Um 6½ Uhr schien die Heftigkeit des Windes abzunehmen, und die Hoffnung erwachte wieder. Um 7 Uhr ließ sich deutlich erkennen, daß die Windgeschwindigkeit abgenommen hatte, aber die dichter gewordenen Wolken schwebten mit derselben gräßlichen Eile unter dem Monde durch, der gleich einer silbernen Muschel über ihnen segelte.
284. Die Anführer unserer Leibwache. ([S. 306].)
Links Lama Schereb, rechts Jamdu Tsering und Tsering Daschi.
285. Das Tal des Boggtsang-sangpo. ([S. 306].)
Mit steigender Spannung beobachteten wir die Himmelszeichen und gingen wieder nach dem Westufer, aber der See sah noch immer ebenso aufgeregt aus, und wir mußten weiter warten. Direkt nach Westen hatte ich die Richtung nach der nächsten kleinen Felseninsel eingepeilt, und wir hofften noch vor Monduntergang dorthin zu gelangen; später würde es pechfinster werden. Nach und nach flaute der Wind ab, und wir packten unsere Sachen zusammen. Als wir im Begriff waren, das Boot ins Wasser zu setzen, schmerzte es mich beinahe, diese kleine Insel, die uns eine Freistatt gegeben und auf der ich zwei friedvolle Tage zugebracht hatte, auf ewig verlassen zu müssen.
Wir schieben unser Fahrzeug in die Nacht hinaus und streichen vor dem Winde gedeckt am Ostufer entlang. Die südliche Klippe der Insel ragt wie ein rabenschwarzes Gespenst aus den Wellen empor; ihre Wände sind von dem bleichen Mondlichte schwach beleuchtet. Als wir die Spitze umschifft hatten, kam uns der Wellengang direkt entgegen; aber jetzt war er nicht gefährlich, und die Jolle schaukelte sanft und leicht. Von der nächstgelegenen kleinen Felseninsel, unserem nächsten Ziele, war keine Spur zu erblicken; sie verschwamm mit den Gebirgen im Westen, aber ich wußte, daß sie von uns in West zu Süd lag, und gab Kutschuk dementsprechende Anweisungen beim Rudern. Selbst wenn das Wetter so ruhig und gut ist wie jetzt, ist es nicht gerade gemütlich, mitten in der Nacht auf einem unbekannten See zu schaukeln. Alles ist schwarz und undeutlich, man erhält keinen Begriff von den Umrissen der Ufer; nur die zurückgelegte Linie, ihre Zeiten, Tiefen und Geschwindigkeiten sind ebenso sicher zu bestimmen wie bei Tageslicht. Das Wasser ist schwarz wie Tinte, nur das Silber der Mondstraße tanzt auf den sich zur Ruhe legenden Wellen; der Himmel ist dunkelblau, die Wolken segeln stumm und düster wie Schatten und eilfertig wie Pilger nach Osten, doch am schwärzesten ist der Gebirgsrahmen ringsumher.
Das Boot war schwer belastet und ging tief, denn wir hatten so viel Brennmaterial mitgenommen, wie wir nur hatten unterbringen können. In meiner vorderen Boothälfte, wo ich weich und warm saß, hatte ich es ausgezeichnet. Die Lotleine mit ihren Fünfmeterknoten lag auf der Backbordreling bereit. Die Laterne beleuchtete Uhr, Kompaß, Geschwindigkeitsmesser und Marschroute, ich rauche und führe meine Beobachtungen in schönster Ruhe aus. Die größte Tiefe beträgt 37,5 Meter; sie liegt dicht bei der ersten Insel, dann hebt sich der Seeboden langsam nach der zweiten. Die wichtigsten Vorgebirge auf beiden Seiten waren passiert; es konnte nicht mehr weit nach der kleinen Insel sein. Stundenlang glitten wir weiter, ohne daß sie sich zeigte; doch es war kaum möglich, daß wir an ihr vorbeikommen konnten, ohne sie zu sehen. Erst als wir nur noch eine Minute vom Ufer entfernt waren, tauchte sie aus der Dunkelheit auf. Ich glaubte, wir näherten uns einem Gipfel, der zu dem westlich vom See liegenden Berge gehörte; aber der Gipfel wuchs in wenigen Minuten, und das Boot schrammte gegen das Ufer. So täuscht man sich beim Rudern im Dunkeln, selbst wenn Mondschein herrscht. Das Schifflein wurde an Land gezogen, und wir gingen sofort zur Ruhe.
Wir hatten die Absicht, bei Tagesanbruch gleich weiterzufahren; doch schon vorher teilte mir Kutschuk mit, es gehe wieder ein so heftiger Wind, daß an ein Weiterrudern nicht zu denken sei. Mir blieb nichts weiter übrig, als die Insel gründlicher in Augenschein zu nehmen. Sie bildet beinahe ein rechtwinkeliges Dreieck mit der Hypotenuse nach Nordwesten; das längste Ufer ist nur 330 Meter lang. Der südliche Teil der Insel wird von einer roten Konglomeratschicht gebildet, und die Ufer sind mit Blöcken von demselben Materiale dicht bedeckt. Die größte Höhe beträgt nicht mehr als 15 Meter; einige Steinmale sind dort errichtet ([Abb. 279]).