Ich habe soviel von unseren abenteuerlichen Seefahrten gesprochen, daß ich nur noch hinzufügen will, daß der dritte Sturm uns auf dem Addan-tso überfiel und uns buchstäblich gegen das nächste Land schleuderte, wobei sich das Boot mit Wasser füllte, so daß wir ins Wasser springen und retten mußten, was sich retten ließ. Glücklicherweise regnete es nicht. Wir breiteten unsere Sachen in dem starken Wind auf der Erde zum Trocknen aus, zogen die Kleider aus und hielten sie in den Wind, nachdem wir sie erst tüchtig ausgerungen hatten, dann lagen wir dort mehrere Stunden still. Schließlich wurde ich so hungrig, daß ich nach dem nächsten schwarzen Nomadenzelte ging; ich war aber noch nicht weit gekommen, als Kutschuk mich zurückrief und auf den kurzen Flußarm, den wir heraufgefahren waren, zeigte. Dort erschienen zwei Reiter mit drei Packpferden. Sie hatten uns gesehen und ritten gerade auf uns zu. Es waren Tscherdon und Ördek, die uns seit zwei Tagen längs des Ufers des Addan-tso suchten und gleich den anderen in größter Unruhe geschwebt hatten. Nach einer Weile kamen Tschernoff und der Lama, die uns an den Ufern des Tschargut-tso hatten suchen wollen. Sirkin war schon gestern dort gewesen und hatte in dem alten Lager am Ostufer des Sees Umschau gehalten. Sie hatten das Schlimmste befürchtet und bereits überlegt, was sie tun sollten, wenn ich nicht wiederkäme. Einige Bootstrümmer und unsere Sachen wollten sie jedoch erst finden, ehe sie die Gegend ohne ihren Chef verließen.
Tscherdon hatte mehrere Abenteuer gehabt. Mehreremal schienen uns Reiterpatrouillen zu suchen, und an einer Stelle standen 8 Soldatenzelte, um den Weg nach Lhasa zu sperren.
Wir ritten über einen Paß nach dem großen Lager; mehrere Reiterhaufen begegneten mir und geleiteten mich dorthin, artig grüßend, indem sie die Zunge herausstreckten. Das Lager lag in einem Längentale, durch welches wahrscheinlich auch Littledale gezogen war; ich wollte künftig seine Route nach Möglichkeit vermeiden. Alles war ruhig, aber dem alten Muhammed Tokta ging es schlechter. Ein Kamel war tot. Einer der Tibeter war gestorben. Wir ritten an der Leiche vorbei, die auf die Erde geworfen worden und von Geiern und Raben entsetzlich zugerichtet war; viel mehr als das Gerippe war nicht mehr davon übrig. Hladsche Tsering lud mich in sein Zelt ein und empfing mich wie einen Sieger. Unter der blauen Decke glänzten die Götterbilder matt durch einen Weihrauchschleier, und wieder gab es ein üppiges Gastmahl.
Diese Seefahrt war die letzte, die ich in Tibet machte, und das Boot sollte nachher nur noch auf einigen Flüssen benutzt werden. Ich bewahre den Tagen, die ich auf dem Selling-tso, Nakktsong-tso, Tschargut-tso und Addan-tso verlebte, ein ganz besonderes Andenken, denn sie waren für mich eine unvergeßliche Unterbrechung der langen, einförmigen Karawanenmärsche. Die Untersuchungen können nur als vorläufig betrachtet werden, aber sie gaben mir doch einen sehr wertvollen Überblick über die Hydrographie dieser wunderbar schönen Seeregion. Wenn die Wasserspiegel hier um etwa 50 Meter gehoben würden, so würde eine echte, an Norwegens und Schottlands Küsten erinnernde Fjordlandschaft entstehen. Wahrscheinlich ist auch dieses Land einst mit Eis bedeckt gewesen, obgleich man vergebens nach Gletscherspuren, Schrammen, Moränen oder erratischen Blöcken sucht. Die Gesteine sind verwittert, und alle Spuren fortgetragen, vernichtet. Der Addan-tso ist der höchste und größte See dieses Gebietes. Mehrere Flüsse von den angrenzenden Gebirgen, besonders von den hohen Schneeketten, die im Süden sichtbar sind, ergießen sich in ihn. Der Addan-tso entleert sein überflüssiges Wasser in den Tschargut-tso, und dieser hat in dem Jaggju-rappga-Flusse einen Abfluß nach dem Selling-tso. Weiter kommt das Wasser nicht; es bleibt im Selling-tso, wo es verdunstet, und daher ist auch nur dieser See salzig. In welchem Verhältnis der Nakktsong-tso zum Selling-tso steht, ist mir nicht ganz klar geworden. Möglicherweise existiert ein unterirdischer Abfluß, vielleicht aber ergießt er sich auch in einen weiter südlich liegenden See, den zu sehen uns nicht vergönnt war.
