Um 12½ Uhr war es völlig windstill, aber im Westen stiegen schwarze Wolken mit Regendraperien auf. Ein neuer Sturm war im Anzug. Wir hatten das schwierigste Becken des Sees vor uns. Was gebot uns die Klugheit zu tun? Der Proviant ging zu Ende. Ich hatte stundenlang am Strande gesessen und mir, wie ein Kind, den Sand durch die Finger gleiten lassen. Auf den im Wasser liegenden, von tausendjährigen, unermüdlichen Wellen glattgeschliffenen Blöcken hatte ich Sandfestungen erbaut, um zu sehen, wie lange sie den Überschwemmungen der Wellen würden widerstehen können. Nie habe ich eine Seefahrt unter so ungünstigen Verhältnissen gemacht wie diesmal. Alle Unwetter des ganzen Landes schienen unbedingt erst über den Tschargut-tso ziehen zu müssen, oder das Tal, in dem der See liegt, mußte eine Abflußrinne für alles derartige Teufelszeug sein!

Um 2 Uhr hatten wir alles eingepackt, da aber brach der Sturm los, und es war nur gut, daß wir die Insel noch nicht verlassen hatten. Es regnete eine Weile, und die Wellen rauschten gegen die kleine Klippe. Im Süden ging eine zweite Bö über das Land und färbte alle Berge weiß. Nachdem wir eine Stunde gewartet hatten, hörte der Sturm auf einmal auf, und der Seegang legte sich schnell, nur weich abgerundete Dünungen krümmten seine Oberfläche, die Sonne näherte sich dem Horizont, und der Tschargut-tso gewährte einen herrlichen Anblick. Bei solchem Wetter konnte kein Risiko dabei sein, quer über den offenen See zu steuern; aber wir hielten doch Ausguck auf einige Landspitzen im Süden, die uns im Notfall hätten als Schutz dienen können. Kutschuk ruderte scharf, und ich peilte von Zeit zu Zeit. Die größte Tiefe betrug fast 48 Meter.

Die schützenden Landspitzen hatten wir hinter uns zurückgelassen, als es wieder im Westen dunkel zu werden begann; der Donner grollte dumpf über den südlichen Bergen, wo es in Strömen regnete oder schneite, und über das nördliche Ufer, das jetzt in weiter Ferne lag, zog ebenfalls ein Unwetter hin. Über dem See herrschte einstweilen noch klares Wetter, und die Sonne ging in leichten Wolken unter. Doch über den senkrecht abstürzenden Felsen des südlichen Ufers, nach denen wir jetzt hinsteuern, erhebt sich eine stahlblaue, drohende Wolkenwand. Indessen ist es andauernd ruhig, und die Wolke scheint stillzustehen und sich ihres Inhalts nur auf einer Stelle zu entladen. So gut sollte es uns aber nicht werden. Unter den Wolken werden die unzweideutigen Anzeichen eines herannahenden Sturmes sichtbar. Die Wolken werden auf der unteren Seite hell brandgelb, als würden sie von einer Feuersbrunst beleuchtet, und wenn man diesen Farbenton sieht, weiß man sofort, was es zu bedeuten hat. Ich suchte mit dem Fernglase die Ufer ab, aber jetzt gab es innerhalb Sehweite keine rettende Bucht. Am klügsten wäre es gewesen, wenn wir uns von dem Sturme nach der kleinen Felseninsel hätten zurücktreiben lassen, denn mit dem Wellengange kann die Jolle die höchsten Wogen vertragen. Aber unser Proviant war beinahe zu Ende, und es galt, ein Ufer zu erreichen, von dem aus wir die Karawane aufsuchen konnten. Es blieb uns also nichts weiter übrig, als gegen den Wind aufzuhalten und zu versuchen, unter den Felsen des südlichen Ufers in Schutz zu kommen.

