Der Strand, ein natürlicher Korso, bietet dem Auge ein sehr lebhaftes, farbenreiches Bild dar. Außer unseren Zelten kann man noch 25 zählen, und doch kampieren die meisten Soldaten an offenen Feuern. Der Strand wimmelt von Menschen und Pferden. Dabei vermehrt sich die Zahl unserer Wächter, die jetzt 500 Mann betrug, noch immer.

In der Dämmerung kam Almas allein an. Kalpets Kamel, der „Katafalk“, war nicht mehr am Leben; Turdu Bai hatte recht gehabt. Was denkt das Kamel, wenn es weint und den Tod im Herzen fühlt? Kein Philosoph auf Erden kann es uns sagen; man weiß ja nicht einmal, was der Mensch träumt, wenn die Flügelschläge des Todesengels eiskalt durch seinen Körper gehen.

Wir waren uns über die Absichten der Tibeter nicht ganz klar. Wozu brauchten sie jetzt, da wir auf dem Wege nach Ladak waren, so viele Truppen zusammenzuziehen? Sie verstärkten die Nachtwachen und hielten ihr Arsenal in steter Bereitschaft. Sollten sie einen nächtlichen Überfall beabsichtigen?

Ich träumte in der Nacht etwas derartiges und wachte um 1 Uhr auf. Ich hatte auf dem rechten Arme gelegen, und die Hand, die auf der Erde lag und vollständig eingeschlafen war, war eiskalt und gefühllos. Zufälligerweise berührte ich mit der linken Hand die rechte, und dabei fuhr mir, schlaftrunken wie ich war, der Gedanke durch den Kopf, daß die Tibeter mir eine Leiche ins Zelt geworfen hätten. Ich sprang auf, machte Licht, fand das Zelt leer und verstand nun erst, sobald die Gedanken wieder klar wurden, den Zusammenhang.

Zwei Tage blieben wir an diesem schönen Strande. Nur zu schnell verging die Zeit unter Visiten, Gastmählern und neuen Überlegungen über den Weg nach Ladak. Ich erklärte offen, daß ich den Weg zu gehen gedächte, der mir behage, und daß ich mir darin keine Vorschriften machen ließe. Eine Eskorte sollten wir aber auf jeden Fall haben, und alles, was wir brauchten, sollte während der Reise angeschafft werden. Hladsche Tsering schenkte mir zwei Pferde, wie Kamba Bombo es getan hatte, und daneben sollten uns, da unsere Karawane jetzt in besorgniserregender Weise zusammengeschmolzen war, auf besonderen Befehl des Dalai-Lama stets 40 Yake zur Verfügung stehen. Es ist eigentlich seltsam, daß die Tibeter so artig und freundlich sein können, hatte ich doch die erste Warnung nicht beherzigt und zum zweitenmal versucht, in das verbotene Land einzudringen! Viele andere asiatische Völker hätten in solchem Falle ein Exempel statuiert, aber die Tibeter sind viel zu gutmütig und weichherzig, um Blut zu vergießen, und begnügen sich mit Waffengeklirr und Drohungen.

Ein wahrhaft großartiges Schauspiel boten sie uns am Mittag des 19. September. Ich hatte Hladsche Tsering mitgeteilt, daß ich ihn selbst und seinen Kollegen und dann seine große Kavallerie photographieren wolle. Meine Bitte wurde mit dem größten Vergnügen gewährt, und sofort wurden einige Hundert Reiter aufgeboten ([Abb. 276]). Sie wurden in Gliedern geordnet; aber es war nicht leicht — nicht einmal für die Häuptlinge, — sie dazu zu bringen, daß sie sich einen Augenblick ruhig verhielten. Als ich bat, sie möchten ihre Schwerter und Lanzen in die Luft strecken, und dies geschah, erwachten sofort ihre kriegerischen Instinkte; die Pferde wurden unruhig, und die ganze Schar sprengte unter wildem Kriegsgeschrei wie zum Angriff vor! Als diese zügellose Horde über die Steppe hinsauste und die klirrenden Waffen in der Sonne blitzten, konnte man den Blick nicht davon losreißen. Der photographische Apparat mußte ruhen, bis sich der kriegerische Sinn der Leute wieder beruhigt und sie begriffen hatten, daß man beim Photographieren nicht so schrecklich zu lärmen und zu toben brauche.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Der Tschargut-tso.