Am 25. September sollten wir uns von unseren Freunden Hladsche Tsering und Junduk Tsering, mit denen wir seit dem 12. zusammengewesen waren, trennen. Sie schickten mir jeder eine Haddik und ließen mir dabei eine gute und glückliche Reise wünschen. Dann erschienen sie selbst und versicherten, daß alles, was wir an Proviant, Führern und Lasttieren brauchten, uns dem Befehle des Dalai-Lama gemäß zur Verfügung gestellt werden würde. Als die Karawane marschfertig war, machte ich ihnen schnell einen Abschiedsbesuch und überreichte ihnen verschiedene Geschenke, wie Revolver, Messer, Kompasse und Zeugstoffe. Ich versicherte, daß ich nicht versuchen würde, nach Lhasa vorzudringen, und bat sie, den Dalai-Lama von mir zu grüßen; aber ich erklärte auch, daß ich dem Wege, den die Eskorte einschlage, nicht folgen würde. Ich sagte ihnen ein für allemal, daß die beiden Offiziere, die unsere künftige Eskorte auf dem Wege nach Westen anführen sollten, sich zu hüten hätten, mir gegenüber den Herrn spielen zu wollen, sondern mich jeden Morgen zu fragen hätten, wohin ich zu gehen wünschte. Andernfalls würden wir sie in zwei von unseren Kisten sperren und sie auf diese Weise mit in unsere Heimat nehmen.
Hladsche Tsering erwiderte, daß er und sein Amtsbruder Junduk Tsering mit einigen hundert Mann Kavallerie noch 20 Tage an dem Orte, wo wir uns trennten, zu bleiben gedächten ([Abb. 280]). Ich sah sehr wohl ein, daß dies nur eine List war, um uns davon abzuschrecken, schnell wieder umzukehren, sobald die beiden abgezogen waren, und antwortete daher, daß ich die Absicht habe, nur einige Tagereisen westwärts bis an den nächsten Süßwassersee zu gehen und dort zu bleiben, bis er vollständig zugefroren sei. Er klärte mich darüber auf, daß sie ohne Ungelegenheit ein ganzes Jahr in der Gegend lagern könnten. Als ich ihm vorschlug, daß wir, da wir ja beiderseits so viel Zeit hätten, einander denn doch lieber Gesellschaft leisten könnten, löste sich das Übertrumpfen in allgemeine Heiterkeit auf. Hladsche Tsering saß in seinem Zelte und aß Klops. Junduk Tsering war in dem seinen von Sekretären und ganzen Haufen von Papieren umgeben. Er verfaßte einen ausführlichen Bericht an den Dewaschung in Lhasa und schickte Briefe an die Häuptlinge im Westen auf dem ganzen Wege bis nach Ladak.
Unser Weg lief nach Westen durch ein 30 Kilometer breites Längental, das sowohl im Süden wie im Norden von ansehnlichen Bergketten begrenzt ward. Das Wetter war unfreundlich, kalt und windig, die Weide schlecht; trotzdem zählten wir 32 schwarze Zelte oder ungefähr 150 Einwohner auf 27 Kilometer. Sicherlich sind die Täler im Süden dichter, die nordwärts gelegenen spärlicher bevölkert; in der letzteren Richtung hört das Land überdies bald auf, bewohnbar zu sein. Mit uns ritten jetzt nur 22 Mann unter einem Anführer namens Jamdu Tsering, der bald mein ganz besonderer Freund wurde. Den Platz, an dem wir uns im Lager Nr. 89 niederließen, nannte er Schalung, und einen See, der sich im Westen zeigte, Daggtse-tso; ein Fluß, der sich in den westlichen Teil dieses Sees ergießt, heißt Boggtsang-sangpo. Da letzterer Name auf Nain Singhs und Littledales Karten vorkommt, kann man annehmen, daß auch die übrigen richtig sind. Sonst habe ich nur eine äußerst geringe Anzahl der Namen, die Littledale anführt, wiederfinden können.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Die lange Reise nach Ladak.
Am 26. September ritten wir nach der Stelle, wo sich der Boggtsang-sangpo in den See ergießt. Der Fluß teilt sich in mehrere Arme, und an den Ufern ist die Weide so reichlich, daß wir hier einen Tag rasten müssen. Wir hatten jetzt nur noch 22 Kamele, die alle sehr erschöpft waren. Die Pferde sind in schlechtem Zustand. Jetzt sahen wir nur 16 Zelte auf 28½ Kilometer, aber ziemlich große Schafherden. Die Gegend ist ziemlich reich an Kulanen, Antilopen, Rebhühnern, Hasen und Gänsen, und die Jäger versahen uns mit Fleisch in Menge. Der See ist viel kleiner als die vorhergehenden, aber stark salzig. Ringförmige Wälle an den Ufern verkünden, daß auch der Daggtse-tso im Austrocknen begriffen ist. An einer Stelle standen sieben solcher alten Uferwälle deutlich ausgeprägt übereinander.