Als wir talaufwärts nach Süden weiterritten, erklärte Jamdu Tsering, daß er jetzt wirklich zurückreiten und uns die Yake nehmen werde. „Tut das“, sagte ich, „nehmt euch aber vor den Kosaken in acht!“ Es wimmelte um uns her wieder von Soldaten und Reitern; eine neue Mobilmachung war in Szene gesetzt worden. Der gute Jamdu Tsering hatte so viel zu bedenken, daß er gar nicht wußte, wo ihm der Kopf stand.

Während des Rittes sahen wir noch mehrere Nomadenzelte im Tale. Sind die Bewohner gar zu zudringlich, so braucht nur ein Soldat eine Handbewegung zu machen, und sie verschwinden. Merkwürdig, wie dies halbwilde Volk zusammenhält! Eine Art Freimaurerei scheint unter ihnen zu herrschen; sie sind den Göttern und der Obrigkeit in blindem Gehorsam untertan und würden sich durch kein Gold erkaufen lassen. Es würde uns nicht gelingen, jemand zu überreden, uns einen Weg nach Süden zu zeigen. Man denke, ein Land, in dem es keinen einzigen Verräter gibt!

Am Ufer des Dschandin-tso, des Quellsees des Tschuring, wurde das Lager Nr. 100 aufgeschlagen. Der See war leicht überfroren, aber der Wind zertrümmerte nachher den Eisspiegel.

Am 9. Oktober lag der See nach einer kalten Nacht wieder eisbedeckt da. Nur sechs Tibeter waren noch bei uns geblieben. Sie erkundigten sich höflich nach unseren Absichten, und ich deutete nach Westsüdwest, wo sich ein Tal öffnete. Die Tagereise führte uns durch dieses, und sobald wir jene Richtung eingeschlagen hatten, verschwanden drei Reiter, um Jamdu Tsering Bescheid zu bringen. Der Paß, der jetzt überschritten wurde, hatte eine bedeutende Höhe, und von seinem Kamme hat man die großartigste Aussicht über diese gigantischen, majestätischen Gebirgsgegenden. Gerade im Westen erhebt sich, ganz mit ewigem Schnee bedeckt, der gewaltige Gebirgsstock Schah-gandschum. Er bildet drei Dome, von denen der mittelste der höchste ist, und hatte in der völlig klaren, reinen Luft eine herrliche Wirkung; man sehnt sich förmlich nach seiner friedlichen Freistatt.

In der Gegend Amrik-wa ließen wir uns zwischen den Höhlen der Murmeltiere nieder. Der Wind heulte um das Zelt, es war so kalt, wie in dem ärgsten Eiskeller, man ist wie zerschlagen von der Kälte.

Der folgende Tag war von demselben trostlosen Pfeifen und Stöhnen des Windes begleitet. Der Himmel ist leuchtend blau wie der edelste Türkis; aber dennoch hält der unermüdliche Passatwind an, der von allem Ungemach hier im Lande das ärgste ist. Unser Weg geht zwischen dunkeln wilden Felsen über mehrere unbedeutende Pässe nach Westnordwesten. Hier gibt es viele Kulane, Antilopen und Wölfe. Das Tal wird schließlich offener, und der Boden senkt sich langsam nach Nordwesten. Auf der linken Seite zeigen sich fünf Zelte. Wir rasten unter einem einzelnen Berge, um geschützt zu sein, aber über seinem Gipfel toben und brausen die Windstöße wie wirbelnde Wasserfälle. Einige Ketten sind mit Schnee bedeckt, und der Wind bläst den Schnee von ihren Kämmen, daß er weißen Puderwolken oder in der Sonne blendend weiß erscheinenden Kometenschweifen gleicht.

11. Oktober. Der Zustand der Pferde erlaubte keine weiteren Abstecher nach Süden. Wir waren in viel zu hohe Regionen geraten und mußten uns wieder mit den Unsrigen vereinen. Wir ritten daher über ein sehr offenes, weites Tal nach Nordwesten, wobei der herrliche Schah-gandschum links von unserem Wege in unserer unmittelbaren Nähe sich frei erhob. Der Koloß gewährte mit seinem ewigen Schnee und seinen vier rudimentären Gletschern einen wundervollen Anblick. Littledale nennt ihn Shakkanjorm; er ging hier durch ein nördlicheres Tal.

Auf halbem Wege trafen wir Jamdu Tsering, der uns durch seine Kuriere die ganze Zeit über im Auge behalten hatte. So seltsam es auch klingen mag, wir freuten uns beide aufrichtig, einander wiederzusehen, und begrüßten uns auf das freundlichste. Er könne nun selbst sehen, sagte ich, daß ich mit meiner Reise nach Süden keine bösen Absichten gehabt habe, wogegen er beteuerte, es habe ihm nur leid getan, daß ich unnötigerweise über eine ganze Reihe von Pässen klettern sollte, und er sei ganz entsetzlich besorgt gewesen, daß dies mich angreifen würde!

In einem Quertale ritten wir nach Nordwesten weiter. Der Lagerplatz der großen Karawane lag an einem Quellbache, der klein, aber tief, klar und fischreich war, so daß ich zum Mittagsessen wieder Fische erhielt ([Abb. 288]). Alle befanden sich gut, außer unserem Alten, dessen ganzer Körper aufgedunsen war. Ich versuchte, ihn auf die zweckmäßigste Weise zu behandeln; er erklärte jedoch, er wolle gar nicht geheilt werden, er habe nur den Wunsch gehabt, mich noch einmal wiederzusehen und dann zu sterben! Armer Mann!

In diesem Lager, Nr. 103 (4860 Meter), trennten wir uns am 13. von Jamdu Tsering und Tsering Daschi, die nur beauftragt waren, uns bis hierher an die Grenze zu bringen, und nun baten, ihnen zu bescheinigen, daß sie ihren Dienst gut verrichtet hätten und ich mit ihnen zufrieden gewesen sei. Man sieht daraus, daß sie Befehl erhalten hatten, höflich zu sein. Der Lama mußte das Zeugnis aufsetzen. Hier in der Gegend soll die Grenze zwischen Nakktsong und der nächsten Provinz sein, deren Name, Bomba, auch auf Littledales Karte angegeben ist. Ein neuer Häuptling, Jarwo Tsering, sollte von nun an für unsere Weiterbeförderung sorgen.