Der Strand, an dem wir zu Gaste waren, bestand aus lockerem, weichem Schlamm, in den man fußtief einsank. Kutschuk mußte sich Schuhe und Strümpfe ausziehen und durch den Morast nach dem nächsten Bergrücken waten, um zu rekognoszieren. Hierbei fand er, daß ein von Süden kommender Fluß in einen kleinen See mündete, der mit dem Nakktsong-tso zusammenzuhängen schien. Wir zogen daher das Boot ganz aufs Land, nahmen es auseinander und trugen es nebst dem ganzen Gepäck in mehreren Partien gute 500 Meter weit von der Bucht nach dem Flußarme. Das Vergnügen kostete uns drei Stunden, was jedoch noch immer besser war, als den ganzen Weg wieder zurückzumachen. Der Fluß hat zwei Arme, und vor seiner Mündung ist der See voller Schlammbänke, auf denen sich Hunderte von Möwen aufhielten. Jetzt konnten wir nach Nordosten rudern.
Auf einem molenförmigen Sandvorsprunge saßen in der untergehenden Sonne etwa zwanzig Möwen, die sich blendendweiß von einem für uns besonders erfreulichen Hintergrund, der weiten, dunkelblauen Fläche des Nakktsong-tso, abhoben. Es war uns also geglückt. Streng genommen war es doch eine Halbinsel, die wir umrudert hatten, und wir hatten das Boot nur über eine 500 Meter breite Landenge zu schleppen gehabt; letztere aber bestand sichtlich aus alluvialem Schlamme, der diesen Teil des Fjords verstopft hatte; sonst wäre das Land der Nomaden eine vollständige Insel gewesen. Der Nakktsong-tso, der auf den Karten entweder gar nicht oder bestenfalls außerordentlich entstellt angegeben ist, besaß, wie sich herausstellte, eine höchst sonderbare Gestalt. Er bildet einen Wasserring, der nur in seinem nördlichen Teile ziemlich weit, in dem südlichen dagegen schmal wie ein Fjord ist. Eine ähnliche Form hat der südlich von Lhasa liegende See Jamdok-tso.
Hinter der Sandmole nahmen die Tiefen schnell zu, von 3 Meter bis zu 22,20 Meter. Wir ruderten nach Ostnordost, nach welcher Richtung der Ring jetzt umbog. Als die Sonne am Horizont hinter uns stand, nahm das bisher dunkelblaue Wasser bei 3 Meter Tiefe einen intensiv grünen Farbenton an, und die Wasserpflanzen traten, wie durch Spiegelglas gesehen, klar hervor. Eine Landspitze am nördlichen Ufer war unser Ziel; von dort mußten wir das Signalfeuer der Unsrigen sehen können. Aber die Spitze lag mitten im Winde, und wir mußten in der Dämmerung den ersten besten Strand suchen. Der Himmel war außergewöhnlich klar, und die Deutlichkeit, mit welcher der Mond sich abzeichnete, war für eine Beobachtung verlockend. Es ging immer noch ein kalter, unfreundlicher Wind, doch das machte uns nichts mehr aus, nachdem wir in unsere schönen Pelze wie Murmeltiere gekrochen waren. Glücklicherweise regnete es während dieser beiden Nächte, die wir im Freien zubrachten, nicht; nur das Wiegenlied der Wellen lullte die müden Pilger in den Schlaf. Es ist schön, in Tibets sternklaren, stillen Nächten und in der klaren, dünnen, reinen Hochgebirgsluft den Himmel als Dach zu haben.
Die Nachtkälte ging auf kaum 2 Grad herunter. Wir brachen in aller Frühe auf. Jetzt ist es kalt und unfreundlich. Der Seegang ist so stark, daß wir uns ganz in der Nähe des Landes halten müssen. Nachdem wir fünf Minuten unterwegs waren, brach ein abscheuliches Unwetter los. Der Hagel stürzte in solcher Menge nieder, daß das Innere des Bootes mit Eisschlamm erfüllt war. Gleichzeitig aber wurde die Heftigkeit des Wellenganges und auch der Wind gedämpft. Der Sturm schien über uns stehenzubleiben und setzte seine Dusche über zwei Stunden lang fort. Hier herrschte halbe Dämmerung, doch im Osten badete sich das Land in Sonnenschein; hinter uns war der Himmel schwarz und das Gebirge in Weiß gehüllt, wir sind auf dem Wege von dem Sitze des Winters nach der Wohnstätte des Sommers. Der Hagel ging allmählich in Schnee über, der sich weich wie Baumwolle in das Boot legte.
Das Wasser hat die wunderbarste blaugrüne Farbe, ein leicht erregtes, flüchtiges Element, das den Blick nicht an der Erforschung der Geheimnisse des Seebodens hindert.
Eine gute Weile mußten wir auf einer Landzunge rasten. Ich erstieg eine Anhöhe, um mich zu orientieren. Am Nordufer erschien jetzt gerade wie gerufen die Karawane mit ihrer Kosakenbedeckung; ihr folgten auf den Fersen die Tibeter in dichten, schwarzen Schwärmen. Rechts haben wir eine ziemlich große Insel, auf der 20 Pferde grasen. Von dieser Insel springt eine Landzunge vor, der eine ebensolche vom Festlande entgegenkommt. Sie zeigen aufeinander hin wie die Kohlenspitzen in einer elektrischen Lampe, und der schmale Sund zwischen ihnen ist so seicht, daß die Jolle gegen den Grund schrammt. Über diese Landzungen geht die nach der Insel führende Furt.
