Am Morgen des 10. August befahlen wir unseren nächsten Wächtern, unsere zwei Pferde und fünf Maulesel nach dem Zelte zu treiben, denn wir hatten beschlossen, den Rückzug diesen Morgen anzutreten. Ohne Abschied konnten wir uns nicht auf den Weg machen, aber von Kamba Bombos Zelten kamen keine Boten. So beschloß ich denn, allein dorthin zu reiten, obwohl Schagdur und der Lama mich warnten und meinten, wir müßten wie bisher beisammenbleiben.
Ich ritt also in langsamem Trab zwischen den Sümpfen hindurch nach Kamba Bombos weißblauem Zeltdorfe. Als ich den halben Weg zurückgelegt hatte, wurde ich von einer aus etwa zwanzig Mann bestehenden Schar bis an die Zähne bewaffneter Reiter umringt. Sie sagten kein Wort, sondern ritten schweigend vor und hinter mir. Ungefähr einen Kilometer vor den Zelten machten sie Halt und bildeten einen Ring um mich, dann saßen sie ab und gaben mir zu verstehen, daß ich dasselbe tun solle.
Kaum eine Viertelstunde brauchten wir zu warten, bis sich dieselbe große Reiterschar wie gestern vom Zeltplatze aus in Bewegung setzte und sich uns im Galopp näherte. In der Mitte ritt wieder Kamba Bombo in seinem gelben Gewande. Ein Teppich und Kissen wurden auf der Erde ausgebreitet, und er lud mich ein, neben ihm Platz zu nehmen. Der Dolmetscher war zugegen, und nun unterhielten wir uns eine gute Weile.
Diese Art, mich nicht in seinem Zelte, sondern auf neutralem Gebiete zu empfangen, war ein Zug von Etikette, der vollkommen berechtigt und taktvoll war. Ich hatte mich ja gestern geweigert, seiner Einladung zu folgen, und nun dachte er wohl: „Ich will ihm zeigen, daß er sich mit Visitenmachen nicht anzustrengen braucht.“ Er hatte auch gesagt: „Keinen Schritt weiter in der Richtung nach Lhasa“ und wollte mich daher auch jetzt zurückhalten.
Alle Überredungskunst von meiner Seite war gerade so vergeblich wie das erstemal.
„Ich habe keine Lust, euretwegen den Kopf zu verlieren“, sagte er. „Mir persönlich ist es einerlei, ob ihr nach Lhasa reiset oder nicht, aber den Befehlen, die ich von dort erhalten habe, muß ich gehorchen.“
Zum Scherz sagte ich ihm, wir beide könnten ja auf ein paar Tage allein dorthin reiten, niemand werde eine Ahnung davon haben; doch er lachte nur darüber und schüttelte den Kopf.
„Zurück, zurück, nach Norden!“
Auf einmal blinzelte er mit den Augen, zeigte auf mich, sagte das eine Wort „Sahib“ (so werden in Indien die Engländer und die Europäer im allgemeinen genannt) und zeigte dann nach Süden in der Richtung des Himalajagebirges.
Auch ohne Hilfe des Dolmetschers verstand ich, daß er sagen wollte: „Ihr seid ein Engländer aus Indien“. Trotz allen Hinundherredens war ihm diese Überzeugung nicht aus dem Kopfe zu bringen. Ich nahm die Maske ganz und gar ab und sagte ihm, daß ich allerdings ein Europäer, aber kein Engländer sei und aus einem Lande im Norden weit hinter Rußland komme; er lächelte jedoch und wiederholte sein „Sahib, Sahib“. Nun erzählte ich ihm, daß ich zwei burjatische und zwei russische Kosaken bei mir habe, die mir vom russischen Kaiser zur Verfügung gestellt worden seien, und fragte ihn, ob er denn glaube, daß Engländer mit russischen Kosaken reisten, und ob er es für wahrscheinlich halte, daß Engländer von Norden kämen, da ihr indisches Reich ja südlich von Tibet liege. Diese Einwendung begegnete demselben Zweifel; er sagte nur: „Ihr seid alle Sahibs; ist es euch gelungen, einen mongolischen Lama mit euch zu bekommen, so könnt ihr auch einen Burjaten dazu bewegen.“