Am 29. September legten wir 29 Kilometer zurück und lagerten am Ufer des Flusses im Lager Nr. 92 unmittelbar neben seinen brausenden Wirbeln ([Abb. 282], [283]). In der Dämmerung langten die Tibeter an und schlugen ihre Zelte uns gerade gegenüber am rechten Ufer auf.

Am folgenden Tag marschierten wir auf dem südlichen Ufer. Der Fluß macht viele Krümmungen und hat ein scharf ausgeprägtes Bett. Das südlich von seinem Tale liegende Gebirge heißt Nangra. Schagdur hatte sich ein paar Stunden lang nicht sehen lassen; als er uns aber einholte, schwenkte er triumphierend ein Bündel prächtiger Fische in der Luft. Sobald wir das Lager aufgeschlagen hatten, wurde das Boot zusammengesetzt, und die Lopmänner fischten mit dem Schleppnetz in den Flußbiegungen ([Abb. 286]). Die Angler hatten jedoch mehr Glück.

Drei Tage Marsch und den vierten Rast ist jetzt unter gewöhnlichen Verhältnissen die Regel. Infolgedessen war der 1. Oktober ein Rasttag; er wurde von den meisten zum Fischfang benutzt. Schagdur hat das größte Fischglück; er angelte 18 Stück und schoß außerdem zur Abwechslung eine Antilope. Turdu Bai steht den ganzen Tag wie ein alter, in der Sommerfrische befindlicher Onkel mit seiner Angelrute in der Hand am Ufer und hat dabei die unerschütterliche Geduld des echten Anglers. Er schmunzelte ordentlich, als er mir seinen Fang zeigte. Der Lama las heilige Schriften. Jamdu Tsering und Tsering Daschi ([Abb. 284]), die Anführer unserer Leibwache, baten mich, ihnen eines unserer Schafe zu überlassen, da sie nichts mehr zu essen hätten, beim nächsten Zeltlager sollten wir Ersatz dafür erhalten. Ihre Bitte wurde ihnen mit um so größerer Bereitwilligkeit gewährt, als sie uns schon viele Freundlichkeiten erwiesen hatten.

2. Oktober. In der Nacht hatten wir −11 Grad; der Winter naht sich, wir müssen uns beeilen, nach Ladak zu kommen. Der Tagemarsch führte nach Westsüdwest, auf dem Südufer des Boggtsang-sangpo, und zum vierten Male lagerten wir an diesem Flusse ([Abb. 285]). Die Breite betrug hier nur 6 Meter, aber die Tiefe war groß. Die Zelte sind kaum aufgeschlagen, als die Angelruten schon wieder in voller Tätigkeit sind. Während dieser Tage lebten wir hauptsächlich von Fischen, ich fast ausschließlich.

Am 3. Oktober folgten wir dem Flusse zum letzten Male und ließen ihn nachher links liegen. Ich hätte gar zu gern einen südlicheren Weg eingeschlagen, aber das Land war zu gebirgig für die Kamele. Heute tröstete ich mich überdies mit der Aussicht, den Berg kennenzulernen, den Littledale den „Vulkan Tongo“ nennt, von dem mir aber gesagt wurde, daß er Erenak-tschimmo heiße. Von unserem Lager Nr. 95 aus gesehen, glich er an Gestalt einem regelrechten Vulkankegel; aber von dem heutigen Passe sah man, daß er, wie alle anderen Kämme hier in der Gegend, eine nicht unbedeutende Ausdehnung nach Westen hatte. Die Karawane mußte ihre eigene Straße mit den Tibetern ziehen, während wir, nämlich ich, der Lama und Tschernoff, nach dem Berge hinaufritten. Über einige Konglomeratplatten gelangen wir an einen Bach am Fuße des Berges, wo ein einsames Nomadenzelt aufgeschlagen war. Wir ritten so hoch hinauf, als unsere Pferde es aushalten konnten, und gingen dann zu Fuß weiter. Bald hatten wir jedoch genug vom Klettern und rasteten eine gute Weile. An einigen Stellen trat anstehendes Gestein zutage, das aus Granit, kristallinischem Schiefer und Porphyr bestand, während verschiedene andere Gesteinarten durch lose Stücke vertreten waren. Ein Vulkan ist dieser Berg nicht und ist es auch nie gewesen; er ist nur ein Glied in den parallelen Ketten, die, von dem hohen Aussichtspunkte betrachtet, die ganze Landschaft als ein unentwirrbares Durcheinander von Kämmen und Rücken erscheinen lassen, in welchem wir nur die dominierenden Schneegipfel und die Täler, durch welche wir vom Daggtse-tso an gezogen sind, wiedererkennen. Herrlich und friedvoll war es dort oben mitten in den Wolken und Winden, fern von der Karawane und ihren kleinen Intrigen; ich wäre gern ein paar Tage dort geblieben.

