281. Das Ufer des Boggtsang-sangpo. ([S. 304].)
Während des Marsches nach der „Kalpetbucht“ war es uns vorgekommen, als dehne sich der Nakktsong-tso sehr weit nach Süden aus und erstrecke sich bis an den Bergrücken, der nach dieser Seite hin die Aussicht begrenzte. Nun aber stellte sich heraus, daß nur ein paar Kilometer die Insel vom Südufer trennten. Die Gesichtstäuschung beruht auf der Luftspiegelung, in welcher die außerordentlich tiefliegende Ufersteppe, die sich zwischen dem Seeufer und dem Fuße des Gebirges ausdehnt, verschwindet. Die Steppe glänzte grün von vorzüglicher Weide; schwarze Punkte zeichneten sich dort ab: Yake, Pferde und Schafe, sowie acht schwarze Zelte, auch einige kleine Steinhäuser, möglicherweise Tempel, waren zu sehen.
Westlich von der Insel erheben sich drei wilde, bizarre Bergkämme, die sich auf einer größeren Insel zu erheben schienen oder die vielleicht — ja, wie es sich mit dieser Sache verhielt, wollten wir jetzt gerade feststellen. Nachdem wir eine niedrige Landspitze am Ostende der südlichsten Kette umrudert hatten, steuerten wir nach West zu Süd, welche Richtung wir bis zum Nachtlager beibehielten. Nun haben wir den südlichen Bergast gleich linker Hand. Er gleicht einer aus gewaltigen, rauhen Blöcken aufgetürmten Riesenmauer; hier und dort fällt er senkrecht in das Wasser hinunter, das überall seicht und selten mehr als 2 Meter tief ist. Westwärts rückt das Land zusammen; vielleicht würden wir hier in eine Sackgasse geraten. Der See wird immer enger; wir passieren das westliche Ende der ersten Kette, dann das der zweiten, die in einem zerrissenen Gipfel kulminiert. Jetzt ist es nur noch ein Kilometer bis an das Südufer. Ist das rechts von uns eine Insel oder nicht? Das ist die Frage, die wir uns bei jedem Ruderschlage vorlegen. Wir rudern immer weiter in diese rätselhafte Bucht hinein. Die untergehende Sonne streut Gold und Purpur über die rauhen Felsvorsprünge, die sich in der ruhigen Wasserfläche spiegeln, durch deren glashelle Decke Algen und Wasserpflanzen schimmern.
Wir folgen dem nach Nordwesten abbiegenden Ufer. Der Graswall sah ganz unberührt aus, und wieder hofften wir, daß es eine Insel wäre, auf der wir eine friedliche Nacht ohne alle tibetischen Besuche würden zubringen können. In der westlichen Verlängerung des zweiten Bergarmes erhebt sich jenseits des Wassers ein imposanter Gebirgsstock. An seinem Südfuße, nur ein paar hundert Meter von uns entfernt, taucht eine steinerne Hütte auf, von welcher Rauch aufsteigt und vor welcher ein einsamer Hund wütend bellt.
In der Dämmerung rudern wir in die stille Bucht hinein; das Hundegebell verstummt hinter uns, Felsen erheben sich senkrecht auf beiden Seiten und werfen ein helles Echo der Ruderschläge zurück; jeder Laut zittert zwischen den Bergwänden, und wir treten wie in einen Tempelsaal in Gottes freier, erhabener Natur ein. Einige Königsadler kreisen mit regungslosen Flügeln in diesem großartigen Engpasse.
