Als ich am Morgen des 21. September geweckt wurde, stand die Quecksilbersäule auf dem Gefrierpunkte. Der See lag spiegelblank da, und seine weit hinten im fernen Westen verschwindende Perspektive mit den kulissenartig vorspringenden Gebirgspartien glich einem gigantischen Flußtale. An diesem hellen, schönen Herbstmorgen war ich fröhlich gestimmt und fühlte mich zu einer längeren Seefahrt um so mehr aufgelegt, als ich das Alleinsein im Boote dem Waffengeklirr und Pferdegetrappel der 500 Tibeter vorzog.
Mit Proviant für drei Tage, warmen Kleidern und den nötigen Instrumenten versehen, steuerten Kutschuk und ich über den See. Bald darauf brach auch die Karawane auf; die Tibeter umschwärmten die Unsern in einzelnen Haufen, und ehe wir noch aus der Bucht auf den offenen See hinaustraten, war der eben noch so lebhafte Strand von Zelten und Menschen reingefegt, und das Schweigen der Wildnis legte sich wieder über die entzückende Gegend. Statt dessen zeichneten sich die Reisenden wie lange schwarze Linien, Gruppen und Punkte auf den Ebenen des Nordufers ab, wo sie westwärts zogen und bald hinter den Bergen verschwanden. Sie hatten Befehl, irgendwo in der Nähe des Westufers, wo es gutes Gras gab, zu rasten und uns dort zu erwarten. Die Gesandten waren ganz aufgeregt über die neue Seefahrt gewesen und hatten gefragt, was dies wieder heißen solle.
Wir waren kaum eine Viertelstunde unterwegs, so war es mit der Stille für heute vorbei. Eine frische Westbrise erhob sich, und der Spiegel der Bucht wurde matt, seine Bilder wurden von einer leichten Kräuselung zerstört, die bald zu Wellen und Wogen anschwoll. Jenseits des südlichen Felsenvorsprungs wurde der Wind stärker und kam uns gerade entgegen. Er schwoll zu einem halben Sturme an, der See ging hoch, das Loten mußte unterbleiben, und es galt wieder, uns selbst und unser Gepäck zu retten. Zum Umkehren war es zu spät, und jetzt war niemand mehr an dem Strande, auf den uns der Sturm widerstandslos geschleudert haben würde. Wir versuchten vergebens, irgendeine freundliche Landspitze zu erreichen, hinter der wir hätten Schutz finden können, aber es blieb uns nichts weiter übrig, als draufloszurudern und uns nach der vor dem Wind geschützten Seite der nächsten Felseninsel im Westen hinzuarbeiten. Unter diesen Umständen konnten natürlich nur wenige Lotungen gemacht werden; als größte Tiefe wurden 42 Meter festgestellt.
Wir arbeiteten jetzt wie Galeerensklaven gegen Wind und Wellen an ([Abb. 277]). Mit jeder Schlagwelle erhielt ich eine kalte Dusche und wurde bis auf die Haut durchnäßt. Es leckte und tropfte von meiner Mütze, und meine Brille leistete mir schlechte Dienste. Notizbücher, Decken und sonstige Sachen waren wie ins Wasser getaucht. Endlich aber erreichten wir doch die Insel; hier war der Wellenschlag geringer. Noch unmittelbar am Ufer betrug die Tiefe 34 Meter. Ganz erschöpft von der Anstrengung vertäuten wir das Boot. Es wurde ganz aufs Ufer hinaufgezogen, damit es uns nicht forttriebe, in welchem Falle unsere Lage höchst bedenklich gewesen wäre.
Die kleine Insel hat die Gestalt eines Sattels; sie besteht aus zwei Bergkuppen mit einer flachen Einsenkung in der Mitte, einer Landenge, die nur 300 Meter breit ist. Ich ging über die Enge nach dem Westufer, gegen welches die Wellen mit erschreckender Wut anstürmten. Welche Freude haben wir jetzt an der Sonne, die uns von dem glänzend türkisblauen Himmel herab mit ihrem goldenen Lichte überflutet, während der Wind über den launenhaften See hinfährt und die Wellen zum wilden Tanze auffordert.
Nachdem wir uns mit unserem unfreiwilligen Gefängnisse bekannt gemacht hatten, wurde das Lager aufgeschlagen ([Abb. 278]); wir breiteten mein provisorisches Bett am Ufer aus, das Boot schützte einigermaßen gegen den Wind, eine Filzdecke diente als Sonnendach. Infolge einer glücklichen Eingebung hatte ich Lektüre mitgenommen. Kutschuk schnarchte schon. Der Wind heulte in den Felsen; ich sehnte mich danach, ihn schwächer werden und verstummen zu hören. Um 3 Uhr wußten wir nichts Besseres anzufangen, als Feuer anzumachen und Tee zu bereiten. Jappkak und Argol waren in Menge vorhanden. Kutschuk ging von Zeit zu Zeit über die Enge, um sich nach dem Sturme umzusehen, kam aber stets mit dem Bescheide wieder, daß es undenkbar sei, bei solchem Wetter mit dem Boote hinauszugehen. Mit Hilfe des Fernglases sehen wir auf dem nördlichen Seeufer mehrere große Herden und Zelte.