Im östlichen Giebel des dritten der kleinen krenelierten Kämme gibt es eine runde Grotte mit einem äußeren und einem inneren Raume, die eine Mauer aus Steinplatten trennt. Der Eingang der Grotte ist ungefähr 3 Meter hoch. Nach der dicken Rußschicht an der Decke zu urteilen, ist die Grotte lange Zeit bewohnt gewesen; der Felsboden in ihrem Inneren ist mit Schafmist bedeckt. Wir saßen eine Weile in der Grotte und genossen die malerische Aussicht durch ihre Öffnung — das ganze Tal glänzte im Sonnenschein, während wir uns bei Windstille im kühlen Schatten befanden. Auf verschiedenen Steinplatten sind die Worte „Om mani padme hum“ eingehauen. Vielleicht hat ein Eremit, der sein Leben den Göttern des Berges geweiht, hier seinen Wohnsitz gehabt.

Dann ritten wir weiter nach einem ziemlich bequemen Passe hinauf. Unterwegs fanden wir Hamra Kul in einer Rinne. Er hätte tot sein können, so regungslos lag er auf der Seite. Ich trat an ihn heran und betrachtete ihn; er jammerte und versicherte, keinen Schritt mehr gehen zu können. Er wurde einstweilen liegengelassen, denn ich wußte ganz genau, wo ihn der Schuh drückte. Gestern war er nämlich von seinem Posten als Führer der Pferdekarawane abgesetzt worden, weil er sich wiederholt hatte Nachlässigkeiten zuschulden kommen lassen, und Mollah Schah war zu seinem Nachfolger ernannt worden.

Jenseits des Passes (5014 Meter) hatten sich die Tibeter niedergelassen, die nun kamen, um mir ihr Bedauern darüber auszudrücken, daß wir nicht auf sie hätten hören wollen, als sie gesagt, weiter fort gebe es keine Weide. Ich konnte es nicht ändern und ritt in der Dunkelheit nach dem Lager, das in einer Gegend namens Tschuring aufgeschlagen war. Hier wußte Mollah Schah, der in Littledales Diensten gewesen war, Bescheid, und zu noch größerer Gewißheit fanden wir ein Eselhufeisen, das von keiner anderen als des Engländers Karawane stammen konnte.

Der 5. Oktober, an dem wir 24 Kilometer nach Westen ritten, war einer der schlimmsten Tage, deren ich mich erinnern kann. Nachts hatten wir −13,7 Grad gehabt, und der Bach am Lager war zugefroren, so daß ich wiederholt durch das helle Krachen der Eisscheiben geweckt wurde. Bei dem Kohlenbecken in der Jurte spürt man die Kälte nicht, aber bei direktem Gegenwind und halbem Sturm war es grimmig kalt auf dem Ritte. Man erlahmt, wird durchkältet und ist schließlich arbeitsunfähig. Die Sonne stand fast den ganzen Tag am Himmel, aber der Wind neutralisiert ihre Wirkung. Sowohl die Unseren wie die Tibeter gingen meistens zu Fuß, um nicht zu erfrieren. Mir war es eine außerordentliche Anstrengung, in einer solchen Höhe gegen solchen Wind zu Fuß zu gehen. Wenn ich das Gefühl in den Händen verliere, raste ich daher eine Weile in der Schlucht mit dem Rücken gegen den Wind und rauche eine Pfeife. Einigermaßen aufgetaut, hole ich die Karawane zu Pferde ein, bin dann aber schon wieder für eine neue Rast reif. Das wird ein netter Winter werden, dachten wir, wenn schon der Herbst so eisig kalt ist! Am traurigsten ist es jedoch, daß es mit allen unseren Kamelen und Pferden beinahe gleichzeitig zu Ende geht. Eines der jungen Kamele aus Tscharchlik blieb heute schon zu Anfang des Marsches zurück. Ich wollte es töten lassen; aber nachdem es uns gelungen war, es wieder auf die Beine zu bringen, führte ich es selbst, bis es sich wieder hinlegte. Der Packsattel wurde ihm abgenommen und aufgetrennt, und es fraß das Strohpolster mit gutem Appetit. Sein ganzer Körper gewährte einen traurigen Anblick, nur Haut und Knochen, und doch will man die Tiere nicht eher opfern, als bis man sie nicht mehr dazu bewegen kann, auch nur einen Fuß vorzusetzen. Man hofft stets, an einen Weideplatz zu gelangen, wo die Müden ihre erschöpften Kräfte wiedergewinnen können. Nachdem ich einen Mann bei ihm zurückgelassen hatte, ritt ich weiter, doch nur, um bald zwei Kamele zu überholen, die ebenfalls mit ihren Führern zurückgeblieben waren. Eines von ihnen hatte die dumme Gewohnheit, bei jedem Schritt mit dem linken Vorderfuße gegen den rechten zu schlagen, wodurch eine Wunde entstanden war, die nie ruhig heilen konnte, sondern beständig blutete. Die Wunde mußte täglich nachgesehen, ausgewaschen und verbunden werden.

Später überholten wir zwei zurückgebliebene Pferde, die Kutschuk führte. Das eine von ihnen war dasjenige, welches ich geritten hatte, als ich vor mehr als zwei Jahren Kaschgar verließ, also der älteste Veteran unter den Pferden. Das andere war einer von Kamba Bombos Schimmeln. Mein Reitpferd, auf dem ich von Tscharchlik aufgebrochen war und das wir schon ein paarmal für verloren gehalten hatten, kam noch immer mit, wenn auch mit Mühe und Not.