Auf einmal schien die Bucht ein Ende zu nehmen; doch nein, es war nur eine niedrige Landzunge, die den schmalen Sund fast ganz sperrte; jenseits derselben ging der Weg nach Nordwesten weiter, aber vor Felsen sah man nicht weit. Die Dunkelheit verhüllte auch bald diese entzückende Gegend unseren Blicken, und wir mußten für die Nacht landen. Dicht bei unbekannten Menschenwohnungen im Freien zu liegen, war gerade nicht angenehm, aber ich hatte den Revolver bei mir. Sobald das Boot aufs Land gezogen war, wurden die nächsten Umgebungen untersucht, und nun fanden wir zu unserer Freude, daß die Landzunge einen 30 Meter breiten Sund neben der südlichen Bergwand offen ließ, so daß wir am nächsten Morgen unsere Entdeckungsreise fortsetzen konnten und von den Eingeborenen getrennt blieben, die aus Mangel an Booten nicht imstande sein würden, uns zu belästigen. Prächtiger, trockner Argol war in Menge vorhanden, und bald brannte ein gemütliches Feuer mit heller blauer Flamme, lautlos wie ein Elmsfeuer; der Argol knistert nicht wie Holz. Die Nacht war klar und windstill und verfloß für uns, die wir in unseren Pelzen zusammengekauert lagen, in aller Ruhe.
Sobald die Sonne die Felsenspitzen auf der Westseite des Sundes vergoldete, erhoben wir uns, machten Feuer an und setzten das Teewasser auf. Tscherdon hatte uns einen vortrefflichen Proviant mitgegeben, eine gebratene Gans und einige Fladen Brot, und es war nicht das erstemal, daß Kutschuk und ich zusammen kampierten.
Es währte nicht lange, so tauchte Kutschuk wieder sein Ruder in das klare Wasser, und das Boot glitt schnell zwischen den Felsen hin nach Nordwesten. Ich kann mich kaum erinnern, je eine so großartige, hinreißende Natur gesehen zu haben, wie hier dem Auge begegnete: ein venezianischer Kanal mit alten Zyklopenpalästen. Von Zeit zu Zeit springt vom Ufer eine Landspitze vor, welche die Aussicht versperrt, und wir glauben den Punkt erreicht zu haben, wo wir umkehren müssen; aber der Engpaß geht weiter, der natürliche Kanal öffnet vor uns eine neue Perspektive. Die Richtung Nordwesten ist für uns besonders vorteilhaft, denn gerade nach dieser Seite hin liegt unser Sammelplatz. Die Tiefe übersteigt 3½ Meter nicht, und die Breite dieses schmalen Wasserweges beträgt im allgemeinen nicht über ein paar hundert Meter.
Wir waren sehr erstaunt, auf dem rechten Ufer hinter einem Felsvorsprunge eine Anzahl kleine Yake und Pferde zu sehen. Als das Boot an der Landspitze vorbeiglitt, stürmten drei Männer ans Ufer und trieben unter Geschrei und Steinwürfen ihre Tiere landeinwärts. Am Fuße des nächsten Vorgebirges auf der rechten Seite zeigten sich zwei schwarze Zelte; hier begafften uns ein Mann, eine Frau und ein Junge, die das größte Erstaunen über einen solchen Besuch in ihrer Gegend verrieten. Wenn überhaupt irgendwo, so mußte man hier vor Besuchen sicher sein, war doch ihr Wohnsitz mit einem wassergefüllten Graben umfriedigt. Das Auftreten von Nomaden ließ uns als gewiß erscheinen, daß das Land eine Halbinsel war und wir bald den ganzen Weg würden zurückmachen müssen. Wir bildeten uns beinahe ein zu bemerken, wie sich die Tibeter bei dem Gedanken, daß wir immer tiefer in den Sack hineinkröchen, über uns lustig machten. Einer von ihnen lief nach dem nächsten Bergkamme hinauf, wohl um zu sehen, was wir für verdutzte Gesichter machen würden, wenn wir nicht weiterkommen könnten.
Dann aber erweiterte sich der Fjord, und eine neue Perspektive entrollte sich im Nordwesten. Das Boot war leck und mußte ausgeschöpft werden; unterdessen schneite es eine Zeitlang, doch dann hatten wir wieder Sonnenschein. Die Tiefen nahmen schnell zu und betrugen hier bis zu 11,68 Meter. Da sich die Landschaft jetzt bis in die Ferne öffnete, hofften wir, daß wir auf diesem Wege wieder auf den See hinaus gelangen könnten, ließen aber den Mut sinken, als der Fjord plötzlich zu Ende war und flaches Land sich vor uns ausdehnte. Auf außerordentlich seichtem Wasser zogen wir das Boot, soweit wir kommen konnten, in eine keilförmige Bucht hinein, und dort saßen wir hilflos fest.