Eine Stunde später hatten wir das ganze Lager auf dem verabredeten Platze vor uns. Es breitete sich in seiner ganzen Herrlichkeit am Ufer aus; Massen von Leuten und Pferden waren auf allen Hügeln. Hier und dort zerteilte der Wind eine Rauchsäule; wir haben 5, die Tibeter 19 Zelte, aber die meisten von ihnen kampieren doch am Feuer unter freiem Himmel. Alle die Unseren standen am Ufer, und die Kosaken machten wie gewöhnlich Honneur. Jeden Morgen muß ich meine Leute in drei verschiedenen Sprachen begrüßen: mit „Sdrasdwijte“, „Salam aleikum“ und „Ämur sän bane“.
Als ich zwei Nächte ausblieb, waren die Gesandten sehr ängstlich geworden und hatten das Lager unter besondere Bewachung gestellt. Den ersten Abend hatte Hladsche Tsering die Kosaken gefragt, die, ohne eine Miene zu verziehen, geantwortet hatten, ich sei nach dem Südufer gerudert, um mich von dort nach Lhasa zu begeben, und sie hätten Befehl, meine Rückkehr abzuwarten. Dies hatte die Gesandten sehr verstimmt, und sie hatten nach allen Richtungen, namentlich nach Süden, Patrouillen ausgeschickt. Unzweifelhaft waren sie jedoch schon im Laufe des zweiten Tages dahintergekommen, daß wir uns auf dem See aufhielten, hatten aber den auf dem Südufer wohnenden Nomaden verboten, uns irgendwie zu helfen. Während des Marsches hatten sie dann wiederholt meine Leute gezählt und gefunden, daß noch immer zwei fehlten. Sie konnten den Zusammenhang nicht recht begreifen, fürchteten aber, daß einer meiner Leute zwei Pferde nach dem Südufer geführt habe, auf denen ich mit irgendeinem Begleiter nach Lhasa zu reiten gedächte. Ihr Auftreten gegen die Karawane wurde daher strenger; es wurde ihr kein Proviant mehr geliefert, und das Lager wurde nachts mit starken Wachtposten umgeben. Ihre Unruhe legte sich auch nicht eher, als bis sie das Boot zwischen den Wellen heranstampfen sahen. Jetzt bestanden ihre Truppen aus 194 Mann, obgleich mehrere Patrouillen noch nicht zurückgekehrt waren; wir waren 18, d. h. einer gegen 10, nein, — einer gegen 50, wenn ich nur die Kosaken rechne!
Die Tibeter müssen von uns Europäern eine jämmerliche Meinung haben; die meisten von uns sind, wenn sie bis in die „heilige Sphäre“ gelangten, so von allem entblößt und in so erbärmlichem Zustande gewesen, daß sie der Hilfe und Unterstützung der Tibeter bedurften, um überhaupt nur wieder aus dem Lande herauskommen zu können. Sie haben nie eine ordentliche Truppe in guter Verfassung gesehen, die nicht danach fragte, ob ihr der Durchzug erlaubt sei. Es war allerdings eine starke Versuchung für mich gewesen, den Tibetern mit Hilfe des Sees und des Bootes ein Schnippchen zu schlagen, und zwei Pferde hätte man mitten am Tage von einem Weideplatze nach dem Südufer bringen können. Ich hätte aber dadurch nicht viel gewonnen, vielleicht nur wenige Tagemärsche.
Das „Land der Burchane“, das Land der heiligen Bücher im Süden — dorthin darf kein Europäer ziehen; es ist das Erbland des Dalai-Lama, ein heiliges Land, sein Eigentum. Schwerlich sind seine Lamas jetzt fanatischer als in jener Zeit, da die Jesuitenmissionare gastfreundlich von ihnen aufgenommen wurden, und sicherlich sind sie heutzutage auch nicht weniger tolerant als im Jahre 1845, da die Missionare Huc und Gabet sich einige Monate in Lhasa aufhielten. Nein, ihre strenge Isolierung während der letzten Jahrzehnte hat politische Gründe. Ihre friedliche, aber wirksame Taktik geht darauf aus, die Grenzen gegen Europäer zu bewachen und die ungebetenen Gäste höflich und freundlich, aber bestimmt aus dem Lande hinauszutreiben. Dennoch wird auch an Tibet einst die Reihe kommen. Solange die Tibeter auf derselben Erde wohnen wie wir, müssen sie es sich gefallen lassen, daß wir den Wunsch haben, sie kennen zu lernen, ihre Religion und heiligen Schriften, ihre Tempel, Sitten und Gebräuche zu studieren, ihr Land und seine Mittel zu erforschen, Karten von ihren majestätischen Gebirgen aufzunehmen und ihre launenhaften Seen zu sondieren. Noch haben sie sich allerdings nicht durch Vorspiegelungen von dem Aufschwunge des Handels und der Einfuhr von Tabak, Spirituosen, Opium und Feuerwaffen locken lassen; nein, „fort mit allen euren Genußmitteln, eurem Stahle, Golde und Silber, und laßt uns nur in unsrem eigenen Lande in Frieden!“