Die Krankenliste ist gegenwärtig größer als je. Hamra Kul, der gestern zurückblieb, wurde von einigen freundlichen Tibetern geholt. Mit Muhammed Tokta geht es in alter Weise, d. h. er muß auf seinem Pferde angebunden werden und lehnt dort vornüber gebeugt, still und geduldig, gegen ein Kissen. Almas hat Augenschmerzen und behauptet, fast blind zu sein; nachdem er aber ein wenig Kokain und eine dunkle Brille bekommen, ist er bedeutend munterer. Bei solchem Wind muß man indessen ganz besonders eingerichtete Augen haben, wenn sie einem nicht wehtun sollen. Nach dem heutigen Tagemarsche braucht man eine gute Stunde, ehe man wieder arbeitsfähig ist. Ich glaube nicht, daß das Erfrieren so schlimm ist; man erstarrt zur Gefühllosigkeit ohne nennenswerte Schmerzen. Am Abend wurde auch Chodai Kullu krank gemeldet; er hatte Fieberschauer und Kopfschmerzen, weshalb er Chinin bekam. Bald steht die halbe Karawane auf der Krankenliste.

Ich ließ mir Jamdu Tsering rufen und sagte ihm, es werde jetzt wirklich Zeit, daß er uns die vom Dalai-Lama zugesagten Yake besorge; er versprach, die Sache bald ins Reine zu bringen.

Im Laufe des Tages ritten wir an dem Flusse hinauf, der sich weiter östlich in den Boggtsang-sangpo ergießt. Hier und dort sehen wir Schafhürden, die einfach aus einer halbkreisförmigen Steinmauer bestehen, deren höchster Teil dem hier vorherrschenden Westwinde zugekehrt ist. Die grauen Mauern stechen scharf ab gegen den Boden im Innern, der mit Mist bedeckt ist.

In der Gegend von Setscha (5048 Meter) mußten wir an einem nicht unbedeutenden Flusse Halt machen; Ahmed, Islam, Hamra Kul, der Mollah, Tschernoff, drei Kamele und zwei Pferde waren zurückgeblieben. Sie langten erst lange nach Dunkelwerden an. Das erste Kamel hatte getötet werden müssen, das zweite sollte morgen geholt werden, nur das dritte war noch mitgekommen. Ein Pferd war gestorben, das Kaschgarpferd lag am folgenden Morgen, 6. Oktober, tot beim Lager, ein drittes brach auf dem Wege nach dem nächsten Rastorte zusammen. Die Karawane verkleinert sich nur allzu schnell!

Die Nachtkälte sank auf −14,9 Grad, und das Eis des Flusses trug. Ein ganz kurzer Tagemarsch wurde gemacht, um einen Platz mit besserer, wenn auch erbärmlicher Weide zu erreichen. Wenn wir so langsam vorwärtsschreiten, können wir kaum hoffen, vor Weihnachten nach Ladak zu gelangen. In dem Lager Nr. 98, wo wir Yake erhalten sollten, wurden im Laufe des Tages alle unsere Sachen umgepackt. Alle Lasten wurden auseinandergenommen und zu kleineren Ballen verschnürt, denn der Yak ist einer Kamellast nicht gewachsen.

Schon um 9 Uhr abends hatten wir −10,6 Grad und nachts −17,9 Grad. Der Winter hatte schon seinen Einzug gehalten, und sein Regiment würde nun volle sieben Monate dauern!

Unter dem Vorwand, nach Weide zu suchen, eigentlich aber um nicht denselben Weg wie Littledale gehen zu müssen, brach ich am Morgen des 7. Oktober nach einer südlicheren Richtung auf und nahm Tschernoff, Li Loje, den Lama und Kutschuk, 4 Maulesel, 5 Pferde und Proviant mit. Über Nacht waren 18 vortreffliche Yake angelangt; sie mußten die Lasten übernehmen ([Abb. 287]), und die meisten unserer Tiere, vor allem die erschöpften, wurden mit Arbeit verschont. Schagdur wurde zum Befehlshaber ernannt und hatte das Recht, überall, wo gute Weide war, einige Tage zu bleiben. Die Kranken waren in Besserung; nur für die Genesung des alten Muhammed Tokta war nicht viel Hoffnung vorhanden, er blieb aber in bewundernswerter Weise guten Mutes.

Als wir uns in Gang setzen wollten, stürmten eine Menge Tibeter herbei und ergriffen unsere Pferde und Lasttiere bei den Zügeln und Halftern; sie könnten uns unter keiner Bedingung nach Süden reiten lassen, denn dann würden sie alle geköpft werden. Ich ließ ihnen durch den Lama sagen, wenn sie die Tiere nicht sofort losließen, würden wir zu den Revolvern greifen, was für sie entschieden sehr unangenehme Folgen haben könnte. Sie zogen sich zurück, folgten uns aber noch eine Strecke weit zu Fuß und versicherten, daß es hierzulande nach Süden hin weder Weide noch gangbare Wege gebe. Als wir schließlich nicht mehr antworteten, kehrten sie um.

Über einen nicht sehr hohen Paß in der nächsten Kette gelangten wir an den Oberlauf des Tschuring. Der Fluß war hier teilweise zugefroren. Tschernoff stach fünf mittelgroße Fische mit seinem Säbel, fiel jedoch in seinem Eifer dabei ins Wasser. Auf dem Passe erschien jetzt eine Schar von 12 Tibetern, die den steilen Abhang hinunterjagten, uns bald einholten und uns mit ihrem ewigen Schellengeklingel und Waffengerassel folgten. Tsering Daschi führte die Schar; die übrige Mannschaft blieb unter Jamdu Tsering bei der Karawane. Wir ritten an einigen Zelten vorbei, deren Bewohner bestürzt herauseilten, um diese außergewöhnliche Gesellschaft zu betrachten. Tsering Daschi zeigte nach einem Passe im Nordwesten, dem „einzig möglichen“, aber wir ließen uns nichts weismachen, sondern gingen flußaufwärts weiter. Ein Schimmel, der schon müde war, zwang uns Lager zu schlagen, und wir beschäftigten uns dann mit ergiebigem Fischfang. Abends traf noch eine Reiterschar ein, und wir hörten, wie sich die Männer eifrig miteinander berieten.

Bei Tagesanbruch erhielt unser Gefolge wieder Verstärkung, und jetzt erschien auch der alte Jamdu Tsering. Die Tibeter hatten keine Zelte mitgenommen und hockten frierend unter freiem Himmel. Der alte Herr sah bedauernswert aus; er war die Nacht durch geritten und war durchgefroren, niedergeschlagen und betrübt über die Sorgen, die wir ihm machten. Er bat mich, doch um Gottes willen wieder zu der Karawane zurückzukehren, und sagte, als nichts half, er habe seine Soldaten die Lasten von den Yaken nehmen lassen — sie dürften uns nicht helfen, wenn wir uns ihrem Willen nicht fügten. Dies war entschieden gelogen, andernfalls hätte mir Schagdur einen Kurier geschickt.