es klüger sei, sich nicht an einem Europäer zu vergreifen.

Während der Unterhaltung drängten sich die anderen Tibeter um uns und machten ihre Bemerkungen und Beobachtungen. Sie trugen Säbel in reich mit Silber beschlagenen Scheiden, die mit Korallen und Türkisen besetzt waren, Gavo (Amulettfutterale) von Silber, Armbänder, Rosenkränze, bunte Schmucksachen in ihren langen Zöpfen und waren entschieden mit dem Feinsten, was sie anzuziehen hatten, ausstaffiert. Die Vornehmeren trugen große, weiße Hüte mit Federn, andere Binden um den Kopf, die gemeinen Soldaten gingen barhäuptig.

Schereb Lama war von all dieser Pracht ganz überwältigt. Er lag vornübergebeugt auf den Knien, starrte auf die Erde und konnte sich nicht entschließen, dem Blicke Kamba Bombos zu begegnen, als dieser ihn scharf verhörte. Er gab kurze, hastige Antworten, als ob er kein Geheimnis mehr zu wahren hätte. Was er sagte, verstanden wir nicht, denn sie sprachen tibetisch. Nachher sagte er uns, daß der Bombo ihm schwere Vorwürfe darüber gemacht habe, daß er uns begleitet habe, da er doch habe wissen müssen, daß Europäer in Lhasa nicht geduldet würden. Sein Name sei in die Tempelbücher eingetragen, und er werde nie wieder die Erlaubnis erhalten, das Gebiet der heiligen Stadt zu betreten! Versuche er, sich dort mit einer Pilgerkarawane einzuschleichen, so werde es ihm schlimm ergehen. Er sei seiner Priesterwürde untreu geworden und sei ein Verräter!

Zuletzt schlug ich Kamba Bombo noch vor, ich wolle selbst mit Hilfe des Lamas und des Dolmetschers einen Brief an den Dalai-Lama aufsetzen, der uns, wenn er erfahre, wer wir seien, gewiß mit Vergnügen empfangen würde; der Bombo aber antwortete, dies sei ganz unnötig, da er ja seine Befehle über unsere Behandlung täglich direkt von Lhasa erhalte; auch könne er sich in seiner Stellung nicht erlauben, dem Dalai-Lama Ratschläge zu geben; dies würde ihm im besten Falle sein Amt kosten.

Darauf sagte er artig Lebewohl, schwang sich in seinen reichgeschmückten Sattel und ritt, von seinem großen Stabe gefolgt, schnell davon. Die Dämmerung hatte sich schon auf die Gegend herabgesenkt, die Reiterschar entschwand bald unseren Blicken und mit ihr meine Hoffnung, das Mekka des Lamaismus zu schauen! Hell glänzten die Sterne über Lhasa, kein Lüftchen regte sich an diesem stillen Abend, nur dann und wann hörte man in der Ferne einen Hund bellen.

Achtzehntes Kapitel.
Rückzug unter Bewachung.

An diesem Abend saßen wir noch lange plaudernd in unserem Zelt. Der Lama war wortkarg und niedergeschlagen, aber Schagdur und ich waren vergnügt. Allerdings war uns unser Versuch, Lhasa zu erreichen, mißlungen, aber wir hatten doch immerhin die Befriedigung, das Abenteuer bis auf seine äußerste Spitze getrieben zu haben. Wenn man auf unüberwindliche Hindernisse stößt, ist es Zeit, umzukehren, und man kann dies mit gutem Gewissen tun. Seltsam war es aber, daß uns die Tibeter ohne ein unfreundliches Wort aus der Gefangenschaft freigaben.