In einiger Entfernung wandte ich mich im Sattel um und sah Kamba Bombo und seine Leute wie Mäuse auf dem Platze, wo unser Zelt gestanden hatte, umherschnuppern. Einige Stearinlichtstücke und Zigarettenstummel werden sie gewiß in der Überzeugung, daß sie es mit Europäern zu tun gehabt, noch bestärkt haben. Erst nachdem wir eine gute Stunde geritten waren, konnten wir die Lage überblicken und sehen, wie viele zu unserer Eskorte gehörten, denn bis dahin war bald der eine, bald der andere wieder umgekehrt, zuletzt unser Freund, der Dolmetscher, der die ganze Zeit über um Branntwein gebettelt hatte.
Unser Gefolge bestand aus zwei Offizieren, Solang Undü und Anna Tsering, einem Unteroffizier und 14 Soldaten mit Säbeln, Piken und Flinten ([Abb. 258]). Außerdem waren sechs Männer dabei, die keine Soldaten waren; sie hatten die Aufgabe, die Proviantpferde der Truppe zu führen und eine Herde von 10 Schafen zu treiben. Wir ritten ziemlich schnell und es war lustig, die Marschordnung der Tibeter zu beobachten. Sie ritten vor, hinter und neben uns und ließen uns keinen Augenblick aus den Augen; hätten sie es gekonnt, so wären sie auch wohl über und unter uns geritten, um uns zu verhindern, in den Himmel zu steigen oder in die Unterwelt zu fliehen!
Es war schon spät geworden, denn wir waren erst um 2 Uhr aufgebrochen. Wiederholt hielten die Tibeter an und schlugen vor, daß wir lagern sollten; sie beabsichtigten wahrscheinlich nicht, sich sehr zu beeilen. Doch jetzt war ich derjenige, welcher zu befehlen hatte, und ich ritt, ohne mich um unsere Lasttiere zu bekümmern, mit dem Lama und Schagdur bis in die Nähe des Sees Tso-nekk. Für unsere Habe hatten ja die Tibeter einzustehen versprochen, und sie ritten auch artig mit, ohne zu murren. In der Dämmerung lagerten wir. Sie hatten zwei schwarze Zelte, die sie auf jeder Seite des unserigen und ganz dicht neben diesem aufschlugen. Sobald das Lager in Ordnung war, wurden alle Tiere auf die Weide getrieben und dort von einigen Tibetern bewacht. Ich ging zu Solang Undü und Anna Tsering und aß mit ihnen zu Abend. Letzterer war ein außergewöhnlich liebenswürdiger, sympathisch aussehender junger Mann. Beide waren wie die meisten Tibeter bartlos, und Anna Tsering glich einem jungen Mädchen mit langherabhängenden schwarzen Haaren.
Abends ertönte eine Weile ein summendes, murmelndes Geräusch aus ihren Zelten; sie sprachen ihr Abendgebet. Der Lama erinnerte sich melancholisch desselben, wenn auch unendlich viel kräftigeren Summens von Lhasa her, wo in allen Tempeln stetig Gebete gesprochen werden und wo es wie in einem riesenhaften Bienenkorbe summt. Er würde es wohl nie wieder hören!
Die ganze Nacht goß es, wir aber schliefen ruhig und ungestört. Am Morgen standen alle Tiere, von ihren Wächtern dorthin gebracht, festgebunden an ihrem Platze. Doch alles war schwer und durchnäßt, und der Erdboden schlüpfrig und glatt. Während des Tages (11. August) regnete es jedoch nicht, obwohl der Himmel drohend aussah. Wenn die Sonne scheint, ist es beinahe drückend heiß, so daß es durch meine dünne Chinesenmütze brennt. Die meisten unserer Wächter tragen nur ein grobes Hemd, einen Schaffellpelz und Stiefel. Wenn die Sonne scheint, lassen sie Pelz und Hemd von dem rechten Arme und dem Oberkörper, die dann nackt bleiben, herabgleiten, sobald es aber kalt wird, schlüpfen sie wieder hinein. Das ist sehr bequem und praktisch.
Ihre kleinen, langhaarigen, feisten Pferde laufen ziemlich schnell und machen kleine, trippelnde Schritte. Sie sind jedoch oft ungeberdig, werfen ihre Lasten ab und gehen damit durch, bis diese an der Erde schleppen. Die Männer bringen jedoch bald alles wieder ins rechte Geleise, sind aufgeweckt und achtsam und, wie man sich denken kann, an Karawanenreisen gewöhnt.
Einer der Offiziere hatte einen gelben, langhaarigen, mit blauen Bändern und Schellen geschmückten Windhund mitgenommen. Ich riet ihm schon beim Aufbruch, das Tier lieber zu Hause zu lassen; er wollte aber den Hund durchaus mithaben. Wir waren auch noch nicht weit gekommen, als Jollbars sich über den Ärmsten hermachte und ihn schrecklich zurichtete. Blutend, hinkend und heulend, mußte der Hund von einem Reiter zurückgebracht werden. Vor unseren beiden Hunden hatten unsere Reisegefährten ganz gewaltigen Respekt. Sogar, wenn sie zu Pferde saßen, ritten sie sofort beiseite, wenn Jollbars in ihre Nähe kam, und auf den Lagerplätzen wagten sie nicht eher abzusteigen, als bis die Hunde angebunden waren.
259. Tibetische Soldaten. ([S. 233].)