Um eine Aufklärung zu erzwingen, fragte ich, ob sie etwas dagegen hätten, meinen chinesischen Paß nach Lhasa zu schicken, während welcher Zeit wir ja die Antwort zusammen erwarten könnten.

„Unter keiner Bedingung, und zwar aus zwei Gründen. Erstens hat der Kaiser von China hier bei uns überhaupt nichts zu sagen, und zweitens würden wir dann beim Dewaschung in den Verdacht geraten, in eurem Interesse tätig zu sein, und im günstigsten Falle abgesetzt werden.“

Schereb Lamas Name kam in dem Dokumente vor. Hier hatten sie ihn leibhaftig vor sich. Sie sagten ihm, daß, wenn es nicht meinetwegen wäre, sie ihn eigentlich mitnehmen und an die Behörden von Lhasa ausliefern müßten, von denen er seine wohlverdiente Strafe erhalten würde, weil er einen Europäer nach Lhasa habe führen wollen. Sein Name sei jetzt in dieser Stadt bekannt und stehe schon im Buche der Verdächtigen. Es sei für ihn selbst das Beste, sich in der heiligen Stadt nie wieder sehen zu lassen. Sie hielten unserem armen Lama eine donnernde Strafpredigt. Aber jetzt, da sein Spiel doch verloren war, nahm auch er kein Blatt mehr vor den Mund; er legte ordentlich los, machte die beiden Gesandten schonungslos herunter und fragte, mit welchem Rechte sie einen Lama züchtigen wollten, der kein tibetischer Untertan sei; er habe von dem chinesischen Gouverneur in Kara-schahr Erlaubnis erhalten, mit mir zu reisen; der Prior seines dortigen Klosters habe gleichfalls seine Einwilligung dazu gegeben, und er werde bei seiner Rückkehr berichten, wie die tibetischen Behörden sich betragen hätten. Da ich fürchtete, daß der Zank in Handgreiflichkeiten übergehen würde, holte ich die große Spieldose, deren Musik wie Öl auf die Wogen wirkte.

Hladsche Tsering war übrigens der Typus eines tibetischen Gentleman, ein wirklich netter, gemütlicher alter Onkel, von dem schließlich alle Mitglieder unserer Karawane, sogar der Lama, entzückt waren ([Abb. 272]). Niemand wird mir widersprechen, wenn ich sage, daß er viel mehr Ähnlichkeit mit einem runzeligen, alten Mütterchen als mit einem gebieterischen Statthalter hatte. Man betrachte nur das Bild, das ich von ihm zeichnete. Sein völlig bartloses Gesicht, die Art, wie er sein Haar trug, der Zopf, die Mütze mit dem Amtsknopfe, die Ohrringe, alles trug dazu bei, ihm einen so stark femininen Anstrich zu geben, daß ich ihn in vollem Ernst fragte, ob er am Ende nicht doch ein altes Weib sei. Diese Aufrichtigkeit, die manches andere männliche Individuum sehr übel genommen haben würde, machte auf Hladsche Tsering einen ganz guten Eindruck; er lächelte freundlich, nickte und verzog sein Pergamentgesicht zu den muntersten Grimassen, hielt sich die Hand vor die Augen, lachte schließlich derart, daß ihm die Tränen über die Wangen liefen, und versicherte, er sei wirklich ein Mann.

Um 7 Uhr abends ging ich mit Schagdur und dem Lama nach seinem Zelte und kam erst um Mitternacht wieder nach Hause. Jetzt wurde von unseren Plänen kein Wort mehr gesprochen, wir amüsierten uns nur und scherzten miteinander wie zwei junge Studenten. Jeder prahlte mit seinen Waffen. Daher schlug ich vor, Schagdurs Säbel gegen ein tibetisches Schwert zu probieren. Nach der Probe sah dieses wie eine Säge aus, aber später sahen wir auch mehrere von ziemlich gutem Stahl. Hladsche Tsering zeigte uns, daß er auch einige recht brauchbare Revolver hatte.

Sein weißes Zelt mit blauen Streifen und Bändern war sauber und hübsch eingerichtet. An der hinteren Querwand stand eine Art niedrigen Diwans aus Polstern und Kissen und davor ein ebenfalls niedriger Tisch, auf welchem uns Tee, sauere Milch und Tsamba angeboten wurden. Auf der rechten Seite des Diwans (d. h. wenn man darauf saß) stand ein kleiner tragbarer Tempel mit verschiedenen Burchanen (Götterbildern), die vergoldet und zum Teil in „Haddik“ gewickelt waren; unter anderen sah man dort auch den Burchan des Dalai-Lama. Vor ihnen brannten einige Öllampen, und in kleinen Messingschalen waren, wie es auch in den großen Tempeln Brauch ist, den Götterbildern allerlei leicht verdauliche Speisen hingestellt. Sobald man einen Schluck von seinem Tee trank, war sofort ein Diener da und goß die Tasse wieder bis oben voll, selbst wenn dazu nur fünfzehn Tropfen gehörten. Ein eigener Pfeifenreiniger bediente Hladsche Tsering, der aus seiner langen chinesischen Pfeife rauchte und sehr von meinem Tabak entzückt war, weshalb ich ihm eine ganze Blechschachtel davon schenkte.

Der ungefähr 45 Jahr alte Junduk Tsering war weniger intelligent und glaubte, uns durch große Worte schrecken zu können. Er war es, der bei jeder Gelegenheit unübersehbare Heerscharen ins Treffen führte und seine Soldaten nach Millionen rechnete. Ich klärte ihn darüber auf, daß ich seine Krieger selbst gezählt und nur 120 Mann gefunden hätte. Diese Zahl wuchs indessen unaufhörlich, bis sie schließlich beinahe fünfmal so groß war! Ich hatte nicht die geringste Lust, mit ihnen Krieg anzufangen, denn ich hatte ja nur vier Kosaken und überdies, wie jedermann begreifen wird, weder das Recht noch den Wunsch, Gewalt zu brauchen. Wenn wir trotzdem einen ebenso wahnsinnigen wie verwerflichen Schritt getan hätten, wäre es den Tibetern mit ihrer Übermacht eine Kleinigkeit gewesen, uns in irgendeinem Passe den Weg zu versperren. Aber der russische Kaiser hatte mir die Eskorte nicht gegeben, um in Tibet Streit anzufangen, sondern nur als Sicherheitswache für meine Person. Es war für mich also eine Ehrensache, die Kosaken unverletzt wieder zurückzubringen, und ich hatte daher Rücksicht auf sie zu nehmen.

Der gutmütige, ein wenig beleibte und aufgeschwemmte Junduk Tsering war also nur schwach begabt. Unaufhörlich fuhr er sich bei unserem Wortwechsel mit der flachen Hand um den Hals, um zu veranschaulichen, wie wir um einen Kopf kürzer gemacht werden würden, wenn wir weiter nach Süden zögen. Ich sagte ihm gerade heraus, daß er von allen Herren, die ich bisher kennen gelernt, einer der dümmsten sei, und fragte ihn, ob es viele zweibeinige Esel in Lhasa gebe.

Beide Gesandten waren elegant und sauber gekleidet und hatten verschiedene Anzüge, Alltags- und Paradekostüme, warme und leichte, mitgebracht. Sie waren nach chinesischer Mode gekleidet, denn sie trugen Kleiderröcke und Jacken oder Westen von seidenen und wollenen Stoffen. Auf den beigefügten Bildern sind sie im Paradeanzug ([Abb. 273], [274]).

Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Der Nakktsong-tso.