Zuerst sausten einige kalte Windstöße über den See, und dann brauste der Sturm herab wie der Habicht auf eine wehrlose Taube. Vorbei ist es mit Lotungen und Peilungen! Faßt die Ruder fester, jetzt gilt es das Leben! Es knackt und knarrt in dem Boote, und dieses klatscht mit dem Boden auf die ihm entgegenkommenden Wellen, die wie Kobolde zum Angriffe stürmen. Im nächsten Augenblick kann sein Rumpf mit einem Knalle zerspringen. Doch es gibt ein Maximum für die Wellenhöhe in Seen von dieser Größe, und dieses Maximum hat die Jolle bisher immer aushalten können. Nie habe ich so verzweifelt gearbeitet wie jetzt; wir ruderten mit langsamen, gleichmäßigen Schlägen und gewannen jedesmal ein paar Zentimeter; ich hatte mehrere Tage nachher noch große Blasen an den Händen. Der Sturm wurde zwischen den Felsen der Ufer eingepreßt und nahm an Heftigkeit zu. Drauflos, Kutschuk! Das Ufer kommt uns näher, es ist gar nicht gefährlich! Da schlägt ein Wellenkamm über die Steuerbordreling in das Boot, und das Wasser plätschert und rauscht von dem Rollen, eine neue Welle schlägt hinein, wir bekommen recht kalte Duschen von dem Spritzwasser, wir rudern mit so festen Griffen, daß uns die Knöchel weiß werden, wir tragen das Boot auf den Ruderblättern durch die Wellen! Lange kann es auf diese Weise nicht mehr fortgehen, das Boot ist halb voll Wasser, und die Wellen brechen noch immer über den Vordersteven herein — bald müssen wir sinken!

„Halte deine Rettungsboje bereit, Kutschuk, ich habe die meine!“ —

„Nein, wir können noch nach jenem Vorgebirge hingelangen, ja Allah!“ —

Und wir arbeiteten uns dorthin! Es war ein Wunder, daß wir nicht Schiffbruch litten; auf keiner von allen meinen Seefahrten in Asien bin ich einer Katastrophe so nahe gewesen!

Sobald wir unter dem Vorgebirge vor dem Winde geschützt waren, wurden die Wellen niedriger, und wir beruhigten uns und erreichten im letzten Augenblick am dunkeln Abend das Ufer. Ja, hat man nur ein sicheres Boot, so ist es keine Kunst, im Dunkeln über einen stürmischen See zu kommen, aber mit einer Zeugjolle ist es etwas anderes, und die Fahrt wird nicht gemütlicher, wenn der Wind die Sturmwolken zerreißt und der Mond den Wellenschaum versilbert, der weiß und kristallhell über unerforschten Tiefen glänzt, die bereit sind, uns in ihre kalten Arme zu schließen.

Sobald wir gelandet waren, hörte der Wind auf. Statt dessen fing es an stark zu regnen, und es regnete die ganze Nacht. Wir richteten das Boot wie ein Kutschenverdeck auf, zündeten Feuer an, trockneten unsere Kleider und schliefen dann gut, da wir von der sowohl körperlich wie seelisch kolossalen Anstrengung sehr ermüdet waren.

Am Morgen des 24. September hatten wir nur noch ein Stückchen Brot zum Frühstück. Bei gutem Wetter ruderten wir westwärts über den See weiter, der bald schmäler wurde und ein Ende nahm. Wir fuhren in eine trompetenförmige Flußmündung hinein, und nach knapp einem Kilometer befanden wir uns wieder auf einem gewaltigen See. Die Gesandten hatten ihn Addan-tso genannt, aber die Nomaden, die wir am Ufer trafen, sagten Nagma-tso. Fern im Norden zeigten sich einige Reiter. Wir hofften, daß es unsere Späher sein würden, aber sie verschwanden bald wieder und hatten das Boot augenscheinlich nicht gesehen. Wir beabsichtigten jedoch, schräg über den See nach dem ziemlich naheliegenden Nordufer zu fahren.