Wir hätten eigentlich heute (am 20. September) nach dem fernen Ladak aufbrechen sollen; aber die Gesandten baten uns zu bleiben, weil sie noch einige Tagereisen weit mit uns ziehen wollten. Heute hatten sie jedoch einen großen Festtag und wollten sich still verhalten, und ich ging mit um so größerem Vergnügen auf den Vorschlag ein, als der Tschargut-tso mich auf seine schönen, aber falschen Wogen hinauslockte.

Chodai Kullu wurde zum Ruderer ernannt. Wir hielten Kurs auf die äußerste Spitze der bergigen Halbinsel, die unsere Bucht im Süden begrenzte. Von dort gingen wir weiter auf den See hinaus, als auf einmal der Himmel im Westen schwarz wurde und der Sturm mit seinem gewöhnlichen Getöse angezogen kam. Wir wendeten sofort und landeten an dem steilen Ufer der Landspitze, wo indessen herabgefallene, scharfkantige Felsstücke das Boot zu zerschneiden drohten, denn die Wellen gingen bald hoch und preßten es gerade gegen das Ufer. Ich beschloß, quer über die heftig aufgeregte Bucht gerade nach unserem Lager hinzusteuern. Es knackte in dem Holzrahmen des Bootes, und der Sturm war zum Orkan geworden. Mit sausender Fahrt trieben wir nach dem Strande hin, wo sich die Tibeter in dichtgedrängten Haufen versammelt hatten, um Zeugen unseres Schiffbruchs zu werden. Bald entschwand die Jolle in einem Wellentale ihren Blicken, bald erschien sie auf einem Kamme, auf dessen Rücken sie stampfte und bebte. Für uns sah es unheimlich aus. Wir nähern uns dem Strande mit beängstigender Geschwindigkeit; im nächsten Augenblick muß das Boot von einer Welle auf den Sand geschleudert, im andern aber, wenn sie sich zurückzieht, wieder ins Wasser gezogen werden. Stumm vor Staunen, mit verhaltenem Atem standen die Tibeter und waren entschieden überzeugt, daß wir in der Brandung zerschellen würden. In dem Augenblick, als die Welle das Boot auf den Strand schleuderte, sprang Chodai Kullu ins Wasser, und alle vier Kosaken sprangen herzu, faßten die Relinge des Bootes und trugen mich wie auf einer Bahre aufs Trockne. Das Ganze ging blitzschnell vor sich, und die Tibeter eilten herbei, um sich zu überzeugen, ob ich wirklich noch lebe.

Erst nachdem der Sturm sich gelegt hatte, konnten wir uns wieder hinausbegeben, worauf wir einige Lotungen mit gutem Gelingen ausführten und erst in der Dämmerung zurückkehrten. Es war ganz dunkel, als wir noch draußen auf dem See plätscherten, und die Arbeit wurde bei Laternenschein ausgeführt. Als wir uns spät abends dem Strande näherten, war der Anblick der Lagerstadt nicht weniger großartig als bei Tag. Alle Feuer leuchteten in einer langen Reihe längs des Ufers der Bucht, das beinahe wie ein illuminierter Hafenkai aussah. Der Rauch der Feuer wurde von der schwachen östlichen Brise über den See getrieben und lag wie ein graublauer Schleier über dem jetzt wieder ruhigen Wasser. Der Mond überflutete mit seinem Lichte diese außerordentlich schöne Landschaft und warf einen zitternden, silberglänzenden Streifen über den See. Bald schlägt das Lachen und Plaudern aus den Zelten und von den Soldatengruppen an unser Ohr. Die Leute trinken Tee, rauchen und sind mit Würfelspiel beschäftigt.