Es ging gegen Abend. Der Wind flaute nicht ab; immer noch hörte man den See gegen das Westufer der Insel branden, wo die Wellen unter der Peitsche des Sturmes ihre Sklavenarbeit ausführen. Sie haben das Recht, soviel sie wollen gegen diese heiligen Ufer zu schlagen, an denen wir nur wie Zugvögel vorbeistreichen dürfen. Als wir nach Süden gingen, hinderten uns die Tibeter, jetzt, da wir uns nach Westen wenden, hindert uns der Sturm. Ich hatte unserem lärmenden Gefolge entgehen und mich in Einsamkeit der Stille der Natur erfreuen wollen; jetzt wollte ich viel lieber zu ihm zurückkehren, als auf dieser kleinen Felseninsel gefesselt sein. Es gehörte die Geduld eines Engels dazu, hier untätig und gebunden zu liegen, während das Tagesgestirn seinen Lauf nach Westen fortsetzte. Wie mir zum Hohne ging die Sonne klar unter, tiefe Schatten senkten sich auf das Lager herab, während das Ostufer noch in Licht getränkt lag. Doch bald kletterten die Schatten auch die Berge hinauf, deren Gipfel eine Weile scharlachrot leuchteten. Als auch ihre Glut erloschen war, stieg die Nacht blaukalt und rein aus dem Osten auf. Wie gern hätten wir heute so wie gestern die Uferfeuer lodern sehen, doch heute Abend war es dunkel und still, und nirgends war ein Feuer zu erblicken. Der Halbmond war die einzige Laterne, die uns in unserem Gefängnisse gewährt wurde, das wir so gern verlassen hätten, das aber trotzdem in seiner Weise friedlich und reizend war.
Vielleicht legte sich der Sturm über Nacht. Wir legten uns früh schlafen, und Kutschuk hatte Befehl, mich ein paar Stunden nach Mitternacht zu wecken. Um 4 Uhr rüttelte er mich wach. Die Sterne funkelten hell, aber der Wind war noch ebenso heftig. Trotzdem standen wir auf. Bald flammte das Feuer und erhellte das steinige Ufer. Es waren beinahe −5 Grad, und der heiße Tee schmeckte gut. Oft pflegte der Morgen ganz windstill zu sein. Unser Plan war jetzt, nach dem Südufer hinüberzurudern, wo wir unter den Felsen leidlichen Schutz finden mußten und uns schlimmstenfalls von einer Landspitze zur anderen schieben konnten. Wir hatten genug von dieser Robinsonade und sehnten uns nach der Sonne. Stumm und nachdenklich saßen wir während des Wartens am Ufer. Endlich graute im Osten der Tag, und die Bergkämme hoben sich schwarz auf dem immer helleren Hintergrunde ab. Auf einmal ging die Sonne wie eine blendende Feuerkugel auf.
Statt abzunehmen, nahm der Sturm an Heftigkeit noch zu. O welch himmlischer Geduld bedurften wir jetzt, wenn auch dieser Tag verloren gehen sollte, während die Karawane ihren Weg nach dem unbekannten Westen fortsetzte! Ein richtiger Passatwind wehte gleichmäßig und stark, ohne einen Augenblick schwächer zu werden, und leichte, weiße Wölkchen segelten zeitweise über den See hin. Der Tschargut-tso zieht sich langgestreckt von Osten nach Westen. Ich beschäftigte mich, nachdem ich mit der mitgebrachten Lektüre fertig war, damit, eine Karte des Sees zu zeichnen und darüber nachzudenken, wie günstig oder ungünstig die verschiedenen Windrichtungen für uns gewesen wären. Neun verschiedene Fälle waren denkbar. Am besten wäre östlicher Wind gewesen, doch auch solcher aus Nordosten und Südosten hätte uns geholfen. Windstille wäre beinahe ebensogut gewesen. Hätte Südwind oder Südwestwind geherrscht, so hätte das Südufer uns Deckung geboten, bei Nord oder Nordwest hätten wir unter dem Nordufer Schutz gefunden. Aber von allen diesen Fällen war natürlich keiner eingetreten, nur der neunte, westlicher Wind, für uns der direkte Gegenwind und die einzige Richtung, die uns das Aufbrechen unmöglich machte.
Auch dieser Tag war verloren. Wir verträumten die Zeit an unserem Ufer; von dem anderen her ertönte es wie das Donnern eines riesenhaften Wasserfalles, die Wellen gingen meterhoch, wir waren an unseren Felsen festgeschmiedet. Ich machte eine Kartenaufnahme von der Insel, während Kutschuk ganze Haufen Brennmaterial einsammelte; es war das einzige, womit er sich die Zeit vertreiben konnte. Nachher „versammelten wir uns zum Mittagessen“; mein Schutzzelt mußte mit Steinen verankert werden, damit es nicht fortflog. Dann gehe ich nach dem Südwestufer, wo die Felsen steil in den See hinabstürzen. Dort sitze ich und höre mit Genuß dem lärmenden Spiele der Wellen zu; ich schließe die Augen, um besser träumen zu können, aber in jedem Wellenschlage liegt wie ein Hohngelächter die Frage: „Was hast du in diesem heiligen Lande zu suchen?!“ Ich gehe dann nach dem nördlichen Berge, um Abschied von der Sonne zu nehmen. Als die neue Nacht hereinbricht, lassen wir uns an einem gewaltigen Lagerfeuer nieder und setzen unser dolce far niente fort.