„Im Jahre der eisernen Kuh, den sechsten Monat, am 21. Tage. Dieses Schreiben soll den beiden Gouverneuren von Nakktsong zu Händen kommen. Es ist vom Dewaschung und wird mit der Post befördert. Im siebenten Monate, am 22. Tage muß es angelangt sein.“
Und dann das Schreiben selbst:
„Im Jahre der eisernen Kuh, im sechsten Monate, am 19. Tage ist hier von dem Gouverneur von Nakktschu ein Schreiben angekommen, daß der Sekretär der Mongolen Tsange Chutuktu, der Lama Sandsche, nebst mehreren Pilgern die Wallfahrt nach Dscho-mitsing in Hamdung gemacht hat und er sowohl wie Tugden Dardsche dem Gouverneur von Nakktschu (also Kamba Bombo) gewisse Mitteilungen gemacht haben.
„Der Gouverneur von Nakktschu hat (seinerseits) dem Dewaschung (folgende) Mitteilungen gemacht. Tsanges Sekretär hatte gesagt, daß er um die Zeit, als er sich auf den Weg gemacht, europäische Männer gesehen habe und eine Strecke weit in ihrer Gesellschaft gereist sei. Nachdem sie eine Menge Kleidungsstücke gekauft, seien sie weitergezogen. Im Basare habe er zwei Russen gesehen. «Wohin reist ihr», habe er gefragt, «seid ihr Lamas?» «Wir sind Lamas», hätten sie geantwortet. Der Arzt Schereb Lama, ein Chalchamongole, sei mit ihnen zusammengereist und ihr Führer gewesen. Unterwegs habe er sechs russische Leute marschieren sehen. Eine Menge Kamele und Leute seien im Anzuge.
„Nach Namru und Nakktsong sollen schleunigst Schreiben abgesandt werden, so daß es überall bekannt wird, daß von Nakktschu an und landeinwärts, soweit mein (d. h. des Dalai-Lama) Reich reicht, russische (europäische) Männer keine Erlaubnis erhalten, nach Süden zu ziehen. An alle Häuptlinge sollen Schreiben erlassen werden. Bewacht die Grenzen von Nakktsong; es ist notwendig, das Land Stück für Stück streng zu bewachen. (Diese Stelle lautet auf Mongolisch. “Nakktsäng-tsonguin tsachar hara, gadser gadser sän harreha kerekté„. Die Provinz wird hier also «Nakktsäng-tsong» genannt, aber sonst hörten wir sie stets kurzweg «Nakktsong» nennen, wie auch der See Nakktsong-tso hieß.) Es ist absolut unnötig, daß europäische Männer in das Land der heiligen Bücher kommen, um sich dort umzusehen. In der Provinz, die euch beiden untertan ist, haben sie durchaus nichts zu suchen. Wenn sie sagen, daß es notwendig sei (so wisset), daß diese beiden Anführer nicht nach Süden reisen dürfen. Sollten sie dennoch ihre Reise fortsetzen, so verliert ihr euren Kopf. Zwingt sie, umzukehren und den Weg, auf dem sie gekommen sind, wieder zurückzugehen.“
Durch dieses Schreiben kam für uns Licht in verschiedene Punkte, die uns bisher dunkel geblieben waren. Lama Sandsche und Tugden Dardsche gehörten zu der Karawane von mongolischen Pilgern, die im Mai 1900 Tscharchlik passiert hatte. Schon in Korla und Kara-schahr waren sie mit meinen burjatischen Kosaken und mit dem Lama zusammengetroffen, und die Mitteilungen, die sie hierüber gemacht hatten und die hier in dem Dokumente angeführt waren, entsprachen in der Hauptsache der Wahrheit. „Eine Menge Kamele und Leute“, bezieht sich auf die große Karawane unter Tschernoff und Turdu Bai.
Sobald sie in Nakktschu angelangt waren, hatten sie Kamba Bombo über alles Geschehene Bericht erstattet, und dieser hatte sofort einen Kurier nach Lhasa an den Dewaschung gesandt. Der Kurier langte am 19. des 6. Monats in Lhasa an, und schon am 21. wurde das ganze Land im Norden und Westen der Hauptstadt, besonders die Provinzen Namru und Nakktsong, benachrichtigt, daß scharf aufgepaßt und das Eindringen von Europäern in das Land verhindert werden müsse. Der Ausdruck „die Provinz, welche euch beiden untertan ist“ beweist, daß das Schreiben, welches mir jetzt vorgelesen wurde, besonders an die beiden Gesandten, die uns hier am Nakktsong-tso den Weg versperrten, gerichtet war. Der ältere hieß Hladsche Tsering, der jüngere Junduk Tsering. Sie sind also die Gouverneure von Namru und Nakktsong. Doch nach anderen Aufklärungen, die wir erhielten, scheint es, als hätten sie sich zur Zeit von Kamba Bombos Schreiben zufällig in Lhasa aufgehalten und dort die eben angeführte Order persönlich in Empfang genommen. Ihnen waren auch eine Menge Einzelheiten von meinem ersten Vordringen nach Lhasa und von Kamba Bombos Art und Weise, uns festzunehmen, bekannt. Mit „diese beiden Anführer“ sind sicherlich Tschernoff und Sirkin gemeint, denn wir hatten, als Kamba Bombos Leute uns festnahmen, erklärt, daß im Hauptquartiere zwei Europäer seien, die Rache nehmen würden, wenn uns ein Leid widerführe. Wie wir gefürchtet, hatten die mongolischen (tangutischen) Pilger uns einen bösen Streich gespielt! Doch auch ohne ihre Angeberei hätten wir bald festgesessen, denn sowohl Kamba Bombo wie jetzt Hladsche Tsering erzählten, daß Yakjäger, die uns gesehen, sofort Bericht darüber erstattet hätten.
Ich konnte darauf nichts weiter erwidern, als daß alles in Ordnung und sie völlig in ihrem Rechte seien, uns den Weg zu versperren, und ich sagte ihnen ehrlich, daß die von ihnen beobachtete Absperrungspolitik die einzige sei, die ihr Land vor dem Untergange bewahren könne.
„Rund um Tibet herum, im Norden, im Süden und im Westen haben die Europäer entweder die Länder eurer Nachbarn erobert oder sie von sich abhängig gemacht; jetzt geht auch China allmählich unter, euer Land ist in Asien das einzige, das noch unberührt ist.“
„Re, re“, antworteten sie, „so wollen wir es haben! Es tut uns euretwegen sehr leid, daß ihr nicht nach Lhasa reisen könnt, aber wir müssen unseren Befehlen gehorchen. Für uns wäre es viel angenehmer gewesen, wenn wir Befehl erhalten hätten, euch nach Lhasa zu führen und euch alles zu zeigen.“