Wenn ich sage: „Ich will den südlichen Weg nach Ladak gehen“, so antworten sie mir: „Dort gibt es keinen Weg.“ Wenn ich ihnen den Weg auf der Karte zeige und einige Namen nenne, so wenden sie ein:
„Nun wohl, es gibt dort einen Weg; er ist aber nur für uns, ihr dürft nicht durch das Land der Burchane gehen.“
Und wenn ich sage: „Ihr seid nicht gastfrei; wenn ihr in mein Land kommt, werdet ihr freundlich aufgenommen und dürft alles sehen“, so beeilen sie sich zu antworten: „Euer Land gehört euch, dort haben wir nichts zu tun, aber unser Land gehört uns; ihr müßt es daher verlassen und wieder heimreisen.“
Recht kostspielig muß es sein, eine Truppe von 200 Mann so lange unter Waffen zu halten, ganz abgesehen davon, daß die Leute ihr Heim und ihre Herden haben verlassen müssen. Doch es mag kosten, was es will, wenn nur keine Fremdlinge über die Grenze kommen. Es war für sie eine ungeheure Plackerei, trotzdem waren sie aber stets höflich und freundlich. Ihre Scheu vor Fremden wendet sich nur gegen die Europäer; Chinesen und Leute aus Ladak haben freien Zutritt, andere benachbarte asiatische Völker ebenfalls. Hladsche Tserings Koch war ein Dungane, der ein wenig „Tschanto“ (Türkisch) verstand und in Ostturkestan gewesen war. Die Muhammedaner nennen alle, die sich nicht zum Islam bekennen, Heiden (Kaper), einerlei, ob diese Asiaten oder Europäer sind. Die Tibeter verschließen ihr Land nur den Europäern; ihre Isolierung ist also politisch, nicht religiös. Ein Chinese, ein Japaner oder ein Burjate, ein Pundit, wie Nain Singh oder Krishna, ein Kaufmann aus Leh, alle können sich ohne Schwierigkeit nach Lhasa begeben. Und ist solch ein Asiate nur entsprechend instruiert worden, so kann er nachher über alles, was er gesehen hat, genaue Auskunft geben. Wir kennen, wie ich bereits erwähnt habe, Lhasa besser als sonst eine Stadt in Innerasien, Kaschgar, Kuldscha und Urumtschi vielleicht ausgenommen. Wer Lamas in Urga, Kum-bum, in Hemis oder in anderen Tempeln in Ladak besucht hat, kann bezeugen, daß er überall mit der größten Gastfreundschaft aufgenommen worden ist und keine Spur von Intoleranz gefunden hat. —
Nach einem ruhigen, klaren Abend fuhr um 10 Uhr wieder ein Hagelsturm über die Erde hin. Dann schneite es die ganze Nacht, und es war recht ungewöhnlich, die Schritte der Nachtwache im Schnee knarren zu hören. Am 17. September blieb der Schnee auf den nördlichen Abhängen den ganzen Tag liegen, auf den südlichen dagegen verschwand er bald im Sonnenbrand. Fern im Süden überragte alle anderen Gebirge in der Gegend ein großartiger, kegelförmiger Gipfel, der blendend weiß glänzte und mit seiner regelmäßigen Gestalt einem erloschenen Vulkane glich.
Die Karawane erhielt Befehl, nach der Mündung des Jaggju-rappga zu ziehen. Das Kamel, auf dessen Rücken Kalpet verschieden war, erkrankte jetzt, und Turdu Bai, der sich auf Kamele verstand, erklärte, daß es bald sterben würde, weil es einen Toten getragen habe. Das schöne Wetter lockte mich wieder auf den See hinaus; ich hatte auch keine Lust, einen ganzen Tag auf dem mir schon bekannten Wege nach dem Jaggju-rappga zu reiten. Ördek war mein Ruderer. Das Boot und das Gepäck wurden auf Pferde geladen; wir ritten nordwärts über die schmale Landenge zwischen Nakktsong-tso und Selling-tso.
Die Schwelle zwischen den Seen ist höchst eigentümlich. Unmittelbar nördlich vom Ufer des Nakktsong-tso gelangen wir auf ihren Kamm, der höchstens 10 Meter über dem See liegt; von dort aus aber müssen wir eine ziemliche Strecke weit abwärtsreiten und können dabei ein Gefälle von wohl 50 Meter konstatieren, ehe wir den Selling-tso erreichen, der also ungefähr 40 Meter tiefer liegt als sein Nachbarsee. Ich bin fest davon überzeugt, daß der Nakktsong-tso einen Abfluß hat, habe aber vergeblich danach gesucht. Möglicherweise ergießt er sich durch unterirdische Abflüsse in den Selling-tso. Am Nordabhange der Landenge passieren wir dieselben deutlichen Uferlinien, die wir schon früher an den Ufern des letztern Sees gesehen haben und die anzeigen, daß er fällt.
Das tiefliegende, morastige Ufer zwang uns, eine Strecke weit barfuß zu gehen, ehe wir das Boot ins Wasser setzen und dann nach Nordnordwest steuern konnten. Die Tiefen sind unbedeutend und betragen selten mehr als 3 Meter; der Boden besteht aus graublauem Ton ohne Spur von Vegetation, das Wasser hat eine leicht maigrüne Farbe, und darüber wölbt der Himmel seinen klaren, sonnigen Dom. Nur der Kamm der breiten Halbinsel, wo wir vor einigen Tagen umkehren mußten, zeichnet sich scharf ab und wird noch eine Strecke nach Osten hin durch eine Reihe kleinerer Felsenzähne, die über dem Wasser zu schweben scheinen, fortgesetzt. Auf der linken Seite sieht man durch das Fernglas die Karawane mit ihrem Gefolge von Tibetern, deren Zahl sich heute beinahe verdoppelt hat, da sich noch einige kleine Reiterscharen zur Haupttruppe gesellt haben. Eine schwarze Hagelwolke schwebte hartnäckig über ihnen und duschte sie unaufhörlich, was man deutlich an den hellen und dunkeln Streifen sehen konnte, die sich von der Wolke auf die Erde erstreckten. Wir dagegen bekamen nichts davon ab.
Nachdem wir die Landspitze an der Mündung des Alla-sangpo umschifft haben, steuern wir westwärts gerade auf die Gabel der Kette zu, die das Tal des Jaggju-rappga im Süden begrenzt. Wir sahen sie in Verkürzung; hinter ihr stand die Sonne, und daher trat sie wie eine intensiv schwarze Silhouette hervor. Es war bereits stockdunkel, als wir das große Lager erreichten, dessen Feuer wie die Laternen in einer kleinen Stadt strahlten.